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Zwischen dünnem Kaffee und großer Show

Emöke Pöstenyi war der Star des DDR-Fernsehballetts und später eine erfolgreiche Choreografin. Im Interview schwärmt sie aber auch von Katzen.

Emöke Pöstenyi (r.) und Susan Baker, das Star- Tanzduo des DDR-Fernsehballetts 1979.
Emöke Pöstenyi (r.) und Susan Baker, das Star- Tanzduo des DDR-Fernsehballetts 1979. © dpa-Zentralbild

Direkt von der Ballettschule weg wurde die 1942 in Budapest geborene Tänzerin Emöke Pöstenyi von einem DDR-Talentscout angeworben. Mit 18 begann sie ihre Karriere, die sie ab 1963 als gefeierte Solistin des Fernsehballetts zu einer Ikone des Showtanzes werden ließ. Als Choreografin arbeitete sie später auch mit klassischen Tänzern zusammen. In ihrer Autobiografie lässt sie jetzt zugleich ein Stück deutsche Unterhaltungskunstgeschichte Revue passieren. Im Interview spricht sie zudem über ihr Verhältnis zu Co-Startänzerin Susan Baker und erklärt, was sie am Kaffee in der DDR auszusetzen hatte.

Wie oft und bei welchen Gelegenheiten tanzen Sie noch? Welche Rolle spielt dabei heutzutage Ihre Küchentür?
Ich tanze gar nicht mehr. Zu meiner aktiven Zeit habe ich oft auch im Garten an einer Choreografie gearbeitet. Und die Küchentür half mir dabei. Ich konnte in ihr meine Bewegungen kontrollieren und prüfen, ob das Gedachte auch tänzerisch funktioniert. Heute ist meine Küchentür wirklich nur noch ein Spiegel.

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Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Disziplin wichtig für eine Tänzerin ist. Wie durchorganisiert ist Ihr Alltag?
Ballett bedeutet, mit einer Gruppe zu arbeiten. Mühe und Freude hat man da stets gemeinsam. Aber auch heute beginne ich noch den Tag mit Gymnastik, um locker zu bleiben. Ich denke in meinem Garten, in dem ich viel Zeit verbringe, selten ans Tanzen. Damit muss man ja nun mal eines Tages aufhören. Doch Erinnerungen bleiben und Freundschaften. Wenn wir uns wiedersehen und reden, beschäftigt uns oft die Frage: Wie geht es generell mit unserem Beruf weiter?

Den Bühnenentwurf für den „Bolero“ bewahrt Emöke Pöstenyi auch heute noch auf. Die 78-Jährige malt und zeichnet inzwischen selbst sehr viel.
Den Bühnenentwurf für den „Bolero“ bewahrt Emöke Pöstenyi auch heute noch auf. Die 78-Jährige malt und zeichnet inzwischen selbst sehr viel. © Verlag Bild und Heimat

Wie viele Katzen haben Sie derzeit?
Drei; Cookie, Satan und Sophie.

Wie kommt es, dass Sie bei Ihrem Bekenntnis zur Disziplin kein Herz für Hunde, sondern ausgerechnet für unerziehbare Katzen haben?
Ihr Eigensinn ist mir sympathisch. Hunde sind mir zu sehr an den Menschen gebunden und verlangen ständig Beschäftigung.

War es für Sie ein Schock, als Sie Ende der 50er-Jahre aus dem vergleichsweise liberalen Ungarn in die DDR kamen?
Ich war neugierig auf ein fremdes Land, dessen Sprache ich zu lernen begann. Übrigens auf Wunsch meiner Mutter, die mich auch zur Ballettschule geschickt hatte.

Worüber haben Sie am meisten gestaunt?
Über den dünnen Kaffee und über die Autobahn, auf der sich, wie mir damals schien, so schnell fahren ließ.

Was reizte Sie überhaupt daran, ein Jobangebot aus Meiningen, einem Ort, von dem Sie nie zuvor gehört hatten, anzunehmen?
Meiningen, was ich bald merkte, war nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch eine berühmte Theaterstadt. Und das Theater war ein Ort mit merkwürdigen Menschen. Tanzen war für mich zu dieser Zeit nur Spaß. Eigentlich wollte ich Kostümbildnerin werden.

Fühlen Sie sich heute noch als Ungarin oder längst als Deutsche?
Durch Alltag und Beruf habe ich mehr mit Deutschen zu tun gehabt als mit Ungarn. Allerdings spielt die ungarische Küche immer noch eine große Rolle und ich zähle noch auf Ungarisch. Bei den Zahlen gibt es einen großen Unterschied zum Deutschen, denn im Ungarischen wird grundsätzlich immer eine Zahl von links nach rechts gelesen.

Geht Ihnen nahe, was in Ungarn, vor allem im Kultur- und Mediensektor, unter Orbán passiert?
Ich teile die kritischen Fragen und Sorgen meiner Freunde – hier wie dort. Ich habe vor drei Jahren meine Staatsangehörigkeit gewechselt.

1961 tanzte Emöke Pöstenyi (ganz links) drei Monate lang an der Dresdner Staatsoperette.
1961 tanzte Emöke Pöstenyi (ganz links) drei Monate lang an der Dresdner Staatsoperette. © Verlag Bild und Heimat

Bevor Sie 1961 an den Berliner Friedrichstadtpalast gingen, tanzten Sie an der Dresdner Staatsoperette unter anderem in „Messeschlager Gisela“. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Mein Engagement dauerte leider nur drei Monate und davon ist mir nichts Besonderes in Erinnerung geblieben. Dresden und sein Publikum habe ich aber dann später als Choreografin während der schönen Arbeit am „Dompteur“ für mich entdeckt und besser kennengelernt.

Später bildeten Sie beim Fernsehballett mit Susan Baker 13 Jahre lang ein Traum-Duo. Ihrem Buch zufolge war Ihr Verhältnis jedoch keineswegs traumhaft. Woran lag das?
Mein Verhältnis zu Susan war kollegial, aber wir waren nicht eng befreundet. Wir haben im Fernsehballett wunderbar und ohne Probleme zusammengearbeitet, aber privat ging jede von uns ihren eigenen Weg. Wenn man medial immer als Duo wahrgenommen wird, erzeugt das natürlich die Vorstellung, als würde man grundsätzlich zusammengehören. Aber Tanzen ist ein Beruf, und wir haben viel Zeit bei Proben und Auftritten gemeinsam verbracht.

Haben Sie sich tatsächlich nach Ihrem Abschied vom Ballett nie wieder gesehen?
Das stimmt, es lag aber nicht an mir. Ich habe sie eingeladen, wenn es spezielle Ballett-Veranstaltungen gab. Ich glaube, Susan hat dieses Kapitel für sich abgeschlossen.

Susan Baker, Emöke Pösteny und weitere Damen vom DDR-Fernsehballett 1974 bei Dreharbeiten für die Fernsehsendung "Unterwegs mit Musik" in Schwerin.
Susan Baker, Emöke Pösteny und weitere Damen vom DDR-Fernsehballett 1974 bei Dreharbeiten für die Fernsehsendung "Unterwegs mit Musik" in Schwerin. © dpa-Zentralbild

Ging Ihnen das endgültige Aus des Fernsehballetts zu Herzen oder hatten auch Sie damit längst abgeschlossen?
Ich habe damit gerechnet und es war für mich keine große Überraschung. Aber wenn man mit diesem Ensemble so verbunden ist wie ich, ist es natürlich traurig, wenn eine so renommierte Compagnie einfach aufgelöst wird.

Was bleibt Ihnen persönlich als wichtigste Erinnerung an diese Institution erhalten?
Es war eine tolle Gruppe. Ich hatte Glück gehabt, dass das meine Zeit war. Die Neueinstudierungen waren aufregend – für die Tänzer und für mich.

Sie sind geschmeidig vom Tanz in die Choreografie gewechselt. Was hätten Sie getan, hätte das nicht so gut geklappt?
Darüber habe ich tatsächlich nie nachgedacht.

Ihre erste große Produktion mit klassischen Tänzern war 1981 der „Dompteur“ im Dresdner Schauspielhaus. Warum gerade Dresden?
In Dresden wurde zu dieser Zeit Harald Wandtke Ballettchef. Ich kannte ihn aus Berlin von der Komischen Oper, wo er Solotänzer bei Tom Schilling war. Für den Ballettwettbewerb 1975 habe ich „Alltag der Venus“ choreografiert und dafür einen zweiten Preis erhalten. Harald Wandtke hatte uns eingeladen, dieses Stück für einen Gala-Abend in Dresden aufzuführen. Danach bot er mir an, ein eigenes Ballett für das Dresdner Ensemble zu choreografieren. So ist der „Dompteur“ entstanden.

Szene aus "Der Dompteur", dem Ballett das Emöke Pöstenyi als Choreografin in Dresden auf die Bühne brachte.
Szene aus "Der Dompteur", dem Ballett das Emöke Pöstenyi als Choreografin in Dresden auf die Bühne brachte. © Verlag Bild und Heimat

Warum hat Ihnen Star-Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, mit dem Sie seit 1975 verheiratet sind, nie ein Ballett-Libretto geschrieben?
Er hat anderes geschrieben. Ein Ballett-Libretto ist hingegen ein sehr eigenes Genre.

Ihr Mann schreibt im finalen Text Ihres Buches, als Choreografin seien Sie von den beteiligten Tänzern „Folterfrieda“ genannt worden. Nicht gerade ein Ehrentitel, oder?
Dieser Name war natürlich rein ironisch gemeint. Aber meinem Mann hat er gefallen. Und ich habe ihn ebenfalls lachend angenommen.

Er behauptet auch, dass er in Ihrer Rangordnung Platz drei hinter den Katzen und dem Geschirrspüler belegt und damit zufrieden sei. Was lieben Sie an Ihrem Geschirrspüler?
Dass er einfach wortlos arbeitet und stets ohne Widerspruch.

Was ist das Erste, das Sie nach dem Corona-Lockdown tun werden?
Eine richtig große Party mit vielen Freunden feiern.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Buch: Emöke Pöstenyi, Das Fernsehballett: Mein Leben mit dem Tanz, Verlag Bild und Heimat, 144 Seiten, 14,99 Euro

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