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Das wertvolle Buch aus Großenhain

Die Großenhainer Kirchenagenda sorgt gerade in Sachsen-Anhalt für Furore. So kam das Buch einst in die Röderstadt.

© K. Vokoun/Stadt Weisenfels

Von Jörg Richter

Großenhain. Seit 31 Jahren ist Jens Heinert der Küster der Marienkirche Großenhain. Der 49-Jährige kennt hier jeden Winkel, jede Kammer. Auch die Geheimen, die nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. So auch das Archiv der evangelischen Kirchgemeinde, das bis vor Kurzem, wie sich jetzt herausstellte, einen besonderen Schatz verbarg: die Großenhainer Kirchenagenda.

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Jens Heinert, Küster der Marienkirche Großenhain
Jens Heinert, Küster der Marienkirche Großenhain © Kuner

Das Buch aus dem Jahr 1712 ist eine der großen Attraktionen der Ausstellung „Dynastiegewitter. August der Starke versus Herzog Christian“. Sie soll am 29. September im Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) eröffnet werden. Dort stellte jetzt Joachim Säckl, der Kurator der Sonderausstellung, die Großenhainer Kirchenagenda als „spektakuläres Relikt der Geschichte“ vor. „Das Exemplar wurde noch nie der Öffentlichkeit präsentiert und findet nach mehr als 250 Jahren den Weg zurück in die Saalestadt“, schreibt die Weißenfelser Stadtsprecherin Katharina Vokoun euphorisch in einer Pressemitteilung.

In Großenhain selbst ahnte bis vor Kurzem niemand, dass ein Exemplar aus dem hiesigen Kirchenarchiv eine ganze Stadt im benachbarten Sachsen-Anhalt in Ekstase versetzt. „Mir war nicht bewusst, welchen kulturhistorischen Wert dieses Buch hat“, sagt Heinert. Für ihn und alle anderen Kirchenmitarbeiter war es ein altes Buch wie viele andere, die im Archiv aufbewahrt werden.

Das macht weniger der Inhalt des Buches, als viel mehr die handschriftliche Widmung einer historischen Persönlichkeit: Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels (1682-1736), der auf Schloss Neu-Augustusburg begraben liegt. Ihm und seinem Disput mit August dem Starken, der wegen der polnischen Königswürde zum Katholizismus wechselte, ist die Sonderausstellung gewidmet.

„Der Herzog wollte, dass er als Repräsentant des Protestantismus wahrgenommen wird“, erklärt Joachim Säckl. Auch deshalb erwarb Christian eine Kirchenagenda, die zwischen 1668 und 1777 in verschiedenen Auflagen erschien. Neben einem Gesangsteil enthält das Buch unter anderem eine Eheordnung, die Evangelien, die Augsburger Konfession von 1530 und Luthers Kleinen Katechismus. Bei dem Großenhainer Exemplar aus dem Jahr 1712 handelt es sich aber um ein wahres Unikat. Schließlich ließ Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels das Werk mit Silberbeschlägen, dem Herzogswappen und seinem typischen Monogramm mit drei ineinander verschlungenen Cs verzieren. Und nicht zu vergessen, die Widmung.

Am 23. Februar 1713, seinem ersten Jahrestag als Regent des Fürstentums Sachsen-Weißenfels, schrieb er: „Cum Deo Salus oder Gott ist des Hertzens Trost und Heil, von ihm erwart ich alles.“

„Ich finde, das ist ein sehr persönliches Buch“, sagt Jens Heinert, auch wenn der Herzog es der Weißenfelser Hofkirche schenkte, damit es dort von den Pfarrern als Arbeitsbuch und Leitfaden des protestantischen Glaubens diene. Der Großenhainer Küster verrät: „Wir haben viele Bücher in unserem Archiv, in die Leute etwas reingeschrieben haben. Aber ich war verblüfft, als ich erfahren habe, dass die Widmung aus herzöglichen Händen stammt. Das ist schon eine andere Liga.“

Nach dem Tod von Herzog Christian (1736) und dessen Bruder Johann Adolf II. zehn Jahre später – beide blieben erbenlos – starb die Weißenfelser Seitenlinie der Albertiner aus. Ihr Besitz ging an das Kurfürstentum Sachsen über. Von Dresden aus wurden die Weißenfelser Kirchenutensilien dorthin verteilt, wo sie gebraucht wurden. So kam die Kirchenagenda nach Großenhain, das 1744 (also zwei Jahre zuvor) durch den größten Stadtbrand seiner Geschichte vollständig zerstört wurde. So erhielt das Buch auch seinen Namen: die Großenhainer Kirchenagenda.

Rund 270 Jahre später stellt die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens die Kirchenagenda als Leihgabe für die neue Sonderausstellung „Dynastiegewitter“ zur Verfügung. Bis zum 21. Januar ist sie zu sehen. Die Großenhainer Kirchenagenda gehört zu den ersten Stücken, die in Vorbereitung für die Sonderausstellung im Schloss Neu-Augustusburg angekommen sind. Jens Heinert freut sich darauf: „Ich fahre bestimmt mal hin und werde mir die Ausstellung ansehen.“