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Das DDR-Erbe in der Seele

Unsere Erfahrungen aus den Jahren vor 1989 prägen und beeinflussen unser Denken und Fühlen bis heute. Ein Perspektiven-Gastbeitrag von Udo Baer.

Ein Musterbeispiel für die Gestaltung von öffentlichen Lebensräumen in der DDR: die Prager Straße in Dresden.
Ein Musterbeispiel für die Gestaltung von öffentlichen Lebensräumen in der DDR: die Prager Straße in Dresden. © dpa PA/Manfred Uhlenhut

Von Udo Baer*

Wir Menschen verfügen über zwei Gedächtnissysteme. Mit dem expliziten Gedächtnis erinnern wir uns an Daten, Fakten, Reihenfolgen. Das implizite Gedächtnis ist das Gedächtnis der Sinne, der Körpererfahrungen, der Atmosphären, auch des Unbewussten. Wer als Kind aus der damaligen DDR geflohen ist, hat vielleicht das genaue Datum vergessen, doch der Geruch des Mauerwerks der elterlichen Wohnung bleibt ebenso präsent wie die Traurigkeit, als das Kind erfuhr, dass es nach der Flucht keine Rückkehr zu Freunden und zu Oma gibt. All das bleibt lebendig und gehört zum DDR-Erbe in der Seele.

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Und noch etwas kommt dazu: Wir Menschen sind Gewohnheitswesen. Verhaltensweisen und Denkweisen, die wir aus unserer Umgebung kennen, werden ein Teil von uns, werden „eingehaust“. Auch das ist Teil des DDR-Erbes in der Seele.

Einige besondere Nachwirkungen im Fühlen und Verhalten wurden in Befragungen und Untersuchungen deutlich: Für viele existierte eine strikte Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben. Kritische Äußerungen wurden meistens sanktioniert. Die Angst vor der Kontrolle durch die Stasi und andere war allgegenwärtig. Deswegen sprachen viele in der Öffentlichkeit anders als im privaten Kreis. Daraus entstand auch chronisches Misstrauen gegenüber der Presse und anderen Medien. Jeder wusste, dass im Neuen Deutschland nicht viel mehr als das Impressum stimmte. Man arrangierte sich in Scheinwelten.

Bei vielen setzen sich diese Trennungen und der Rückzug ins Private fort, lässt allerdings bei den jungen Menschen immer mehr nach. Eine junge Frau erzählte: „Ich habe immer noch Scheu, mit anderen Leuten über Privates zu sprechen. Außerhalb meiner Familie schon gar nicht.“

Gefühle wurden wenig gezeigt. Das begann schon damit, dass über den Schmerz der Vertriebenen nicht gesprochen werden durfte. Sie wurden als „Umsiedler“ bezeichnet. Alles andere wäre ebenso eine Beleidigung der „ruhmreichen Sowjetunion“ gewesen wie die Vergewaltigung Hunderttausender Frauen und Mädchen durch sowjetische Soldaten. Äußerungen über Trauer, Schmerz, Ängste waren weitgehend tabu (so wie in manchen Kreisen der alten Bundesrepublik die Verbrechen der Nationalsozialisten weitgehend tabu blieben). Darüber durfte allenfalls im engsten Familienkreis gesprochen werden, aber meist nicht einmal dort. Auch diese Tendenz blieb und bleibt als Erbe in der Seele erhalten. Auch über die Erfahrungen der Flucht und die dabei ausgestandenen Ängste wurde meist geschwiegen. Man brauchte nach der Flucht alle Energie, um eine neue Existenz und einen neuen Alltag aufzubauen. „Für`s Traurig-Sein hatten wir gar keine Zeit“, sagte eine Frau. Die Kinder wuchsen damit auf. Sie hielten das weitgehende Schweigen über Gefühle für „normal“ oder eine Charaktereigenschaft, ohne es mit der gesellschaftlichen Umgebung in Verbindung zu bringen. All das färbte auf die nächste Generation ab.

Die Erziehung in der DDR war autoritär. Selbstständiges Denken und Abweichen von den Normen war nicht gefragt. Das gipfelte in den berüchtigten Jugendhöfen, in denen Gewalt und Erniedrigung Alltag gegenüber Kindern und Jugendlichen war. Der Lernstil in den Schulen war durch viel Auswendiglernen geprägt. Es gab Ausnahmen, doch meistens waren Disziplin und Unterordnung wichtiger als selbstständiges Denken und kritische Auseinandersetzung. Als kurz vor der Wende Oberschul-Absolventinnen und Absolventen in der DDR befragt wurden, was einen guten Lehrer ausmacht, antworteten die meisten etwa so: „Das sind die, bei denen man merkt, dass sie nicht an das glauben, was sie im Unterricht erzählen.“

Die autoritäre Erziehung hat viele Spuren hinterlassen. Bei den Kindern und Jugendlichen aus Torgau Traumatisierungen, bei anderen Erfahrungen der Beschämung und Erniedrigung oder Hemmungen in kritischen Äußerungen, im Laut-Werden, in selbstbewussten Diskussionen. Bei manchen Kindern und Angehörigen der nächsten Generation wirkt dies nach, bei anderen ist es ins Gegenteil umgeschlagen und sie verstehen ihre Eltern nicht (und umgekehrt: „Junge, steck den Kopf nicht zu weit raus, das kann gefährlich werden!“).

„Die anderen sind schuld“, eine weitere Spur des DDR-Erbes in der Seele. In der DDR gab es offiziell keine Faschisten oder Rassisten, angeblich nur im Westen. Rechtsradikale Übergriffe wurden als Rowdytum verharmlost, Rechtsradikale durfte es nicht geben, gab es aber, und das nicht zu wenig. Damit fand auch keine wirkliche Auseinandersetzung mit diesen Haltungen statt, keine, die an möglichen eigenen Vorurteilen ansetzte.

Auch in anderer Hinsicht galt: Die anderen sind schuld. Wenn es größere Probleme gab, waren „die da oben“ oder die „feindlichen Agenten“ oder später „die Treuhand“ dafür verantwortlich. Sicherlich stimmte das teilweise, aber nicht so pauschal. Mittlerweile gibt es viele selbstbewusste Menschen mit DDR-Biografie, die sich zum Beispiel mit Rassismus auseinandersetzen und die ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen wollen. Doch dass „die anderen“ die Verantwortung haben sollen, ist immer noch eine Haltung, die als DDR-Erbe nachwirkt. Dann wird vieles von „früher“ verklärt, dann versinken viele in Resignation, weil „die da oben“ ja an ihrem Schicksal schuldig sind und sie selbst „nichts ändern“ können.

Ein weiteres Erbe ist das große Selbstbewusstsein und die Initiative vieler Frauen. In der DDR war es für sie selbstverständlich, dass sie arbeiten konnten und bei einer möglichen Trennung nicht von der Gnade der Männer abhängig waren. Diese Sicherheit, das eigene Leben in die Hand nehmen zu können (auch wenn für die Frauen die politischen Einschränkungen genauso galten wie für die Männer) lebt als positives Erbe fort, auch bei vielen Frauen in der zweiten Generation. Die große Mehrheit der Menschen, die nach dem Untergang der DDR in andere Bundesländer gezogen sind oder im „Westen“ studierten, war weiblich. Doch es ist auffällig, dass zahlreiche Ostfrauen im Vergleich zu den Westfrauen zu bescheiden sind. Sie merkten oft, dass viele Westfrauen sich besser darstellen können, aber „auch nur mit Wasser kochen“. Frauen aus der ehemaligen DDR sind häufig taff, aber bescheiden.

Das DDR-Erbe in der Seele in diesen und anderen Aspekten zeigt sich oft in der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Es wird von der Generation, die in der DDR gelebt hat, wenig oder nichts erzählt. Oder manchmal nur die gleichen Geschichten, als wäre die ganze DDR ein Jugendlager der FDJ oder eine Sommerfrische am See gewesen. Vor allem wird viel zu wenig darüber geredet, wie es den Älteren in der DDR-Zeit wirklich ging, was sie erlebt und gefühlt haben. Viele bedauern das Unverständnis und Schweigen zwischen den Generationen. Ein junger Mann erzählt: „Ich bin 1987 geboren. Wie es meinen Eltern damals und vorher ging, weiß ich nicht. Ich weiß von ihren Urlauben, wo sie gearbeitet haben und dass sie ewig auf einen Trabbi gewartet haben. Aber was ihr Herz betrifft, habe ich keine Ahnung.“

Das seelische Erbe der DDR betrifft nicht alle, aber viele Menschen. Dazu zählen die Bewohnerinnen und Bewohner der damals neuen Bundesländer, die aus der DDR Geflüchteten (bis zum Mauerbau mehr als 4 Millionen), auch die, die damals Kinder waren, die zwei Millionen, die nach 1989 die ehemalige DDR verlassen haben, und deren Kinder, an die viele Aspekte des seelischen Erbes weitergegeben wurden.

Sich damit zu beschäftigen hilft. Es hilft, sich selbst besser zu verstehen. Und es kann helfen, die Beziehungen zu anderen, vor allem zwischen den Generationen, zu verbessern. Das ist eine Aufgabe nicht für die Menschen, die aus der ehemaligen DDR stammen, sondern für alle. Eine gemeinsame Zukunft in unserem Land braucht auch Dialoge mit dem, was war. Zukunft braucht Herkunft.

Manche wollen nicht mehr an „die alten Geschichten“ erinnert werden und erst recht nicht als „Opfer“ der DDR oder der Nachwende-Zeit dastehen. Das ist verständlich. Doch das DDR-Erbe in der Seele bleibt lebendig. Denn die Seele zieht keinen Schlussstrich.

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Wenige Wochen vor dem Mauerfall im November 1989 wurde die DDR-Auszeichnung noch einmal verliehen.

Der Autor: Udo Baer wurde 1949 in der Niederlausitz geboren. Er studierte Pädagogik und ist als Autor und Therapeut tätig. Zuletzt erschien von ihm das Buch „DDR-Erbe in der Seele“ (Beltz-Verlag, 235 S., 19,95 Euro)

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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