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Das ungewöhnliche Krankenhaus

Vor 45 Jahren wuchs in Liegau ein Plattenbau, der heute eine der renommiertesten Spezialkliniken Deutschlands ist.

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© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

Liegau. Als die Bauleute damals in Liegau in ihre Autos stiegen und nach Hause fuhren, ahnten sie nicht, dass sie da gerade ein Krankenhaus gebaut hatten. Noch dazu eines, das mittlerweile eines der hochspezialisiertesten Deutschlands ist. Eines, in dem Wege gefunden worden sind, um eine vermeintlich unheilbare Krankheit heilen zu können. Epilepsie.

1988 öffnete hier eine Kurzzeitstation mit zwölf Betten, die der Grundstein für das heutige neurologische Krankenhaus des Epilepsiezentrums war.
1988 öffnete hier eine Kurzzeitstation mit zwölf Betten, die der Grundstein für das heutige neurologische Krankenhaus des Epilepsiezentrums war. © Archiv Kleinwachau
1971 – vor 45Jahren – wurde im Epilepsiezentrum Kleinwachau in Liegau-Augustusbad das Bodelschwing-Haus eingeweiht. Gedacht war der viergeschossige Plattenbau zunächst als Wohnheim für Epilepsiepatienten.
1971 – vor 45Jahren – wurde im Epilepsiezentrum Kleinwachau in Liegau-Augustusbad das Bodelschwing-Haus eingeweiht. Gedacht war der viergeschossige Plattenbau zunächst als Wohnheim für Epilepsiepatienten. © Archiv Kleinwachau

Doch als damals – Anfang Dezember 1971 – der symbolische Schlüssel für den neuen, vierstöckigen Plattenbau gleich an der Einfahrt zum Epilepsiezentrum Kleinwachau in Liegau übergeben wurde, passte dieser Schlüssel nicht in eine Krankenhaustür. Sondern in die Tür eines Wohnheims. Denn als solches war das auf den Namen Bodelschwing-Haus getaufte Gebäude gebaut worden. Wobei auch der Name passend gewählt war: Pastor Friedrich von Bodelschwingh, war in Deutschland der Erste, der sich Epilepsiekranker angenommen hatte. 210 Plätze für die Unterbringung von Epileptikern hatte Kleinwachau nun – und das Bodelschwinghaus bringt spürbar Entlastung. Auch, wenn auf alten Fotos zu sehen ist, dass die Zimmer des Neubaus nicht wirklich mit großzügigem Platz aufwarten können. Zwei Doppelstockbetten links und rechts, in der Mitte ein Tisch …

Dann müssen die Bauleute erneut ran. Denn im April 1988 wird im Bodelschwing-Haus eine Kurzzeitstation eröffnet. Zwölf Patienten-Betten gibt es hier, und neben Laboren zur Blutuntersuchung und zur Diagnostik, besteht die Möglichkeit zur Videoaufzeichnung. Was wichtig für die Diagnostizierung der Anfallsleiden ist. Und auch fast schon eine kleine Sensation.

Bundesweit empfohlene Experten

In der Wendezeit wächst die Station auf 15 Betten an; und wird 1991 als Krankenhaus anerkannt. Wobei damals noch niemand ahnt, dass dies quasi der Grundstein für eine der renommiertesten Spezial-Kliniken werden wird, die Deutschland zu bieten hat. Nicht ohne Grund konnte Dr. Thomas Mayer – seit 2003 Chefarzt des neurologischen Krankenhauses – im April des vergangenen Jahres als Geschäftsführer im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie die internationale Drei-Länder-Tagung des Verbandes in Dresden organisieren, zu der über 1 000 Mediziner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angereist waren. Und nicht ohne Grund fand sich Dr. Mayer gemeinsam mit seinem Kollegen Nils Holert – Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin im Epilepsiezentrum – jüngst im Magazin „Focus-Gesundheit“ wieder. Das Magazin listete Heft für Heft die 2 500 führenden Mediziner Deutschlands auf, die das Recherche-Institut Munich Inquire Media durch Patientenbefragungen und Urteile von Fachkollegen erstellt hat. Im Bereich „Gehirn und Nerven“ stehen die beiden Kleinwachauer Mediziner mit ganz oben. Und zählen damit zu den bundesweit besonders empfohlenen Experten bei der Behandlung von Patienten mit Epilepsie.

Schon seit 2004 besteht in der Klinik beispielsweise auch die Möglichkeit zum sogenannten Intensiv-Monitoring. In einer Extra-Station des Krankenhauses wird dabei in gut zweiwöchigen Untersuchungen bei Epilepsiepatienten der genaue Erkrankungsherd im Gehirn aufgespürt. Anschließend kann der „Herd“ an der Uni-Klinik Dresden herausoperiert werden. Mit hohen Heilungs-Chancen.

Zwölf neue Betten

Kein Wunder also, dass sich derzeit erneut Baukräne drehen. Neben dem bisherigen Krankenhaus entsteht bis zum Jahresende ein moderner Erweiterungsbau. Rund fünf Millionen Euro werden hier verbaut –  und die Kleinwachauer werden erneut Schrittmacher spielen. Denn hier wird künftig ein Team arbeiten, das auch aus Physiotherapeuten und einem Allgemeinmediziner besteht. Denn die meisten Patienten leiden nicht „nur“ an Epilepsie, sondern haben auch noch weitere schwere Behinderungen und Erkrankungen. Diese „Puzzle-Teile“ sollen hier nun zu einer komplexen Behandlung zusammengeführt werden. Ein Herangehen, das es so „im Erwachsenenbereich bisher in Deutschland noch nicht gibt“, klingt der Chefarzt begeistert.

Zwölf neue Betten werden dabei im Anbau entstehen – die Kapazität der Klinik wird anschließend auf insgesamt 56 steigen. Was dringend notwendig ist, denn die Nachfrage nach Plätzen in dieser hochmodernen Einrichtung des Epilepsiezentrums steigt stetig an. Aktuell werden hier rund tausend Patienten jährlich stationär und über 3 000 ambulant betreut.

Das konnten die Bauleute vor 45 Jahren wirklich nicht ahnen, als sie nach getaner Arbeit in Liegau in ihre Autos stiegen …