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„Das waren kriminelle Aktionen“

Vattenfall-Chef Hartmuth Zeiß über die Protestaktionen von Kohlegegnern am Pfingstwochenende und ihre Folgen für die Mitarbeiter.

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© davids

Von Irmela Hennig

Lausitz. Noch räumen Sie auf, die Mitarbeiter des Energiekonzerns Vattenfall. Die Folgen der Protestaktion von Kohlegegnern am Pfingstwochenende sind noch nicht völlig beseitigt. Um die 3500 Anhänger des Netzwerks „Ende Gelände“ hatten gegen Kohleverstromung protestiert, viele hatten den Tagebau Welzow und das Kraftwerk Schwarze Pumpe blockiert. Die SZ sprach mit dem sichtlich geschockten Vorstandsvorsitzenden Hartmuth Zeiß über traumatisierte Mitarbeiter, Sachschäden und politische Konsequenzen.

Laut Vattenfall-Vorstand Hartmuth Zeiß entstand bei der Demo großer Schaden
Laut Vattenfall-Vorstand Hartmuth Zeiß entstand bei der Demo großer Schaden © SZ

Herr Zeiß, etwa eine halbe Woche sind die Besetzung des Vattenfall-Tagebaus Welzow und die Blockade des Kraftwerks Schwarze Pumpe her. Läuft bei Ihnen alles wieder im Normalbetrieb?

Das Kraftwerk Schwarze Pumpe läuft seit Montag wieder normal. An anderen Stellen räumen wir noch auf oder reparieren. Aber mir geht es vor allem um die Belegschaft. Die steht immer noch unter Schock. Im Moment arbeiten sie miteinander und mit uns im Gespräch auf, was da passiert ist.

Was hat das Team vor Ort erlebt?

Am Freitag haben 1500 bis 2000 Aktivisten den Tagebau Welzow gestürmt. Das war kein friedlicher Spaziergang, wie manche Grünen-Politiker meinen. Das war eine regelrechte Besetzung. Wir hatten vorher entschieden, dass alle Geräte angehalten werden. Und wir haben die Mitarbeiter von den Geräten geholt, als Hunderte Kohlegegner darauf zumarschierten. Der Schutz der Kollegen hatte Vorrang. Für sie war es aber furchtbar, zu beobachten, wie Aktivisten ein Gerät nach dem anderen besetzten, dort auch begonnen haben, Technik zu zerstören und sie konnten nicht eingreifen.

Und im Kraftwerk Schwarze Pumpe?

Da hatten wir wirklich für fünf Minuten Anarchie. Es waren 23 Mann Belegschaft im Gebäude und sieben, acht Mitarbeiter unseres Krisenteams. Unten haben aber etwa zehnmal so viele Menschen versucht, das Tor mit Gewalt zu öffnen. Vermummte Personen sind auf Trafoboxen zumarschiert. Sie wollten eine Feuerlöschanlage in Gang setzten. Wäre das gelungen, wäre das gesamte Kraftwerk sofort abgeschaltet worden. Außerdem bestand die Gefahr, dass sie in einen Bereich eindringen, der unter Hochspannung steht. Das wäre tödlich gewesen. Deswegen standen unsere Mitarbeiter mit der Hand über dem Abschaltknopf für das Kraftwerk. Dann hat sich die Polizei zur Räumung entschlossen.

Hätte es die Stromversorgung gefährdet, wenn das Kraftwerk plötzlich vom Netz gewesen wäre?

Wir sind in Schwarze Pumpe zu diesem Zeitpunkt mit 350 Megawatt schon Mindestlast gefahren – eigentlich liegt die Leistung bei 1 600 Megawatt. Ein Block war stillgelegt, der andere lief im Minimalbetrieb, weil wir die Fernwärmeversorgung für Hoyerswerda und Spremberg unbedingt aufrechterhalten wollten. Wären die 350 Megawatt noch vom Netz gegangen, hätte das ausgeglichen werden können. Wir wussten ja im Vorfeld, dass es Proteste gibt und haben viel vorbereitet.

Was haben Sie vorbereitet und wie?

Beim Tagebau haben wir vorab mit dem Landesbergamt gesprochen, was zu tun ist, um Demonstranten zu schützen und darüber, wie wir vorübergehend stillgelegte Geräte wieder in Betrieb nehmen. Es gab Mitarbeiterinformationen und Deeskalationsschulungen. Hauptziel war, dass niemand zu Schaden kommt. Das ist gelungen.

Sind eigentlich alle Mitarbeiter normal zur Arbeit gekommen, oder müssen einige jetzt pausieren?

Es gab Ehefrauen, die ihre Männer nicht zur Arbeit gehenlassen wollten. Sie hatten einfach Angst. Aber es sind alle da und wir versuchen jetzt im Gespräch, das, was geschehen ist, zu verarbeiten.

Können Sie schon sagen, wie hoch der Sachschaden ist?

Das erfassen wir noch, aber es werden einige Hunderttausend Euro. Es wurden Gleise mit Klemmen blockiert, sodass ein Zug entgleist ist und andere hätten entgleisen können. Die Protestler haben Feuerlöscher geleert, Geräte beschädigt. Im Tagebau läuft die Überprüfung noch. Auch dort ist Sachschaden entstanden. Wir dokumentieren dies alles und übergeben das an die Staatsanwaltschaft Cottbus.

Das Protestnetzwerk „Ende Gelände“ hat angekündigt, dass es 2017 definitiv wieder eine Aktion im Rheinland geben wird und vielleicht eine in der Lausitz. Denken Sie in dem Zusammenhang über ein anderes Sicherheitskonzept nach?

Die erste Frage ist für uns – wie gehen Deutschland und Brandenburg insgesamt damit um. Es kann nicht die Lösung sein, dass man uns sagt: Grabt euch ein, verbarrikadiert euch. Wir suchen den Diskurs und aktuell auch den Kontakt zum brandenburgischen Innenministerium, um zu klären, was kann die Polizei leisten und was nicht. Es ist schwer nachvollziehbar, wenn sie trotz vieler offensichtlicher Straftaten, wie Haus- und Landfriedensbruch, gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr und Nötigung, davon sprechen kann, dass die Proteste friedlich verlaufen sind. Das waren kriminelle Aktionen. Außerdem sind für uns auch einige Handlungen von Parlamentariern fragwürdig. Es waren am Wochenende zum Beispiel mehrere Personen unterwegs, die auf ihrer Kleidung die Aufschrift ,Parlamentarischer Beobachter‘ trugen. Uns ist nicht klar, ob so etwas wirklich Teil des Parlamentsbetriebs ist. Wen wollten diese Leute denn beobachten. Uns? Die Polizei? Das müssen wir klären.

Es gibt bei den Kohlegegnern nicht ja nur das Netzwerk „Ende Gelände“, sondern auch andere Gruppen. Fürchten Sie, dass die Aktion vom Wochenende nun zu einer Art Wettbewerb unter Aktivisten führt mit noch massiveren Folgen?

Wenn ich ehrlich bin, ja. Außerdem zeigen Erfahrungen in anderen Regionen, dass es tatsächlich noch schlimmer kommen kann – mit Brandanschlägen unter anderem. Die Sorge ist da, dass wir in eine nicht mehr kontrollierbare Situation abgleiten, wenn Politik, Sicherheitsorgane und Unternehmen nicht gemeinsam aufpassen.