SZ + Feuilleton
Merken

Dresdner Kultband Dekadance löst sich überraschend auf

Olaf Schubert begann als Drummer der Combo seine steile Karriere, auch ein Professor gehörte dazu und sogar ein Echo-Klassik-Gewinner. Nun ist damit Schluss.

Von Andy Dallmann
 4 Min.
Teilen
Folgen
Die Dresdner Band Dekadance posiert nicht mehr am Elbufer. Die Truppe um Drummer Olaf Schubert (2.v.r.) ist Geschichte.
Die Dresdner Band Dekadance posiert nicht mehr am Elbufer. Die Truppe um Drummer Olaf Schubert (2.v.r.) ist Geschichte. © PR

Ende der 80er-Jahre war die jeweilige Beziehung zu dieser Band entscheidender als Geld, Schönheit oder originelle Klamotten. Zumindest in der Dresdner Neustadt. Wenn man jemanden kannte, der wiederum einen Musiker von Dekadance kannte, war man immerhin schon cool. Unmittelbarer Kontakt bedeutete die nächsthöhere Coolness-Stufe. Und ganz oben schwirrte, wer mitspielen durfte.

Entsprechend begehrt waren diese Jobs sowie die in diversen Satellitenprojekten. Mit ihrem skurrilen Mix aus Rock, Funk, Jazz und irrwitzigem Klamauk ragte die Combo als Leuchtturm aus der hiesigen Szene heraus. Nach 37 Jahren, zehn Alben und Hunderten Konzerten ist damit jetzt Schluss. Das Unternehmen Dekadance wurde überraschend und völlig ohne Tamtam aufgelöst.

Frontmann Bert Stephan (vorn) hat die Band, in der Olaf Schubert in der Rolle seiner Schwester Gabi (3.v.l.) trommelte, aufgelöst.
Frontmann Bert Stephan (vorn) hat die Band, in der Olaf Schubert in der Rolle seiner Schwester Gabi (3.v.l.) trommelte, aufgelöst. © PR

Die Website informiert darüber sehr nüchtern mit dem Hinweis: „Diese Band endet hier! Vielen Dank für euren Besuch!“ Kein weiterer Satz, keine Erklärung. Die liefert Bert Stephan, Gründer, Boss sowie Sänger und Trompeter, auf Anfrage in gewohnter Manier: „Ursprünglich sollte Dekadance 2020 mit der Tour zum 35. Gründungsjubiläum würdig und entspannt auslaufen. Aus bekannten Gründen sollte das aber nicht sein.“ Und weiter: „Wir haben die Band vor drei Jahren gemeinsam beerdigt, aber wir hätten die Leiche wirklich noch mal ausgegraben. Allein, es fehlte an Schaufeln, und man konnte auch wirklich nicht ahnen, wie viel Erde sich in drei Jahren so ansammeln kann.“

Im Klaren war man sich, dass die Band ihren Zenit längst überschritten habe. Bert Stephan: „Die Clubs, die wir in den 80er- und 90er-Jahren noch gefüllt haben, gibt es teilweise nicht mehr. Und wenn doch, kamen zuletzt zu unseren Konzerten immer weniger Leute.“

Sorgen ums Überleben muss sich dennoch niemand machen. Alle Musiker sind gut im Geschäft. So ist Christoph Hermann Soloposaunist im Polizeiorchester des Freistaates Sachsen, Tom Götze Professor für E- und Kontrabass an der Dresdner Musikhochschule, Geiger Hans-Jürgen Noack geht, so Bert Stephan, „anderen Menschen in Leipzig auf den Sack und verdient damit ganz gut“.

Saxofonist Jens Bürger ist im Hauptjob Frontmann der Jindrich Staidel Combo. Gitarrist Marc Dennewitz arbeitet bundesweit als Komponist und Instrumentalist an verschiedenen Theatern und Olaf Schubert ist halt Olaf Schubert. Bert Stephan geht mit ihm regelmäßig auf Tour, produziert als Ravenshope Videos und unterhält zudem noch seine Krautrock-Band BSG9, in der Dekadance-Geiger Hansi Noack mitspielt.

Noch ein Argument fürs Aufhören: „Mittlerweile sind wir alle alte Männer“, so Stephan, vor 61 Jahren in Zittau geboren. „Es war herrlich, Anfang der Neunziger mit einem räudigen Ex-BGS-Bus nächtelang unterwegs zu Shows vor begeistertem Publikum zu sein. Bei jedem Tank-Stopp flogen scheppernd die Bierflaschen zur Tür raus, der Kippendunst dagegen zog nur schwer ab.“ Er seufzt kurz und stellt nüchtern fest: „Wir hatten Glück, wir konnten den Rock’n’Roll eine Weile wirklich leben. Und jetzt ist eben Schluss damit.“

Ohnehin sei es mit dem Spaß heutzutage so eine Sache. „Der Zeitgeist steht meinem Verständnis von Entertainment entgegen“, erklärt Stephan. „Ständig bekommt jemand etwas in den falschen Hals und macht gleich ein Riesenfass auf. Da geht doch die Leichtigkeit verloren, wenn man sich auf der Bühne jeden Satz erst dreimal durch den Kopf gehen lassen muss.“ Haarsträubendes war jedoch schon immer für Dekadance die Basis allen Tuns.

Vom Start weg kombinierten Stephan und seine Mitstreiter Chaos mit einem Höchstmaß an musikalischer Präzision, fettes Funkgebläse mit Free-Jazz-Eskapaden, subtilen Witz mit plattesten Sprüchen. Ein Beispiel mit sehr langer Tradition: Die Band spielt mit ordentlich Schmackes und völlig untypischem Groove Polka, Stephan schmettert im Refrain „Links fließt die Elbe, rechts fließt die Moldau, Melnik liegt am Zusammenfluss“ – was Band und Publikum vereint mit einem gebrüllten „Samenerguss“ quittieren. Einst kochte spätestens an dieser Stelle jeder Studentenclub über, heute könnten die Reaktionen verhaltener sein. Egal, Stephan will es nicht mehr ausprobieren.

Immerhin bleibt für die Geschichtsbücher, was aus den einstigen Szene-Lieblingen nebenbei so geworden ist: Einen Professor, einen Comedian und TV-Star, sogar einen Echo-Klassik-Gewinner kann die Band vorweisen. Torsten Rasch, von 1986 bis 1989 als Keyboarder dabei, verfasste 2002 auf der Basis von Rammstein-Songs den Liedzyklus „Mein Herz brennt“ und räumte damit ab. Seither machte er sich international einen Namen als Komponist. Dekadance mag jetzt abgehakt sein, doch aus dem Umfeld der Band wird schon noch einiges kommen. Ein kleiner Trost.

Zumindest die aus Dekadance hervorgegangene Combo Die Rockys, die Rock’n’Roll-Hits mit sehr speziellen deutschen Texten spielt, gibt ein letztes Konzert: Am 1. Mai ist die Band, noch einmal mit Olaf Schubert am Schlagzeug, ab 20 Uhr in der Dresdner Sommerwirtschaft Saloppe zu erleben.