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„Das war unsere Tour de France“

In Kleinmühlingen werden Erinnerungen an die Friedensfahrt, die vor 70 Jahren erstmals stattfand, von Enthusiasten liebevoll bewahrt. Die einstigen Akteure sind zum Jubiläum auch dabei.

© Wolfgang Wittchen

Von Jochen Mayer

Ohrwürmer sind Phänomene. Sie wecken Erinnerungen. Bestes Beispiel ist die Friedensfahrt-Fanfare. Sie blieb im Gedächtnis, obwohl das einstige Etappenrennen der Radamateure mit der Wende verblasste. Der Ohrwurm blieb haften, obwohl es Jahrzehnte her ist, dass die Fanfare die Rundfunkübertragungen ankündigte. Seit Anfang der 50er-Jahre gab es das markante Signalhorn, auch zu den Siegerehrungen.

Die wohl bekannteste DDR-Fanfare erklingt in Kleinmühlingen als Dauerhit. Das Dorf in Sachsen-Anhalt hat eine Rarität – ein Friedensfahrtmuseum. Horst Schäfer ist es zu verdanken, der es mit seiner Frau Gudrun und Vereinsmitgliedern hütet. Der 64-Jährige ließ nicht locker, als seine Sammlung von Friedensfahrt-Utensilien alle Garagendimensionen sprengte.

Radsportlegende Gustav Adolf Schur gefiel die Idee vom Verrückten, wie er seiner Frau zurief, der ein Friedensfahrtmuseum in die Magdeburger Börde stellen wollte. „Täve“ bat um Spenden für das Projekt bei Verzicht auf Geburtstagsgeschenke zu seinem 75. Die Grundsteinlegung erfolgte 2005, zwei Jahre später stand das Haus. Inzwischen kommen im Jahr 2 000 Besucher, Eintrittsgeld wird nicht verlangt, Spenden sind gerne gesehen. Mehr als 10 000 Stücke umfasst die bunte Sammlung von Rädern und Siegertrophäen, Zeitdokumenten und Trikots, Briefmarken und Fanpost.

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Der Kurs, hier bei einem frühen Rennen zwischen Berlin und Cottbus, ist dicht gesäumt.
Der Kurs, hier bei einem frühen Rennen zwischen Berlin und Cottbus, ist dicht gesäumt. © ullstein bild
Reporter Heinz-Florian Oertel befragt den 1968er Sieger Axel Peschel.
Reporter Heinz-Florian Oertel befragt den 1968er Sieger Axel Peschel. © dpa/Ernst-Ludwig Bach
Premiere: Dresden ist 1955 erstmals Etappenort. 60000 jubeln im Heinz-Steyer-Stadion.
Premiere: Dresden ist 1955 erstmals Etappenort. 60000 jubeln im Heinz-Steyer-Stadion. © SLUB/Deutsche Fotothek/Höhne, Erich & Pohl
Selbsthilfe: Ersatzschläuche sind am Mann, Reparaturen und Improvisationen geübt.
Selbsthilfe: Ersatzschläuche sind am Mann, Reparaturen und Improvisationen geübt. © Timeline Images
Prüfung: Die Steile Wand in Meerane erklimmt 1953 Lothar Meister (r.) als Erster. Die Steigung von zwölf Prozent macht diese Straße - die heute „An der Steilen Wand“ heißt - zu einer Härteprüfung.
Prüfung: Die Steile Wand in Meerane erklimmt 1953 Lothar Meister (r.) als Erster. Die Steigung von zwölf Prozent macht diese Straße - die heute „An der Steilen Wand“ heißt - zu einer Härteprüfung. © SZ-Archiv
Geschafft: Zum dritten Mal in Folge gewinnt Uwe Ampler 1989 die Friedensfahrt.
Geschafft: Zum dritten Mal in Folge gewinnt Uwe Ampler 1989 die Friedensfahrt. © ADN-ZB/Oberst
Radsportlegende Täve Schur zeigt ein Diamant-Rennrad von 1955.
Radsportlegende Täve Schur zeigt ein Diamant-Rennrad von 1955. © dpa/Hendrik Schmidt

Horst Schäfer ist selbst nie Rennen gefahren. Seine Klassenleiterin war 1962 schuld an der Passion, die zur Lebensaufgabe wurde. „Sie erzählte vom Frieden, von der Friedensfahrt und wir sollten Zeitungen aufmerksam lesen“, plaudert der agile Diplom-Landwirt beim Besuch der Sächsischen Zeitung im Museum. Neugierig las der kleine Schüler vom Radrennen und einem Libanesen. „Der war ganz alleine, hatte keine Mannschaft. Das beeindruckte mich Neunjährigen. Er kam die nächsten Jahre wieder.“ Horst Schäfer sah ihn sogar bei einem Wandertag zur Strecke. Der Libanese war sein „Held, wie der ganz alleine die 2 000 Kilometer meisterte“.

Tarek Aboul Zahab bestritt 1964 und 1965 die Tour als Kapitän der internationalen Mannschaft, in der Einzelstarter zusammengefasst waren. „Für drei Wochen ein Team für den Frieden, das war was für mich“, schwärmt Schäfer lächelnd. „Dieses Gefühl habe ich mir bewahrt. Auch wenn ich bald wusste, dass es mehr braucht für den Frieden.“ 1966 bat Zahab per Brief um einen Startplatz. Er bekam keine Antwort. Die Zeiten hatten sich geändert, das internationale Team war Vergangenheit.

Friedensfahrt-Anekdoten

Selbstjustiz mit der Luftpumpe

Die Friedensfahrt wurde 2006 letztmalig ausgetragen. Wiederbelebungsversuche der Tschechen, die die Rechte an der Tour halten, scheiterten am Geld. Doch die Friedensfahrt lebt in Anekdoten weiter:

Von Manfred Weißleder bekam Horst Schäfer eine handfeste Luftpumpen-Episode aus erster Hand erzählt: 1961 hatte der gebürtige Weimarer für das Stadion Poznan einen Plan. Der ging fast auf, drei Kilometer vor dem Ziel war Weißleder dem Feld davongesprintet, doch ein eigener Mann fuhr das Loch wieder zu – mit Juri Melichow im Schlepptau. Im Stadion packt der sowjetische Fahrer Weißleders Sattelstange und zog sich ab. Beide kamen aus dem Rhythmus, Weißleder wurde noch Dritter, Melichow disqualifiziert. Doch der Zorn war groß. „Ich habe die Luftpumpe genommen“, erzählte Weißleder dem neugierigen Schäfer. „In der Weitsprunggrube habe ich ihn erwischt und verwackelt.“ Die nächste Etappe fuhr Melichow durch ein Spalier der Beschimpfungen.

Koffer mussten nicht getragen werden

Holländer erzählten Horst Schäfer, warum sie so gerne zur Friedensfahrt kamen: „Da waren wir Könige, da mussten wir keine Koffer und Taschen tragen, da gab es für alles hilfreiche Geister.“ Egal, ob die von der Nationalen Volksarmee und Polizei gestellt wurden, oder ob die ehrenamtlichen persönlichen Begleiter aus dem Sport, aus Betrieben oder Massenorganisationen kamen – an Helfern mangelte es weder an der Strecke noch in Etappenorten.

Selbst der Einwand, dass mit diesem enormen personellen Aufwand auch Vorzüge des Sozialismus präsentiert werden sollten, bekam Schäfer von holländischen Ex-Friedensfahrern die Ansage: „Das wollen wir doch gar nicht wissen. Uns hat es einfach nur gefallen, das ganze Drum und Dran, dass jeder von uns so eine Aufmerksamkeit bekam.“ Dazu zählten sicher auch Gastgeschenke, die von Kombinaten und Betrieben gestiftet wurden. Es sollten wohl auch Belege für die DDR-Konsumgüterproduktion gewesen sein.

Straße mit Reißzwecken und Strahlung in der Luft

Die Friedensfahrt war immer auch ein Politikum. Der Prager Frühling hatte 1969 Einfluss auf die Streckenführung. „Es gab nur eine kleine Biege durch die CSSR“, erzählt Horst Schäfer. Aber die hatte es in sich: Reißzwecken lagen auf den Straßen, die Fahrer sahen nackte Hintern, die ihnen aus Fenstern entgegengestreckt wurden.

Dramatischer war 1986 der Abstecher nach Kiew. Die vier Etappen standen im Zeichen der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Der Super-Gau geschah am 26. April, am 6. Mai gewann Uwe Ampler den Prolog in Kiew. „Die Friedensfahrt hätte dort nicht stattfinden dürfen“, schimpft Schäfer. „Die Fahrer, der Tour-Tross, die hätten nie der Strahlengefahr ausgesetzt werden dürfen. Am Ende hatten alle Glück, dass der Wind günstig stand, die Radioaktivität wegblies. Aber die Entscheidung war menschenverachtend.“ Der Kristallpokal aus Kiew steht auch in Kleinmühlingen. Ein Geigerzähler brachte Gewissheit: Die Trophäe knisterte nicht.

Sogar Holländer radeln nun den kleinen Ableger

Die Friedensfahrt hatte einen Ableger. 1957 rollte in der Pionierrepublik am Werbellinsee erstmals eine kleine Friedensfahrt für Kinder und Jugendliche über die Straßen. Es wurde ein Standardtermin daraus im System der Pionierpokale: Rollerrennen für die Jüngeren, Radwettkampf für die Größeren. Die Wende sollte auch für diese Tradition ein Endpunkt sein. Dagegen stemmte sich Friedensfahrt-Freund Thomas Adam und griff vor 22 Jahren die DDR-Tradition in Hartha wieder auf. Am 26. Mai rollt nun schon zum 22. Mal die kleine Friedensfahrt wieder durch Hartha.

Die Nachwuchs-Rennen unter dem Friedensfahrt-Namen sind inzwischen auch bei den Holländern eine Marke. Seit zwei Jahren gibt es eine Kleine Friedensfahrt in Bedum bei Groningen. Horst Schäfer verfolgte, wie sich die Idee dort durchsetzte. „Es gibt Holländer, die das Gute im DDR-Sport sahen“, erklärt er. „Auch was es hinter den Stars gab, dass was für den Nachwuchs getan wurde.“

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Damit endete für den Gesamt-24. der Friedensfahrt 1965 die Geschichte nicht. Schäfer lernte sein Idol persönlich kennen, besuchte ihn in Beirut. Jedes Jahr reist der Friedensfahrt-Exot und Radhändler nun in die Börde, bringt ein Rad mit, das zur Kleinen Friedensfahrt verlost wird. Das nächste Mal kommt er am 10. Mai, wenn Kleinmühlingen von Ex-Friedensfahrern bevölkert wird, die Jubiläen feiern. Die Sieger der Premierenfahrt 1948 – als ab dem 1. Mai zwischen Prag und Warschau gefahren wurde, erst 1952 gab es DDR-Etappenorte – leben nicht mehr. Aber der Gesamtsieger von 1958, der Holländer Piet Damen, hat zugesagt. Axel Peschel, der zehn Jahre später triumphierte, kommt zum Jubiläum, wie seine Teamgefährten, die noch leben, und weitere Friedensfahrt-Helden. Manche radeln sogar an wie Martin Goetze.

Horst Schäfer wird immer mal überrascht: „Da steht plötzlich die Tochter eines mongolischen Friedensfahrers oder der Sohn eines Spaniers vor der Tür, wollen herausfinden, was das für eine tolle Tour war, über die ihre Väter immer so geschwärmt hatten.“ Die Spurensuche hört nicht auf. Was war nur so besonders an der Friedensfahrt? „Radsport hatte schon immer seinen Reiz“, sagt Josef Babiusky vom Museumsverein. „Es zog die Leute an die Strecke, wir bewunderten die Fahrer. Es war auch ein Erlebnis in der Gemeinschaft, perfekt organisiert, für den Ersten bis zum Letzten.“

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Jürgen A. Schulz vom Verein bringt es auf den Punkt: „Das war unsere Tour de France. Wir waren froh, dass wir so etwas hatten. Dieses Rennen bestimmte jedes Jahr im Frühling unseren Alltag. Polit-Losungen wurden hingenommen, kaum beachtet. Es ging um Sport. Und es war unsere Jugend. Daran denkt man gerne.“ Solche Gefühle weckt auch die alte Fanfare.