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Das zweite Leben der Scherben

Im Februar 1945 verloren Teller und Tassen ihren Glanz. Nun erschaffen Zeitzeugen aus den Trümmern Kunstwerke.

© Christian Juppe

Von Henry Berndt

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Was könnte das mal gewesen sein? Eine Dose vielleicht, oder eine Öl-Flasche. Von allen Seiten begutachtet die 97-jährige Charlotte Simunek die weiße Porzellanscherbe mit Goldrand. Noch vor wenigen Wochen lag diese Scherbe zusammen mit tonnenweise anderem Schutt unter der Erde am Heller. Es sind Trümmer, die von der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 zeugen. Nun soll an diesem Tisch hier in einem Seniorenheim am Großen Garten aus dem Vergangenen etwas Neues entstehen. Ein schöner Gedanke.

Tief im Wald auf dem Heller findet Ines Horlebeck ihre Schätze.
Tief im Wald auf dem Heller findet Ines Horlebeck ihre Schätze. © Ines Horlebeck
Die 97-jährige Charlotte Simunek hat ihre weiße Rose aus Scherben inzwischen fast fertig.
Die 97-jährige Charlotte Simunek hat ihre weiße Rose aus Scherben inzwischen fast fertig. © Ines Horlebeck

Die Idee dazu hatt Ines Horlebeck, die damit ihre große Leidenschaft mit ihrem Beruf verbinden kann. Ihre Leidenschaft, das sind die Scherben. Seit zehn Jahren lässt die 54-Jährige aus vermeintlichem Schutt mosaikartige Kunstwerke entstehen. Viele der Scherben sind stumme Zeugen der Bombenangriffe. Die sammelte sie zunächst fast jedes Wochenende an der Baustelle für die Waldschlößchenbrücke. Jetzt hat sie den Heller als neue Quelle für sich entdeckt.

Schutt in Watte

„Scherben sind für mich Schätze“, sagt sie. Zerbrochenes stünde ja immer für etwas Vergangenes, Zerstörtes. Dabei könnten Scherben doch auch Glück bringen – und sich ganz neu zusammensetzen lassen. Bei ihr werden daraus Mosaike in allen Größen, Farben und Formen, gerahmt und mit Gipsmasse ausgegossen. Einige ihrer Kunstwerke sind unten im Foyer des Pflegeheims zu bestaunen.

In ihrer urigen Wohnung, einem ausgebauten Gewölbekeller in Blasewitz, stehen noch kistenweise Scherben, die auf ein zweites Leben warten. Zum Teil sind sie nach Farben sortiert, zum Teil noch ungewaschen. Manchmal bekommt sie Scherbenspenden aus der Nachbarschaft. „Einige waren sogar in Watte verpackt. Ist das nicht verrückt? Scherben in Watte?“ Sie mag den Gedanken.

Beruflich kümmert sich Ines Horlebeck um die Freizeitgestaltung der Senioren im Pflegeheim. Was lag da näher, als irgendwann auch die betagten Damen und Herren mit den symbolträchtigen Scherben in Berührung zu bringen? Schon seit sieben Jahren bietet sie eine wöchentliche Kreativstunde an. Sollte sie hier auch Scherbenmosaike aus Trümmerschutt gestalten lassen? „Anfangs war ich mir nicht sicher, ob die Bewohner offen dafür sind“, sagt die Künstlerin. „Womöglich würde das nur schreckliche Erinnerungen an 1945 wieder aufwühlen. Doch ihre Idee kam blendend an. Zu Weihnachten bastelten die Bewohner schon 35 Scherbenengel und verschenkten die an ihre Lieben. Und bald hieß es: „Schwester Ines, wann machen wir wieder Scherben?“

Diesmal sollte der 13. Februar im Mittelpunkt stehen. Charlotte Simunek war eine der ersten, die sich für das besondere Projekt interessierten. Vergangene Woche suchte sie sich einige besondere Scherben aus einem Körbchen aus, das Ines Horlebeck mitgebracht hatte. Einige Teilnehmer zeichneten danach sogar schon Skizzen ihrer Ideen. Auch an diesem Dienstagnachmittag sitzen die sieben Damen wieder am Basteltisch. Da wird schon mal resolut das eine oder andere Porzellanstück verteidigt. Eine Teilnehmerin glaubt sogar, das eigene Kaffeeservice erkannt zu haben. „Das ist von mir zu Hause“, sagt sie. „Nein“, korrigiert Ines Horlebeck. „Sie haben nur ein ähnliches zu Hause.“

Mosaik statt Menschenkette

Eine Dame aus der Runde möchte aus ihren Scherben ein ganzes Panorama der Dresdner Stadtkulisse legen – inklusive fliegender Bomben. Bei einer anderen soll es eine Trümmerblume werden. Vor Charlotte Simunek liegt eine Handvoll weißer Scherben. Sie möchte passend zum 13. Februar eine Weiße Rose entwerfen. „Wir können ja selbst nicht mit auf die Straße gehen, weil wir nicht mehr laufen können“, sagt die 97-Jährige. So könnte sie zumindest ein kleines Symbol zum Gedenken beitragen. Das sollte doch die viele Arbeit wert sein. Mit einer großen Zange hilft Ines Horlebeck ihr, die Scherben zu zerkleinern, bis sie Blütenblättern ähneln. Die Künstlerin malt ihr auch einige Striche vor. „Das ist doch keine Rose“, sagt Charlotte Simunek ungeduldig. „Na warte nur mal ab“, antwortet Ines Horlebeck. Beide müssen laut lachen. Trauerverarbeitung soll das hier nicht sein.

Einige Augenblicke später schaut Charlotte Simunek gedankenverloren auf das Porzellan. „Ich sehe heute noch meine kleine Tochter auf einem großen Haufen voller Scherben stehen“, sagt sie, wenn sie sich an den Februar 1945 erinnert. „Und dann kamen die Flammen immer näher.“ Damals habe sie, die „flotte Lotte“, in der Hechtstraße gewohnt und einiges an Meißner Porzellan besessen. Geblieben sei ihr nach dem Angriff nichts.

Heute hat Charlotte Simunek drei Enkel und fünf Urenkel. Ihr Ur-Ur-Enkel wird im März zwei Jahre alt. An all diese Generationen möchte sie mit ihrer weißen Rose die Botschaft senden: Erinnert euch immer an diese schrecklichen Tage. Solch ein Unglück dürfe sich niemals wiederholen.