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„Das Verhalten der Auto-Manager ist skandalös“

Ines Kummer, Grünen-Direktkandidatin für den Bundestag, erklärt, warum Umweltschutz die Zukunft entscheidet.

© Norbert Millauer

Frau Kummer, mit Blick auf die aktuellen Umfragen: Warum dringen die Grünen mit ihren Themen nicht durch?

Wir kämpfen um die Unentschlossenen.

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Eigentümer sollten nicht blind darauf vertrauen, die Kosten von der WEG erstattet zu bekommen. Das sollten sie wissen.

Mit welchen Positionen?

Unser Kernthema ist Umwelt- und Klimaschutz. Damit hängen viele andere Themen zusammen, etwa die soziale und globale Gerechtigkeit. Denken Sie an die Bekämpfung von Fluchtursachen. Schon jetzt ist der Klimawandel in Westafrika Hauptgrund für Flucht. Wichtig ist, dass Deutschland seine selbstgesteckten Klimaziele erreicht, da müssen wir viel mehr tun. Der Dieselskandal ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir brauchen die ökologische Verkehrswende, mit Elektro-Mobilität, dem Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und modernen Mobilitätskonzepten wie Car-Sharing und guten Radwegen.

Jetzt haben Sie fast meinen ganzen Fragenkatalog auf einmal abgeräumt.

Wie gesagt: Fast alle anderen Themen hängen mit Klima- und Umweltschutz zusammen. Wenn wir die Erderwärmung jetzt nicht in den Griff bekommen, müssen wir uns in naher Zukunft über andere Themen gar keine Gedanken mehr machen.

Klima ist ein globales Phänomen. Was kann Deutschland als einzelnes Land überhaupt erreichen?

Wir Grünen wollen, dass unser Land wieder Vorreiter bei der Energiewende wird. Die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke müssen sofort abgeschaltet werden, die restlichen 130 sollen bis 2030 vom Netz. Dann soll Strom vollständig aus erneuerbaren Energien kommen. Aber Sie haben recht: Klimaschutz hört nicht an der Grenze auf. In Europa müssen wir zusammen handeln.

Deutschland bekommt international Lob für die Energiewende, China etwa guckt ganz genau, wie wir das machen. Wie bewerten Sie das Projekt, komplett auf erneuerbare Energien umzusatteln?

Derzeit läuft die Energiewende viel zu langsam. Noch immer sind die großen energieintensiven Unternehmen von der EEG-Umlage befreit. Das geht zulasten der Verbraucher. Solarenergie muss stärker gefördert werden. Für unseren Landkreis haben wir ein Klimaschutzkonzept gefordert. Das hat der Kreistag 2014 beschlossen. Nun müssen konkrete Ziele folgen.

Wenn Sie es in den Bundestag schaffen – was sind Ihre wichtigsten Anliegen?

Die soziale Gerechtigkeit steht für mich ganz oben. Besonders möchte ich mich für Alleinerziehende einsetzen. Wenn sie mehrere Kinder haben, sind sie besonders von Altersarmut gefährdet. Ich kenne viele alleinerziehende Hartz-IV-Empfänger – da staune ich, wie die überhaupt jeden Monat über die Runden kommen. Vor den Behörden verlieren viele ihre Würde.

Wie wollen Sie denen konkret helfen?

Wir Grünen stellen sofort zwölf Milliarden Euro für Familien bereit. Wir wollen die Grundsicherung für Kinder. Die jetzige Sozialhilfe geht an den Familien vorbei. Bei Hartz-IV-Empfängern wird das Kindergeld bisher auf den Hartz-Satz angerechnet. Das geht gar nicht.

Wie soll diese Grundsicherung für Kinder funktionieren?

Die soll es für alle Kinder unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern geben. Denn über das Wohl der Kinder darf nicht der elterliche Geldbeutel entscheiden.

Und wie wollen Sie Alleinerziehende unterstützen?

Auch diese würden von der Förderung für Kinder profitieren. Außerdem wollen wir das Ehegattensplitting abschaffen. Eine individuelle Besteuerung ist moderner und gerechter. Wir fordern eine Bürgerversicherung, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu gleichen Teilen einzahlen. Alle sollen sich daran beteiligen: Beamte, Abgeordnete, Selbstständige. Ich bin gegen private Krankenkassen. Ich finde die unsolidarisch.

Sprechen wir über Sie persönlich. Warum sollten die Bürger Sie wählen?

Ich habe einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn es ungerecht zugeht, stachelt mich das an. Die Differenz zwischen Gerechtigkeit und dem derzeitigen Recht würde ich gern überwinden.

Haben Sie ein Beispiel?

Mit dem Lohngleichheitsgesetz will ich erreichen, dass Frauen und Männer endlich bei gleicher Arbeit auch gleich verdienen.

Wie wollen Sie das kontrollieren?

Mit mehr Transparenz bei den Gehältern. Dann können wir das Thema auch öffentlich besser diskutieren.

Befürworten Sie die Frauenquote?

Noch ja. Die Quote hilft, dass mehr Frauen gleichberechtigt in Führungspositionen kommen. Zwar sind Frauen in der deutschen Bevölkerung in der Überzahl. Aber noch immer sind wir in Chefetagen, Parteien, im Bundestag oder in den Medien unterrepräsentiert.

Sie setzen sich politisch und persönlich beim Thema Asyl ein. Wie genau?

Für mich zählt der Mensch, egal, woher er kommt, welche Sprache er spricht, ob er religiös ist oder nicht. Das Menschsein ist es doch, was uns in unserer Vielfältigkeit verbindet. Asyl ist ein Menschenrecht. Deswegen können wir nicht den Familiennachzug für bestimmte Personen begrenzen. Familien sind durch das Grundgesetz geschützt. Das gilt für ausländische Familien ebenso. Kinder gehören zu ihren Eltern, dann klappt es auch mit der Integration.

Würde Deutschland den Nachzug von Hunderttausenden verkraften?

Wir verkraften das. Aber natürlich müssen wir europäische Lösungen suchen. Zudem brauchen wir wegen des demografischen Wandels mehr junge Leute in unserem Land. Dafür ist ein modernes Einwanderungsgesetz nötig.

Warum schlagen die Grünen nicht viel mehr Kapital aus dem Dieselskandal?

Die Käufer können noch immer nicht mit Sammelklagen gemeinsam gegen die großen Autokonzerne vorgehen. Wer falsch parkt, bekommt einen Strafzettel und muss den innerhalb von einer Woche bezahlen. Wenn aber die Autobauer in bisher ungekanntem Ausmaß betrügen, passiert gar nichts. Das halte ich für skandalös.

Das Thema ist dünnes Eis für die Grünen, denn Sie wollen sicher nicht die 800 000 Beschäftigen in der deutschen Autobranche an den Pranger stellen.

Die Angestellten machen einen super Job, für seine Autos ist Deutschland in der ganzen Welt hoch angesehen. Aber die verantwortlichen Manager sollten für den Betrug zur Rechenschaft gezogen werden. Um die Arbeitsplätze zu sichern, wollen wir neue Förderprogramme aufsetzen. Der Dieselskandal zeigt: Es ist höchste Zeit, in neue Antriebstechnologien zu investieren.

Sie sind fürs E-Auto. Die Umweltbilanz, gerade bei den Batterien, ist umstritten. Und dann ist die Frage, wie genau der Strom für die Autos gewonnen wird.

Die E-Mobilität wird nicht der alleinige Heilsbringer sein. CDU, SPD und Linke machen uns den Kohleausstieg schwer. Wir wollen die ökologische Verkehrswende. Das heißt: Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bis 2030, gezielte Förderung neuer Antriebe, mehr Innovation bei den Autobauern und 100 Prozent erneuerbare Energien – für sauberen Strom im Tank.

Das Gespräch führte Franz Werfel.

Infos zu allen Direktkandidaten im Landkreis sowie den SZ-Wahlcheck gibt es unter www.szlink.de/kandidatensoe