merken
PLUS Feuilleton

Als Bob Dylan in der DDR auftrat

Die sozialistische Führung verkaufte Bob Dylans Auftritt 1987 in Ost-Berlin als „Friedenskonzert“. Ein Fan erlebte es anders.

Systemstabilisierend? Von Bob Dylan erwartete die Stasi „keine negativen Emotionen“ gegenüber dem Publikum.
Systemstabilisierend? Von Bob Dylan erwartete die Stasi „keine negativen Emotionen“ gegenüber dem Publikum. © picture-alliance/dpa

Von Andreas Conrad

Ich wäre auch hingefahren, wenn man die Landung eines Raumschiffs angekündigt hätte.“ Nein, man kann nicht sagen, dass Jens Schöne, im Frühherbst 1987 17-jähriger Schüler an einer landwirtschaftlichen Betriebsberufsschule mit dem Berufsziel LPG-Leiter, ein Fan von Bob Dylan gewesen wäre. Aber dass der im Westen eine riesengroße Nummer war und sein Auftritt in Ost-Berlin so unwahrscheinlich wie die Landung eines Raumschiffs, wusste er natürlich. Also musste er hin und riss wie sein bester Freund sofort einen Arm hoch, als in der Klasse gefragt wurde, wer beim Dylan-Konzert am 17. September im Treptower Park als Ordner dabei sein wolle.

TOP Jobs
TOP Jobs
TOP Jobs

Finden Sie bei Top Jobs jetzt Ihren Traumjob in der Region! Attraktive Arbeitgeber Ihrer Region suchen Sie!

Viel Konkurrenz gab es nicht, und auch die Voraussetzungen für den Posten als Kartenabreißer waren gering. Mitglied in der Freien Deutschen Jugend musste man schon sein, schließlich war die FDJ Hauptveranstalter des als „Friedenskonzert“ angekündigten Auftritts. Doch Zeit für ein längeres Auswahlverfahren fehlte.

Eigentlich sollte Bob Dylan in der West-Berliner Waldbühne auftreten. Aber als man statt der 22.000 möglichen Karten nur rund 2.000 los wurde, bot Tournee-Veranstalter Fritz Rau das Konzert kurzerhand in Ost-Berlin an – mit Erfolg.

Aus dem Berufsziel als LPG-Chef wurde es für Jens Schöne dann doch nichts. Als er seine Ausbildung zwei Jahre später abschloss, war auch die LPG-Zeit vorbei. Er musste umsatteln, wurde Historiker, ist mittlerweile Stellvertretender Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Land Berlin, dazu Lehrbeauftragter der Humboldt-Uni – und hat gerade eine Darstellung des Dylan-Auftritts vorgelegt, allerdings nicht als Fan, der er nach mittlerweile zehn Dylan-Konzerten nun doch ist, vielmehr als nüchtern analysierender Historiker. Persönliche Erinnerungen hatten da hinter der Einordnung des „Friedenskonzerts“ in seinen historischen Kontext zurückzutreten.

Der war spannend genug. Das Jahr 1987 war das des 750. Stadtjubiläums, das in beiden Stadthälften groß gefeiert wurde. In Ost-Berlin fand das seinen Höhepunkt am 4. Juli mit einem zehn Kilometer langen „Historischen Festumzug“, der eine Stabilität der DDR suggerierte, die längst nicht mehr gegeben war. „Unter der glänzenden Oberfläche zeigten sich immer wieder fatale Risse“, schreibt Jens Schöne und erinnert an die Vorfälle während der dreitägigen „Concert for Berlin“-Reihe vor dem Reichstag. Zu Pfingsten waren dort David Bowie, die Eurythmics und Genesis aufgetreten, es gab heftige, von Abend zu Abend sich steigernde Auseinandersetzungen zwischen Musikfans, die auf der Ostseite der Mauer ihre Idole zumindest hören wollten, und der Staatsmacht aus Volkspolizei und Stasi.

100.000 Menschen wollten rein

„Es hatte sich gezeigt“, schreibt Jens Schöne, „dass die Ruhe in der DDR trügerisch war, ein kleiner Anlass genügte, um Protest aufkeimen zu lassen.“ Das kurzfristig angebotene Konzert von Dylan bot da eine willkommene Möglichkeit, dem „Bedürfnis unter der Jugend des Landes nach solchen Großereignissen, nach wahren Stars“ entgegenzukommen, ohne die Kontrolle zu verlieren. „Die Machthaber versprachen sich also Legitimation, nicht Provokation.“

Ihre Erfahrungen waren da sehr unterschiedlich: Udo Lindenberg hatte bei seinem Konzert am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik vor handverlesenem Publikum auf seinen freundlich-respektlosen „Sonderzug nach Pankow“ verzichtet, war nur kurz seinen Bewachern entwischt und hatte die wahren, vor dem Palast ausharrenden Fans begrüßt.

Wolfgang Niedeckens BAP dagegen hatte eine im Januar 1984 geplante Tournee wegen politischer Auflagen noch am Vorabend des ersten Konzerts gestrichen. Das schon länger als Teil der 750-Jahr-Feiern geplante Konzert von Barclay James Harvest am 14. Juli im Treptower Park war aber ohne Störungen über die Bühne gegangen, und auch von Bob Dylan und seinem Publikum erwartete die DDR-Führung keine Probleme.

„Unter heutiger Sicht hat er bei den gegenwärtig sich im jugendlichen Alter befindlichen Jahrgängen keine außergewöhnliche Resonanz“, befand die Stasi, erwartete eher „ältere Jugendliche und Menschen mittleren Alters“ und ging zudem davon aus, „dass Bob Dylan bei seinem Auftreten sich gegenüber dem Publikum und dem Veranstalter diszipliniert verhalten wird und bei seinem Auftritt keine negativen Emotionen zu erwarten sind.“ Womit sie recht behalten sollte.

Was die angereisten Fans betrifft, so handelte es sich allerdings um „das erwartungsfroheste, gespannteste und euphorisierteste Publikum, das denkbar war“, wie Jens Schöne aus eigener Erfahrung versichern kann. Ein Kontingent von 50.000 Karten war erst vorgesehen, das aufgrund der Nachfrage rasch auf 80.000 Tickets für je zehn Mark aufgestockt wurde. Auch das reichte bei Weitem nicht aus, zuletzt hatten rund 100.000 Menschen, ob mit Ticket oder ohne, Zutritt zum Gelände gefunden.

Auch Jens Schöne hatte sich rechtzeitig vor Konzertbeginn die Ordnerbinde abgestreift und war zu einer Gruppe von Freunden vorgedrungen, recht nah an der Bühne. Die Erwartungen waren übergroß. Wer wusste schon, dass Dylan gerade in einer tiefen persönlichen und künstlerischen Krise steckte, die Rockstar-Rituale ihn zutiefst anödeten – nicht gerade gute Voraussetzungen für mitreißende Auftritte. Nach der Umbaupause folgte die große Enttäuschung: „Ohne ein Wort der Begrüßung trat Dylan ans Mikrofon, wo er nur eine Stunde verblieb und weitgehend regungslos sein Programm abspulte“, darunter Klassiker wie „Like a Rolling Stone“ und „Blowin‘ in the Wind“. Wirkliche Begeisterung sei nicht aufgekommen, weder bei Dylan noch beim Publikum.

Mit seinem Auftritt habe er allenfalls den Musikern der DDR einen guten Dienst erwiesen, schrieb ein Kritiker. „Sie und alle anderen wissen nun, dass einige US-Superstars auch nur mit Wasser kochen.“ Auch Jens Schöne reagierte enttäuscht, blickt heute allerdings milder auf das Konzert zurück, weiß nun um Dylans damalige Probleme, kennt auch die großen Schwankungen bei dessen Auftritten. Nur den DDR-Oberen galt der Abend als großer Erfolg. Es sei zu keinen „provokatorisch-demonstrativen Handlungen“ durch das Publikum gekommen, nur gegen sechs Personen seien Ordnungsverfahren wegen „Störung des sozialistischen Zusammenlebens“ und ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung eingeleitet worden, bilanzierte die Stasi.

Zwischen Realität und Inszenierung

Das Konzert sei damit zum „Türöffner für fulminante Folgekonzerte“ geworden, „die zuvor schlichtweg nicht denkbar waren“, urteilt Schöne, der selbst ein Jahr später auch Joe Cocker in Ost-Berlin erlebte.

Aus Sicht der DDR-Führung hatte das Dylan-Konzert systemstabilisierend gewirkt, das suchte sie zu wiederholen, konterte Michael Jacksons Auftritt am 19. Juni 1988 vor dem Reichstag mit Bryan Adams auf der Radrennbahn Weißensee. Proteste wie 1987 blieben aus, eine trügerische Ruhe, die das Spannungsfeld „zwischen Realität und Inszenierung“, zwischen Weltstar-Glamour und Alltagstristesse nur kurz verdecken konnte. Nur ein weiteres Jahr später wurde Bob Dylans alte Verheißung wahr, die er bei seinem Ost-Berliner Konzert nicht mal auf der Set-Liste hatte: „The Times They Are a-Changin“.

  • Jens Schöne: Bob Dylan – Ost-Berlin 17. September 1987. Hg von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen. 28 Seiten, www.lztthueringen.de

Mehr zum Thema Feuilleton