Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Das vergessene Planetarium

Das Astronomie-Kabinett der ehemaligen Karl-Marx-Oberschule nutzt keiner mehr. Gibt es eine Rettung?

Teilen
Folgen
NEU!
© Kristin Richter

Von Mareike Huisinga

Pirna. Liebevoll streicht Klaus Gebhardt über den schwarzen Kuppelprojektor und guckt danach skeptisch auf seine staubigen Finger. „Das macht mich schon traurig“, sagt der pensionierte Lehrer. Er steht in dem Planetarium der ehemaligen Karl-Marx-Oberschule, die nach der Wende Heinrich-Heine Schule hieß und bis 2003 bestand. Heute sind in dem großen Gebäude an der Rottwerndorfer Straße die Evangelische Mittelschule und das Evangelische Berufliche Gymnasium Mieter.

Klaus Gebhardt schaut auf den runden Raum mit der weißen Kuppel, an die früher der Sternenhimmel projiziert wurde. Ganz eindeutig hat die Anlage schon mal bessere Tage gesehen. Erneut versucht er, den Projektor in Gang zu setzen. Ohne Erfolg. Der Pädagoge bedauert den Verfall der Anlage, die er jahrelang betreut hatte. Der Astronomie- und Physiklehrer erinnert sich genau. Das Planetarium wurde 1963 auf Initiative des damaligen stellvertretenden Schuldirektors Fürchtegott Küttner gebaut und ein Jahr später in Betrieb genommen. „Zahlreiche Eltern packten mit an“, berichtet Gebhardt. Unterstützung kam aber auch von den Partnerbetrieben der Oberschule, dem Heckmann-Werk und dem Fahrzeuggetriebewerk Pirna.

In der damaligen Mangelwirtschaft war es besonders schwierig, geeignete Linsen für den Projektor zu bekommen. Küttner war nicht bange und schrieb spontan die optischen Werke in Rathenow an. Volltreffer! „Man sandte uns ausgemusterte Linsen. Ich weiß noch, dass sie in einer großen Expressgutkiste im Pirnaer Güterbahnhof ankamen“, blickt Gebhardt zurück. Die besten Linsen konnten für das Projekt Planetarium verwertet werden. Rund 20 Schüler fanden in dem runden Raum Platz, in dem noch heute die alten Klappsitze aus Holz stehen. Sie stammen übrigens aus dem Pirnaer Kino. „In den 1960er Jahren erhielt das Kino eine neue Bestuhlung, sodass wir uns die alten Sitze abholen konnten“, berichtet Gebhardt.

Der projizierte nördliche Sternenhimmel drehte sich im 360-Grad-Horizont an der Kuppel. Knapp 20 Minuten dauerte die Vorstellung. Anschließend mussten die Schüler im Nachbarzimmer Arbeitsblätter zum Thema ausfüllen. Auch dieser Raum scheint Geschichte zu atmen. Immer noch stehen hier von Schülern gebastelte Modelle, die unter anderem die Bahn des Halley’schen Kometen zeigen. Siegmund Jähn lächelt von dem gerahmten Foto von der Wand herunter.

Schüler nahmen viel Wissen mit

Bis zu seiner Pensionierung 2004 hat Klaus Gebhardt den Schülern hier die Gestirne erklärt. Seitdem verstaubt das Planetarium. Viel besser ist es dem früheren Ausguck mit den Teleskopen auch nicht gegangen. Die Aussichtsplattform befand sich gleich neben dem Planetarium. Der Raum ist seit Jahren wegen Baufälligkeit geschlossen. Man konnte von hier den Sternenhimmel in natura beobachten. „Ein Fernrohr hatte sogar eine Kamera. Die Aufnahmen wurden für den Unterricht verwendet.“ Einige schickte man an die Archenhold-Sternwarte nach Berlin. Aber auch den sowjetischen Satelliten Sputnik verfolgten die Pirnaer Jungen und Mädchen von dem Observatorium auf dem Dach ihrer Schule.

„Die Schüler waren fasziniert“, sagt Gebhardt. Er selber ist fasziniert davon, wie viel Wissen bei seinen Zöglingen hängengeblieben ist. „Auf den Klassentreffen der Ehemaligen sprechen wir oft über das Fach Astronomie und das Planetarium“, erzählt der Pirnaer. Er bedauert es zutiefst, dass Astronomie als eigenständiges Unterrichtsfach 2007 aus dem Lehrplan gestrichen wurde und mit nur 30 Unterrichtsstunden im Fach Physik aufging. Eine falsche politische Entscheidung, sagt Gebhardt. Zurück zum Planetarium. Eigentümer sämtlicher Gerätschaften einschließlich der Teleskope ist die Stadt Pirna. Stadtsprecher Thomas Gockel betont, dass die Utensilien zeitnah der Sternwarte in Graupa angeboten werden sollen. Eine Arbeitsgemeinschaft des Graupaer Heimatvereins betreut die Sternwarte ehrenamtlich. „Ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn somit Teile des Planetariums gerettet werden könnten“, sagt Gebhardt und schließt mit dem großen Schlüssel den Dachboden wieder ab.