merken

„Das war kein Dummejungenstreich“

Unbekannte hatten die Gedenktafeln sowjetischer Soldaten beschossen – nicht der einzige Anschlag auf die Gedenkstätten-Stiftung.

© Robert Michael

Zeithain. Einen Monat ist der Anschlag auf die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain her. Noch immer wird ermittelt. Auch die Reparatur der beschädigten Gedenktafeln gestaltet sich nicht so einfach. Die SZ sprach dazu mit Siegfried Reiprich, dem Chef der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten.

Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Beim Vorfall waren Gedenktafeln russischer Soldaten beschossen worden.
Beim Vorfall waren Gedenktafeln russischer Soldaten beschossen worden. © Lutz Weidler

Herr Reiprich, die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain ist durch die Schändung von Gräbern sowjetischer Soldaten unrühmlich in die Schlagzeilen gekommen. Was gibt es für Reaktionen?

Nicht die Stiftungsgedenkstätte trifft die Schande – sondern die Täter, die außerhalb der Gedenkstätte Gräber beschädigten. Unsere Mitarbeiter haben sofort richtig gehandelt, was ich der russischen Botschaft, als sie anrief, mitteilen konnte. Dem russischen Leiter für Kriegsgräberfürsorge konnten wir sagen, dass wir den Vorfall nicht als Dummejungenstreich abgetan haben, sondern sofort mit einer Anzeige gegen Unbekannt wegen Störung der Totenruhe, einem möglichen Verstoß gegen das Waffengesetz und Sachbeschädigung reagiert haben.

Wie bewertet man den Vorfall in der russischen Botschaft?

Dort freute man sich über unsere klare Haltung und ist, wie auch wir, sehr besorgt darüber, dass die Würde der Toten gestört wurde – immerhin die zweitgrößte Opfergruppe des Nationalsozialismus.

Die emaillierten Bilder der toten Sowjetsoldaten wurden zielgerichtet kaputtgeschossen. Was wird jetzt aus den von den Familien gestifteten Tafeln?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Es gibt offene Fragen: Es gilt das Kriegsgräbergesetz. Aber einerseits ist die Gedenkstätte Bestandteil der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten, das Areal gehört jedoch der Gemeinde. Nun bleibt die Frage, wem die Stelen mit den beschädigten Tafeln gehören. Sie wurden geschenkt und wären vermutlich als Eigentum der Stiftung anzusehen. So könnten wir Reparaturmaßnahmen einleiten.

Tatsächlich?

Ich habe mich bereits bereiterklärt, persönlich einen nicht unerheblichen Anteil der Kosten zu spenden. Zuerst aber muss eine Lösung mit allen Beteiligten gefunden werden. Daran arbeiten wir, und am Geld soll es nicht scheitern.

Wurden die Angehörigen der Toten bereits informiert?

Auch hier sind wir dran. Wer so etwas mitbekommt, reagiert mit Bestürzung. Denn im slawischen Kulturkreis, der von der griechisch-orthodoxen und byzantinischen Tradition geprägt ist, haben die Gesichter der Toten eine viel größere Bedeutung für die Familien als bei uns.

Sind Ihnen bisher Ermittlungsergebnisse in dem Fall bekannt?

Bislang nicht. Auch das Motiv ist noch offen. Es gab Stimmen, die von einem Dummejungenstreich ausgehen. Ich sehe das kritischer. Man muss den Kontext betrachten: Wegen der Ukraine-Krise gibt es derzeit eine besondere Empfindlichkeit der russischen Seite. Man sollte die Stimmung nicht anheizen – unabhängig davon, wie man persönlich zur Politik von Präsident Putin steht.

Gab es bislang ähnliche Attentate auf Gedenkstätten in Sachsen?

Wir hatten zuletzt zwei Anschläge mit stinkendem Müll und Flaschen voller Urin auf den Sitz unserer Stiftung in Dresden. Allerdings fehlte – wie in Zeithain – ein politisches Bekenntnis dazu. Beim zweiten Vorfall gab es eine zeitliche Nähe zu einem Twitter-Beitrag von mir: Darin hatte ich mich erfreut gezeigt, dass die NPD aus dem Landtag ausgeschieden war und deren Fraktion jetzt nicht mehr einen Auftritt in der Gedenkstätte Bautzen durchsetzen könne. Allerdings kann ich nicht sagen, ob es dabei tatsächlich einen Zusammenhang gab – über die zeitliche Korrelation hinaus.

Sehen Sie eine Möglichkeit, den Ehrenhain Zeithain in Zukunft vor ähnlichen Attentaten zu schützen?

Nein, das ist leider faktisch unmöglich. Das riesige Areal müsste ständig bewacht werden. Und das jetzt, wo die Polizei kaum ausreicht, potenzielle islamistische Terroristen, oder Demagogen und mögliche Gewalttäter von den Rändern des politischen Spektrums zu überwachen beziehungsweise in Schach zu halten.

Das Gespräch führte Christoph Scharf.