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Der DDR-Endzeit-Fotograf

Vor seiner Ausreise hat Hans-Jürgen Freudenberger den Verfall und den Aufbau in Dresden mit der Kamera festgehalten. Was davon geblieben ist.

Dieses alte Foto zeigt den Fußgängertunnel am Neustädter Markt in Dresden im Jahr 1988.
Dieses alte Foto zeigt den Fußgängertunnel am Neustädter Markt in Dresden im Jahr 1988. © Hans-Jürgen Freudenberger

Dresden. Sowjetsoldaten stehen am Neustädter Markt und genießen die Frühlingssonne. Hinter ihnen kommen Passanten aus dem Fußgängertunnel. Bilder einer verschwundenen Welt. Zuerst verschwinden die Sowjetsoldaten, dann verschwindet 2016 der Fußgängertunnel. Auch Hans-Jürgen Freudenberger hat 1989 seine Heimatstadt verlassen. Doch zuvor hielt der heute 76-Jährige im Foto fest, was hier geschah. 

„Ich habe etwa 5.000 Aufnahmen von Dresden“, sagt der Hobbyfotograf. Sie sind so gut, dass im Oktober das Buch „Dresden in der DDR-Zeit. Fotografien aus den 80er-Jahren“ mit seinen Bildern erscheint. Darin sind die Sowjetsoldaten, aber auch viele andere Aufnahmen zu sehen. Doch daran war noch nicht zu denken, als Freudenberger mit seiner Familie 1989 die DDR gen Westen verließ. 

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Während 1987 das Plattenbaugebiet Gorbitz entsteht, verfallen Dresdens Altbauviertel.
Während 1987 das Plattenbaugebiet Gorbitz entsteht, verfallen Dresdens Altbauviertel. © Hans-Jürgen Freudenberger

„Ich fotografiere seit meiner Kindheit“, sagt er. Mit zwölf Jahren fängt er mit einer Pouva Start an, die ihm seine Eltern zu Weihnachten geschenkt haben. Bei seiner Dreherlehre in den Dresdner Kamera- und Kinowerken lernt er im Fotozirkel des Betriebs das Fotografieren und Entwickeln. Dabei darf der junge Mann auch die dort hergestellten Praktica-Spiegelreflexkameras nutzen, die er sich von seinem Lehrlingsgeld nicht leisten kann. 

1988 wird dieses Haus an der Ecke Weißeritz-/Schäferstraße gesprengt.
1988 wird dieses Haus an der Ecke Weißeritz-/Schäferstraße gesprengt. © Hans-Jürgen Freudenberger

Freudenberger beendet seine Lehre, wird vom Betrieb an die Ingenieurhochschule delegiert, die er als Maschinenbauingenieur verlässt. Der junge Fachmann findet einen Job im VEB Verpackungsmaschinenbau Dresden, das zum Kombinat NAGEMA gehört. Im markanten NAGEMA-Hochhaus neben dem S-Bahn-Haltepunkt am Dobritzer Moränenende arbeitet er jahrelang in der Abteilung für die Projektierung von Arbeitsstätten und Betriebsanlagen. So kann sich der junge Familienvater 1975 auch eine Praktica VLC für 900 Mark und einige Wechselobjektive leisten. Auch wenn das beim Monatsgehalt von 800 Mark nicht einfach ist.

So sah die Dresdner Schlossbaustelle 1987 aus.
So sah die Dresdner Schlossbaustelle 1987 aus. © Hans-Jürgen Freudenberger

Sein Fotolabor ist zu Hause in einer Abstellkammer. In einer kleinen Nische steht das Vergrößerungsgerät. Denn im Gegensatz zu heute werden Filme und Fotos damals noch selbst entwickelt beziehungsweise vergrößert. „Damit es dunkel ist, habe ich die Fenster mit schwarzem Papier abgehängt“, berichtet der Hobbyfotograf. 

1984 hatte es auf der Zwickauer Straße in Plauen gekracht. Der sowjetische Saporoshez sah danach nicht gut aus.
1984 hatte es auf der Zwickauer Straße in Plauen gekracht. Der sowjetische Saporoshez sah danach nicht gut aus. © Hans-Jürgen Freudenberger

1986 entschließt sich die Familie, mit ihren beiden Söhnen die DDR zu verlassen. „Dresden war runtergekommen, die Altbausubstanz verfiel“, sagt er. Die Zustände wie fehlende Reisefreiheit und Perspektivlosigkeit sind die Hauptgründe für die Entscheidung. 

Verfall prägt das Bild in der Neustadt, so auch in diesem Hinterhof an der Görlitzer Straße.
Verfall prägt das Bild in der Neustadt, so auch in diesem Hinterhof an der Görlitzer Straße. © Hans-Jürgen Freudenberger

Auch für ihre Kinder wollen Freudenbergers Perspektiven schaffen und die Möglichkeit, sich Deutschland und die Welt anzusehen. „Politisch habe ich mich nie betätigt“, sagt der Fotograf. In seiner Personalakte des Betriebes, die er nach der Wende bekommt, sei er als kritisch, aber nicht destruktiv beschrieben worden. 

In der Felsenkeller-Brauerei im Plauenschen Grund wird 1987 noch Bier gebraut.
In der Felsenkeller-Brauerei im Plauenschen Grund wird 1987 noch Bier gebraut. © Hans-Jürgen Freudenberger

„Damals habe ich in der Stadt alles fotografiert, was mir vor die Linse kam.“ Fast an jedem Sonnabendvormittag zieht der Projektierungsingenieur, der von Kindesbeinen an in Plauen wohnt, los und fotografiert. Verfallene Gründerzeithäuser, das Neubaugebiet Gorbitz, uralte Bauernhöfe oder das große Eisenbahnjubiläum 1989. Er will Dresden ungeschönt so dokumentieren, wie es ist. 

Ein Blick in den Fußgängertunnel am Pirnaischen Platz aus dem Jahre 1989.
Ein Blick in den Fußgängertunnel am Pirnaischen Platz aus dem Jahre 1989. © Hans-Jürgen Freudenberger

Drei Jahre wartet die Familie. Dann die Entscheidung. Im August 1989 kommt die Mitteilung, dass die Ausreise genehmigt ist. Die Familie beräumt die Wohnung, die sie besenrein übergeben muss. „Am 6. September, unserem 20. Hochzeitstag, bekamen wir das Telegramm, dass wir ausreisen dürfen.“ Binnen 24 Stunden müssen Freudenbergers die DDR verlassen. 

Diese Aussicht bot sich vom Dobritzer NAGEMA-Hochhaus zum Reicker Industriegebiet 1985. Den Schornstein gibt es mittlerweile nicht mehr.
Diese Aussicht bot sich vom Dobritzer NAGEMA-Hochhaus zum Reicker Industriegebiet 1985. Den Schornstein gibt es mittlerweile nicht mehr. © Hans-Jürgen Freudenberger

Nach Stationen im Aufnahmelager Gießen und in einem umgebauten Hotel bei Darmstadt findet die Familie nach einem Vierteljahr eine Wohnung im Odenwald. Hans-Jürgen Freudenberger absolviert einen achtmonatigen CAD-Lehrgang für computergestütztes Konstruieren und findet einen Job. Bis zur Rente arbeitet er als Ingenieur in verschiedenen Firmen und fotografiert in seiner Freizeit weiter. 

Hans-Jürgen Freudenberger hat in den 70er- und 80er-Jahren viele Impressionen von Dresden festgehalten.
Hans-Jürgen Freudenberger hat in den 70er- und 80er-Jahren viele Impressionen von Dresden festgehalten. © privat

Heute wohnt Freudenberger mit seiner Frau in der 30.000-Einwohner-Stadt Viernheim in der Rheinebene zwischen Heidelberg und Darmstadt. Die Dresden-Fotos aus den 70er- und 80er-Jahren liegen zwei Jahrzehnte im Schrank, bevor er sie sichtet und weitgehend einscannt. Die Verbindung zu seiner Heimatstadt hat Freudenberger immer gehalten. 

Im kommenden Monat erscheint dieser Bildband von Hans-Jürgen Freudenberger im Wartberg-Verlag.
Im kommenden Monat erscheint dieser Bildband von Hans-Jürgen Freudenberger im Wartberg-Verlag. © Hans-Jürgen Freudenberger

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„Über die Internetseite der SZ verfolge ich das Geschehen in Dresden – vom Fernsehturm bis zur Sanierung der Augustusbrücke“, sagt er. Freudenberger hofft, mit seinen Bildern ein Stück Erinnerung wachzuhalten. Denn daran werde auch deutlich, wie toll sich die Stadt nach der Wende entwickelt hat. „Bewusst habe ich für den Bildband aber auch Aufnahmen mit eher alltäglichen Motiven abseits des Stadtzentrums ausgesucht, von denen manches zum Schmunzeln anregen soll.“

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