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So hat Bernd Callwitz die Wende erlebt

Vor 30 Jahren kam es vor der Zaschendorfer Kaserne zu einer unglaublichen Begegnung. In Erinnerung schwelgend, blickt Bernd Callwitz auf die Umbrüche der Zeit zurück.

Bernd Callwitz, ehemaliger Bürgermeister, hat vor sich die Fotos des unvergesslichen Tags ausgebreitet.
Bernd Callwitz, ehemaliger Bürgermeister, hat vor sich die Fotos des unvergesslichen Tags ausgebreitet. © Claudia Hübschmann

Meißen. Dass am 3. Oktober vor 30 Jahren in Meißen die Neugründung des Freistaats gefeiert wurde, ist Bernd Callwitz nur eine Randbemerkung wert. Für den ehemaligen Bürgermeister wird dieses Ereignis von einem anderen Moment überstrahlt. An diesem Mittwoch kam es endlich zu einem Treffen, mit dem der damals 51-Jährige nicht mehr gerechnet hatte: "Mit den russischen Soldaten gab es in Meißen keinerlei Begegnungen. Das war gar nicht möglich - die waren wie eingekesselt. Dass sich das so schlagartig änderte, war unglaublich."

Am 3. Oktober steht mit Callwitz eine etwa 10-köpfige Gruppe vor der Zaschendorfer Kaserne: Die Stimmung ist ausgelassen, die Picknick-Körbe prall gefüllt. Einfache Soldaten waren allerdings nicht dabei. Dafür hatten die Offiziere ihre besten Ausgehuniformen angezogen und ihre Frauen und Kinder mitgebracht. "Obwohl wir jahrelange Russisch gelernt hatten, konnten wir uns nur schwer unterhalten", bedauert Callwitz. Zumindest konnten die Offiziere mithilfe von Landkarten beschreiben, wo sie herkamen.

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Stephan Nierade, einer der Gründer der Freien Werkschule und langjähriger Meißner Stadtrat, habe das Treffen durch ein Dankschreiben an den sowjetischen Präsident Michail Gorbatschow ermöglicht. "Das war sicherlich der Schlüssel, warum die Offiziere überhaupt raus durften", meint Callwitz, der sich bis heute nicht erklären kann, warum es auf einmal so schnell ging.

Viele Meißner, die sich an das Ereignis erinnern können, gibt es nicht mehr. Zufällig war damals der westdeutsche Fotograf Matthias Koch vor Ort, der den Auftrag hatte, in Meißen alles zu fotografieren, was ihm unter die Linse kam. An diesem Mittwoch hielt er das Treffen vor der Zaschendorfer Kaserne fest. Dabei ist vor allem ihm die hochpositive Stimmung in Erinnerung geblieben: "Auf beiden Seiten freute und freute man sich. Obwohl ich mir aus heutiger Sicht die Frage stelle, ob die Offiziere überhaupt einen Grund zur Freude hatten?"

Wirkliche Deutsch-Sowjetische Freundschaft

Der fehlende Kontakt zu den Soldaten aus der Kaserne und die fehlenden Möglichkeiten für ihn nach Russland zu fahren, waren Callwitz' Gründe, warum er kein Mitglied der Deutsch-sowjetischen Freundschaft war. Dieses Treffen ist hingegen der Startschuss für seine ganz persönliche Deutsch-russische-Freundschaft. Kein anderes Land hat Callwitz seitdem öfter bereist. Denn die Geschichte ging noch weiter.

Eigentlich wollte die Gruppe in die Kaserne reinkommen, auch dieser Wunsch sollte zwei Wochen später in Erfüllung gehen. Diesmal wurde eine größere Gruppe aus Meißen in die Kaserne eingeladen: "Die Offiziere haben wohl gemerkt, dass wir friedliche Menschen sind und bei einem Treffen nichts passieren kann", erzählt Callwitz, der sich noch ganz genau an die mühevoll mit Herbstlaub geschmückten Wände erinnert: "Ich konnte gar nicht glauben, dass man sich in einem kalten Kasernensaal befindet. Die haben da das Äußerste herausgeholt." Auch an diesem Abend seien wieder keine Soldaten anwesend gewesen: "Wir wollten das auch nicht erzwingen, ehe sich die Fronten verhärten."

Das Schulsystem war das Schlimmste

Callwitz' Blick auf das anstehende Jubiläum ist ungetrübt: "Uns hätte nichts Besseres passieren können", versichert der 81-Jährige. Gerade Meißen habe als Modellstadt besondere Förderungen erhalten. Klar, könne er, bei den nach wie vor gravierenden Ost-West-Unterschieden, persönliche Enttäuschungen verstehen. Die würden für ihn aber allein durch die Offenheit und Möglichkeiten des heutigen Bildungssystems weggewischt: "Das Schulsystem war das Schlimmste in der DDR", so Callwitz. "Jetzt haben wir ein breites Angebot von Eliteschulen über eine Freie Werkschule. Das ist alles nicht vom Himmel gefallen", betont Callwitz den unermüdlichen Einsatz der Meißner nach der Wende. "Auf jeden Fall haben wir jetzt das, was wir vorher nicht hatten: Mit allen Herausforderungen, die eine Demokratie mit sich bringt."

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