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Das traurige Schicksal von Thi Han

Vor 40 Jahren endete der Vietnam-Krieg. Doch unter den Spätfolgen leiden noch immer Zehntausende.

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© dpa

Von Christiane Oelrich, Da nang

Der Alte schlurft in seiner kargen Stube schwerfällig zum Schrank. Er holt eine Plastikmappe hervor, eingeschlagen in ein schmuddeliges Tuch. Mit zitternden Fingern kramt der Vietnamese durch die Mappe. Da ist es: ein vergilbtes Papier, am Rand ausgefranst, mit der Schreibmaschine geschrieben. „Hguyen Triem hat als Fahrer für den US-Sicherheitsdienst NSA gearbeitet. Er war sehr gewissenhaft, und wir empfehlen ihn uneingeschränkt“, steht da.

Vor 40 Jahren, am 30. April 1975, fiel die südvietnamesische Stadt Saigon, das letzte von den Amerikanern gestützte Bollwerk gegen die Armee Nordvietnams. Die Amerikaner flohen in Hubschraubern aus Saigon, heute Ho-Chi-Minh-Stadt. Der „amerikanische Krieg“, wie es in Vietnam heißt, ist Geschichte, aber die Folgen nicht.

Hguyen war den Amerikanern in Da Nang zu Diensten. Am Flughafen wurden Tausende Giftfässer gelagert; Entlaubungsmittel wie das dioxinhaltige Agent Orange, das schwere Gesundheitsschäden und Geburtsfehler in den nachfolgenden Generationen verursachte.

Hguyen hat sieben Kinder. Der älteste Sohn ist tot. Die drei nächsten, in den 60er-Jahren geboren, sind schwer behindert. Dava, die Organisation von Agent-Orange-Opfern in Da Nang, kümmert sich um die Hguyens, sie bringt mal Essen, mal ein bisschen Geld. Drei Millionen Menschen haben nach offiziellen Angaben in Vietnam Folgeschäden, mindestens 150 000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren. Es sind Soldaten, die den giftigen Chemikalien ausgesetzt waren, aber vor allem deren Kinder und Enkel. Noch heute kommen Kinder mit Behinderungen auf die Welt, die in den USA seit Jahren als typische Folgen von Dioxin-Vergiftung anerkannt sind.

Nguyen Huu Hung hat nach dem Abzug der Amerikaner 18 Jahre in Dalat gearbeitet; einer Region, die schwer mit Entlaubungsmittel verseucht war. Der 61-Jährige sorgt allein für seine behinderten Töchter. Thi Han, geboren 1986, sitzt im Rollstuhl neben ihm. Die ältere Tochter, geboren 1981, steht daneben. Die Ältere sei körperlich okay, aber geistig behindert, in ihren Reaktionen manchmal unberechenbar. „Ich dachte, ich schaffe es nicht, ich wollte mir das Leben nehmen“, sagt er. „Aber was wird dann aus meinen Kindern?“

Der Gifteinsatz, „Operation Ranch Hand“, begann 1962 und dauerte neun Jahre. 75 Millionen Liter Entlaubungsmittel und Unkrautvernichter wurden versprüht, um Ernten zu zerstören und Dschungelkämpfer auf ihren Geheimpfaden aus der Luft besser sehen zu können.

„Agent Orange wurde in einer 50 mal höheren Konzentration versprüht als für die Zerstörung von Pflanzen empfohlen“, schreibt das amerikanische Aspen-Institut. „Viele Böden sind bis heute vergiftet und nicht nutzbar.“ Den „größten chemischen Kriegsangriff der Weltgeschichte“ nennen das später US-Veteranen, die die „Kampagne Vietnam Agent Orange Hilfe und Verantwortung“ gründen.

Eines der späten Opfer ist Nghia Quach Dai. Der Sechsjährige hat eine Hand mit nur zwei Fingern, und ein Bein, das unter dem Knie endet. „Der Vater meiner Frau war Soldat“, sagt sein Vater, der Nghia ins Orthopädie-Zentrum in Hanoi gebracht hat. Es passt Prothesen an und bietet Physiotherapie. Linh Chi ist elf und wartet auch auf eine neue Beinprothese. Ihre Mutter hatte einen Nierentumor, deren Vater, auch Soldat, starb mit 66 an Krebs.

In den USA wurden 2,6 Millionen US-Veteranen als Agent-Orange-Opfer anerkannt. Die Veteranenbehörde hat Milliardenbeträge an sie und ihre Nachkommen ausgezahlt. Mehr als 20 Krankheiten gelten als direkte Folge von Agent Orange, darunter Leukämie, Prostatakrebs, Nervenleiden, Diabetes, Parkinson. Direkte Verantwortung für die Opfer in Vietnam lehnen die USA zwar ab. Sie fördern aber Programme für Behinderte in Vietnam.

Die halbstaatliche vietnamesische Organisation der Agent-Orange-Opfer (Vava) ist empört, dass die vietnamesischen Opfer leer ausgehen. „Das US-Militär war relativ kurz hier. Aber wir müssen mit den Konsequenzen über Generationen leben“, sagt Generalsekretär Nguyen The Luc. „Hunderttausende sind schon gestorben, in manchen Familien ist fast eine ganze Generation ausgelöscht.“ In vielen Familien tauchten die Geburtsschäden erst in der dritten Generation auf.

In den 90er-Jahren begann die kanadische Umweltconsultingfirma Hatfield, Bodenproben zu nehmen. „Die mit Entlaubungsmittel besprühten Wälder und Felder waren nicht mehr mit hohen Dioxin-Konzentrationen verseucht“, sagt Hatfield-Biologe Thomas Boivin. „Aber rund um die damaligen US-Stützpunkte sieht es anders aus.“

2012 begannen die USA, die verseuchten Böden zu reinigen. Beau Saunders leitet das Projekt am Flughafen von Da Nang. Dort steht ein gigantischer „Ofen“ aus Beton; eine Anlage, so groß wie ein Fußballfeld. „Wir haben verseuchte Erde abgetragen, bislang 45 000 Kubikmeter. Die muss mindestens 21 Tage bei 325 Grad gekocht werden“, sagt Saunders. „Dann ist die Erde dioxinfrei, aber sicher sehr steril und nicht als Nährboden geeignet.“ (dpa)