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„Das war’s noch nicht“

© Ronald Bonß

Markus Schubert ist gerade für Deutschland im Einsatz – und auch bei Dynamo hat der Torwart ein klares Ziel.

Von Sven Geisler

Natürlich hat er Vorbilder, davon gibt es genug im eigenen Land. Manuel Neuer zum Beispiel, dessen Gelassenheit er bewundert. „Er steht locker da, aber wenn der Gegenspieler zum Schuss ansetzt, hat er die richtige Position und die Spannung“, sagt Markus Schubert. Auch er ist Torhüter, hat bereits 15 Länderspiele im Nachwuchs bestritten, zuletzt eine Halbzeit in der U20 beim 2:2 gegen Italien in Chemnitz. Am Dienstag, 18 Uhr, steht der nächste Klassiker an gegen England in Zwickau.

Ob Schubert wieder einen Einsatz bekommt, weiß er nicht, aber er kennt die Situation, auf der Bank zu sitzen. Das ist sein Alltag bei Dynamo Dresden in der zweiten Liga. Sein bisher einziges Punktspiel bei den Profis hat er am 28. November 2015 in der 3. Liga bestritten und beim 0:0 gegen Preußen Münster seine größte Stärke gezeigt. „Er ist ungewöhnlich stressresistent und unaufgeregt“, sagte Sportvorstand Ralf Minge über das Talent. Die Frage, ob er ein cooler Typ sei, beantwortet Schubert lächelnd. „Ich denke schon.“

Genauso entspannt sieht der 19-Jährige seine Reservistenrolle bei Dynamo. In dieser Saison durfte er nur in der ersten Runde des DFB-Pokals zwischen die Pfosten, hielt beim 3:2 gegen den Regionalligisten Koblenz kurz vor Schluss einen Elfmeter und damit das Weiterkommen fest. Trotzdem stand in Runde zwei Stammkeeper Marvin Schwäbe im Tor. Natürlich hätte Schubert auch in Freiburg gerne gehalten. „Wer hätte sich das nicht gewünscht?“, fragt er, aber: „Es war nicht ausgemacht, dass ich alle Pokalspiele machen darf. Marvin ist die Nummer eins.“

Das Spielerische im Vordergrund

Womit wir wieder bei seinen Vorbildern wären. Schwäbe gehört dazu, auch wenn Schubert zuerst Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona nennt, wenn es um die fußballerischen Fähigkeiten geht. „Sie haben die Ruhe am Ball und sind beidfüßig stark.“ Der Spielaufbau ist für den Torwart genauso wichtig wie das Ballfangen – mindestens. Schubert macht das an seinem Beispiel aus dem Italien-Spiel deutlich: „Ich habe kaum Schüsse aufs Tor bekommen, das Spielerische stand im Vordergrund.“

Hier sieht er für sich noch genug Steigerungsmöglichkeiten, auch wenn er seit seinem Einstieg ins Profi-Training vor zweieinhalb Jahren große Fortschritte gemacht hat. „Damals habe ich noch nicht großartig überlegt und die Bälle gespielt, wie sie kamen.“ Trotzdem treffe er manchmal noch zu hastig die Entscheidung. „Ich muss ruhiger sein und mehrere Optionen im Blick haben.“ Keine Option ist es für ihn, sich an einen anderen Verein ausleihen zu lassen, etwa in die 3. Liga, um Spielpraxis zu sammeln. „Damit habe ich mich bis jetzt nicht beschäftigt“, sagt Schubert. 2016 hat er seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieben, der bis Juni 2019 gilt. „Mein Ziel ist es, für Dynamo in der zweiten Liga zu spielen.“

Es ist nicht übertrieben, von seinem Heimatverein zu sprechen, begonnen hat er allerdings mit sechs Jahren in Nossen beim SV Lok. Vater Tino, selbst einst Torwart in Dorfhain, war sein erster Trainer. Schubert junior fällt früh auf, wechselt 2008 zum SC Riesa, da ist er zehn und zieht ins Internat. Das Heimweh hat sich schnell gelegt. „Ich war ja unter Freunden.“ 2011 wird schließlich Dynamo auf ihn aufmerksam, aber zunächst ist kein Internatsplatz frei. Ein Problem, aber kein Hindernis. Für diese Chance nimmt er es in Kauf, jeden Tag anderthalb Stunden mit Bus und Bahn unterwegs zu sein. Nach zwei Wochen kann er dann doch einziehen.

Es läuft jedoch nicht so, wie es sein eigener Anspruch ist, er soll Dynamo sogar wieder verlassen. In dieser kritischen Phase, in der seine Karriere mehr als einen Knick hätte bekommen können, wird er zur Sachsenauswahl eingeladen. Beim Länderpokal bestreitet Schubert drei von vier Spielen und gehört fortan zum Kaderkreis des DFB. Inzwischen hat er die U17-WM 2015 in Chile sowie die U19-EM in Georgien in diesem Jahr erlebt. „Für Deutschland zu spielen, ist ein geiles Gefühl, jedes Mal etwas Besonderes“, sagt Schubert. Trotzdem sei er nicht besonders aufgeregt. „Ich spüre eine gewisse Anspannung, aber ich freue mich auf die Spiele.“

In der Nachwuchsauswahl trifft er auf junge Kollegen, die bei ihren Vereinen schon ab und zu in der Bundesliga randürfen. Das gilt allerdings nicht für die anderen Torhüter Constantin Frommann (Freiburg) und Moritz Niklas (Borussia Mönchengladbach). „Es gibt keinen 19- oder 20-Jährigen, der in der ersten oder zweiten Liga Stammtorwart ist“, meint Schubert. Der Mainzer Robin Zentner (23) und der Düsseldorfer Tim Wiesner (20) hatten zwar Einsätze, aber nur als Ersatzmann.

Schubert klopft zumindest schon mal an, seit Uwe Neuhaus ihn bei Dynamo vor der Saison zur Nummer zwei befördert hat. Der Trainer traut ihm also zu, jederzeit einspringen zu können, falls Schwäbe etwas passieren sollte. Ansonsten weiß Schubert, dass er geduldig bleiben muss. „Im Tor kann nun mal nur einer spielen, das muss man akzeptieren“, betont er – und fügt hinzu: „Man darf sich nicht auf dem Zimmer verkriechen und weinen, sondern muss im Training seine Leistung bringen.“

So ähnlich hat ihm das Benjamin Kirsten gesagt, sein Zimmerkamerad im Winter-Trainingslager 2015 und damals Nummer eins bei Dynamo. Ihn nennt er sogar zuerst, wenn er über die Stärken anderer Torhüter redet. „Er ist auf der Linie sehr stark, seine Reflexe überragend“, sagt Schubert über Kirsten – und formuliert seinen eigenen Anspruch so: „Das war‘s noch nicht.“