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Das Warten auf den großen Knall

Kurz vor Silvester gehen im Altkreis reihenweise Automaten hoch. Und auch sonst ist die Stimmung aufgeheizt. Ein explosiver Rückblick.

Von Kevin Schwarzbach
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Kevin Schwarzbach
Kevin Schwarzbach © SZ-Archiv

Schwarzbachs Woche

Riesa. Es muss einfach an der Jahreszeit liegen, liebe Leserinnen und Leser. Jetzt, wo es wieder häufiger ziemlich kalt ist, können halt auch mal die Gehirne einfrieren. Ich weiß ... Aus medizinischer Sicht ist das vielleicht Quatsch, aus menschlicher aber eine ungemein logische Erklärung. So sind wir Menschen nun einmal: Wir brauchen immer eine Begründung, eine Theorie, irgendetwas, das uns beruhigt.

Deswegen mache ich es uns an dieser Stelle auch ganz einfach: Es liegt doch nicht an der Jahreszeit, zumindest nicht direkt. Eigentlich ist der Jahreswechsel schuld. Denn der ist in unseren Kulturkreisen immer mit ziemlich viel Böllerei und sonstigem alphamännischen Gehabe verbunden. Man könnte fast sagen, dass sich hier nicht nur ein riesiger Industriezweig, sondern auch eine ganz eigene Form der Persönlichkeitsfindung herausentwickelt hat. Wer hat den größten, lautesten, buntesten und beeindruckendsten? Und ganz wichtig: Wer kann am längsten? All diese Fragen stellen sich rund um Silvester. Und sie werden beantwortet, von Millionen Böllern. Leider.

Kein Wunder also, dass kurz vor der heiligen Ballernacht die Detonationen langsam zunehmen. Mitte Dezember war erst der Fahrtkartenautomat der Deutschen Bahn in Weinböhla dran, einen Tag später dann die Ticketgeräte in Nünchritz und Riesa. Um die Weihnachtszeit dann gingen ein paar Zigarettenautomaten hoch, zum Beispiel in Großenhain. In allen Fällen entstanden beachtliche Sachschäden, in manchen konnten die Täter obendrein wohl sogar noch etwas Geld mit nach Hause nehmen.

Da darf die Frage erlaubt sein: Ist das jetzt noch organisierte Kriminalität in Mafia-Manier oder schon simple Ballerlust irgendwelcher Spätpubertierender? Vielleicht auch eine vorsilvesterliche Mischung aus beidem? Nun, ja ... Wenn Grenzen und Strukturen verschwimmen, hat das bisher selten geholfen. Wenn sie aber völlig unkenntlich werden, geht mit aller Sicherheit der Anstand flöten.

Und so ist es im Altkreis Riesa und auch überall drumherum kurz vor der Silvesternacht eben Mode, dass ein paar Automaten durch die Kante fliegen. Das nehmen die Leute doch bei all der Ballerei ohnehin nicht so genau, oder? Endlich darf man mal Mensch sein, den Zwängen der Gesellschaft entfliehen und seine ureigenen Triebe ausleben. Zerstörung ist Macht und Macht finden bekanntlich ziemlich viele Leute ziemlich geil.

In Riesa aber hat die Stadtverwaltung so gar keine Lust, den Vandalen auch noch den Hof zu machen. Deshalb sind pünktlich zur Silvesternacht auch wieder alle 13 städtischen Parkscheinautomaten komplett eingehüllt worden. Das soll selbst ernannten Sprengmeistern ihr Hobby erschweren und der Stadt reichlich Reparaturkosten sparen.

Die meiste Freude aber bereitet die Maßnahme wohl den Autofahrern. Denn die zu den Automaten gehörigen Parkplätze werden von der Stadt bekanntermaßen nicht böllerfest gemacht – wie sollte das auch funktionieren? – und können weiterhin genutzt werden. Das löst selbst bei einem Fahrradfahrer wie mir Jubelarien aus.

Die Stimmung aber bleibt auch nach dem großen Knall zum Start ins neue Jahr aufgeheizt. Wenn im Januar dann langsam der Böllerrauch verfliegt, steuern wir geradewegs auf explosive Wahlkämpfe zu. Denn 2019 wird in Sachsen nicht nur das Jahr, in dem der Planet Merkur die Regentschaft über unser Leben übernimmt und damit unsere Horoskope, die sowieso immer alles en détail über unser Dasein wissen, massiv beeinflusst, sondern auch das Jahr der Kommunalwahlen.

Im Riesaer Stadtrat ist das kurz vor Silvester noch kein allzu großes Thema, die meisten Fraktionen wollen sich mit der Nominierung ihrer Kandidaten noch ein wenig Zeit lassen. Die wirklich explosiven Neuigkeiten hebt man sich wohl fürs neue Jahr auf. Helmut Jähnel, Vorsitzender der aktuell größten Fraktion im Stadtrat, macht da zumindest eine Andeutung: „Wir sind noch offen. Interessenten können sich noch melden.“ Schon jetzt sei aber klar, dass etwa zwei Drittel der aktuellen Stadträte auch 2019 wieder für die CDU antreten werden. „Es wird aber auch neue Gesichter geben“, so Helmut Jähnel weiter. Man darf also auch 2019 gespannt sein, was hier so an Nachrichten durch die Gegend fliegt.

Diese Woche kann wohl kaum explosiver werden.