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Männer reden, Frauen kochen Kaffee

Eine Studie über die Frauenbewegung in der DDR zeigt, dass es mit der Gleichberechtigung im Alltag nicht weit her war.

Frauen in der Dresdner Schokoladenfabrik Elbflorenz. In der DDR waren die meisten Frauen voll berufstätig und finanziell unabhängig. Automatisch gleichberechtigt waren sie im Alltag nicht.
Frauen in der Dresdner Schokoladenfabrik Elbflorenz. In der DDR waren die meisten Frauen voll berufstätig und finanziell unabhängig. Automatisch gleichberechtigt waren sie im Alltag nicht. © SZ-Archiv, Waltraut Kossack

Von Yvonne Fiedler

Die Frauenfrage galt in der DDR als geklärt: Frauen hatten in der Regel einen Job, erhielten gleichen Lohn für gleiche Arbeit, waren finanziell unabhängig und nicht auf Versorgungsehen angewiesen, konnten ihre Kinder betreuen lassen – Haken dran. Doch der Alltag vieler vermeintlich gleichgestellter Frauen sah ungleich trüber aus.

Auf diesen Umstand verweist auch die jüngst erschienene Studie „Frauenbewegung in Ostdeutschland“ von Jessica Bock. Die Wissenschaftlerin, die am Digitalen Deutschen Frauenarchiv arbeitet, hat in ihrer Dissertation Akteurinnen und Initiativen untersucht, die sich zwischen 1980 und 2000 in Leipzig für die Belange von Frauen einsetzten. Dafür interviewte sie mehr als 30 Zeitzeuginnen und hatte auch Zugang zu vielen Privatarchiven.

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Eine These zieht sich durch die Forschungsarbeit: Die untersuchten Initiativen entstanden, weil für Frauen in Sachen Gleichberechtigung in der DDR eben nicht alles in Butter war. Stattdessen fanden sie sich oft in einer doppelten Unmündigkeit wieder: zum einen gegenüber der Staatspartei SED, die echte Mitbestimmung ausbremste, und zum anderen gegenüber dem patriarchalen Gesellschaftssystem, das von der neuen Propaganda und Gesetzgebung lange Zeit unbeeindruckt blieb. Führungspositionen waren weitgehend von Männern besetzt. Hausarbeit und Kinderbetreuung blieben, trotz voller Berufstätigkeit, meist an den Frauen hängen.

Fragwürdige Feindfantasien

Es waren genau die Themen, die laut Bocks Recherchen in den 1980er-Jahren die ersten kleinen Frauengruppen zusammenbrachten. Initiativen wie die Frauengruppe für ein Frauenzentrum, der Lila Lady Club und die Frauengruppe Grünau entstanden aus einem Kreis von privat Befreundeten, die sich mit Themen wie Ehe und Gleichberechtigung, Frauen und Sprache, Erziehung und Bildung, Militarisierung auseinandersetzten. Dabei fassten sie auch so heiße Eisen wie die Einführung des Wehrkundeunterrichts 1978 an Schulen an.

Es verwundert wenig, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) viele der Akteurinnen überwachte und gegen sie ermittelte, getrieben von fragwürdigen Feindfantasien. Die Frauen hätten „eine gemeinsame politische Position gefunden“, würden „sich im Pazifismus in Erscheinungen des Feminismus, in der ,Befreiung der Frauen im Weltmaßstab‘ bestätigt fühlen und in dieser Richtung des politischen Untergrunds aktiv werden“, faselte etwa der zuständige MfS-Offizier in einem Vorgang zu den Akteurinnen der Frauengruppe für ein Frauenzentrum. Diese hatten weiter nichts getan, als in einem Jugendklubhaus eine Veranstaltungsreihe über „weibliche“ Themen anzustoßen. Jessica Bock zeichnet detailliert nach, wie rasch sich auch die SED-Stadtleitung in diese Initiative einschaltete, die Veranstalterinnen bearbeitete, der Reihe den Deutschen Frauenbund als Organisator überstülpte und sie dadurch so sterbenslangweilig machte, dass die Besucherinnen ausblieben und das Projekt binnen kürzester Zeit geerdet war.

Die meisten Frauengruppen der 1980er-Jahre hatten keinen Zugang zu öffentlichen Räumen, sondern agierten privat oder unter dem Dach der Kirchen. Letztere waren zwar Basis für viele Protest- und Aktionsgruppen jener Zeit, dem Anliegen der Frauen gegenüber aber nicht zwangsläufig offen. Oft genug bissen sich Akteurinnen an uninteressierten oder regelrecht frauenfeindlichen Pfarrern die Zähne aus. Kirchliche Räume spielten erst im Herbst 1989 keine Rolle mehr, als inmitten der neu entstandenen demokratischen Gruppierungen auch eine neue Generation von Frauengruppen auf den Plan trat. Jessica Bock untersucht ausführlich die Fraueninitiative Leipzig, die sich aus dem Neuen Forum heraus entwickelte und später von diesem unabhängig machte, weil die Akteurinnen selbst hier erneut auf patriarchale Strukturen stießen. „Auch bei uns im Neuen Forum fing es wieder so an, dass die Männer redeten und die Frauen den Kaffee kochten“, zitiert Jessica Bock eine Zeitzeugin.

Weg von den Nebenschauplätzen

In der heißen Revolutionsphase ging es den Frauen nicht nur ums Diskutieren, sondern darum, die Frauenfrage vom „Nebenschauplatz“ zu einer elementaren Frage im Reformprozess zu erheben. Die Fraueninitiative Leipzig entsandte Vertreterinnen an den Runden Tisch, kandidierte für den Sächsischen Landtag und den Leipziger Stadtrat. Die Ergebnisse ihrer ungeheuer zeit- und kräftezehrenden Arbeit empfanden viele der interviewten Akteurinnen als unbefriedigend, oft seien ihre Forderungen marginalisiert worden. Manches konnte sich dennoch sehen lassen, so setzte etwa die Fraueninitiative schon früh die Einrichtung eines Gleichstellungsreferats in der Leipziger Stadtverwaltung durch. Dieser Schritt markierte bereits den Übergang in eine dritte Phase der Frauenbewegung, die Jessica Bock untersucht hat. Die Autorin legt Wert darauf, diese nicht als pure Institutionalisierung und damit gewissermaßen auch Endstation verstanden zu wissen. In den frühen 1990er-Jahren überführten sich zahlreiche Gruppen selbst in eine Vereinsstruktur, den Regeln des neuen politischen Systems folgend. Eine Vereinsgründung ermöglichte Fördermittelanträge, bestenfalls Zugang zu Räumen und hauptamtlichem Personal.

Jessica Bock verfolgt hier eine Fülle von Initiativen, etwa das FrauenTechnikZentrum, das Kunst- und Kultur-Centrum für Frauen und den RosaLinde, einen bis heute existierenden Verein für queere Begegnung. In diesem letzten Kapitel verliert sich die Autorin leider in Kurzbetrachtungen zahlloser Projekte und Akteurinnen, die für mehr Verwirrung als Klarheit sorgen. Dazu trägt auch die ungeschickte Gliederung bei, derentwegen man beispielsweise seitenlang nachlesen muss, welche Gruppe sich wann und wo welche Räume erkämpfen konnte und wie sie dort Türen, Fenster, Dächer und sonstige Ausstattung in Eigenleistung sanierte – ein Schicksal, das nicht frauenspezifisch gewesen sein dürfte, sondern das zahllose Initiativen Anfang der 90er in den maroden Städten der DDR teilten.

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Dem Buch hätte ein sorgfältigeres Lektorat gutgetan. Immer wieder stören fehlende Worte, fehlerhafte Transkriptionen („Scherbe“ statt „Schärpe“) oder falsch verwendete Fremdworte („reüssieren“ statt „resümieren“) den Lesefluss. Auch Straffungen wären sinnvoll gewesen, beispielsweise im Schlussteil, wo die Erkenntnisse aus den Zwischenfazits einfach wiederholt werden, der in der Überschrift versprochene „Ausblick“ jedoch fehlt. Nichtsdestotrotz leuchtet das Buch ein bisher eher unterbelichtetes Kapitel der DDR-Forschung hell aus und hält Entdeckungen bereit. Eine davon ist etwa die Weitsicht des Wahlprogramms, mit dem die Fraueninitiative Leipzig 1990 zur Kommunalwahl in ihrer Stadt antrat. In ihm fordern die Akteurinnen unter anderem, den Braunkohletagebau zu stoppen, steuerliche Vergünstigungen für umweltfreundliche und sozialverträgliche Produkte sowie Erziehungsgeld für Frauen und Männer.

Jessica Bock: Frauenbewegung in Ostdeutschland. Aufbruch, Revolte und Transformation in Leipzig 1980–2000. Mitteldeutscher Verlag 460 Seiten., 48 Euro

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