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"Frauen sind einfach schöner"

Rudolf Schäfer belieferte zu DDR-Zeiten Das Magazin mit Aktfotografien. Ein Jahr vor seinem 70. Geburtstag bringt er einige davon als Buch heraus.

Rudolf Schäfer sagt, dass er lediglich den Ort inszeniert und die Zeit bestimmt habe, die jeweiligen Posen hätten seine Modelle stets allein gefunden. Dieses Prinzip verhalf seinen Aktfotografien zu ihrer besonderen Atmosphäre.
Rudolf Schäfer sagt, dass er lediglich den Ort inszeniert und die Zeit bestimmt habe, die jeweiligen Posen hätten seine Modelle stets allein gefunden. Dieses Prinzip verhalf seinen Aktfotografien zu ihrer besonderen Atmosphäre. © Rudolf Schäfer / BEBUG Verlag

So durchreguliert und -reglementiert das Leben in der DDR auch war, prüde ging es nicht zu. Der fehlenden Freiheit für den Geist stand zumindest eine klitzekleine körperliche Freiheit gegenüber. Inklusive eines ungezwungenen Verhältnisses zur Nacktheit. Das kam vielen Fotografen entgegen. Rudolf Schäfer war einer von ihnen und fand schnell eine ganz eigene Bildsprache für seine Aktfotografien. Jetzt, ziemlich genau ein Jahr vor seinem 70. Geburtstag, stellte er seine liebsten Motive von einst sowie aktuellere Aufnahmen für einen Bildband zusammen. Dass die Fotos fast ausschließlich Frauen zeigen, begründet Schäfer so knapp wie entwaffnend: „Weil Frauen einfach schöner sind. Männerfotos berühren mich überhaupt nicht.“

Rudolf Schäfer lehrte bos 2017 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein/Halle.
Rudolf Schäfer lehrte bos 2017 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein/Halle. © Rudolf Schäfer / BEBUG Verlag

Schäfer stammt aus Herrendorf, einem 800-Seelen-Nest in der Nähe von Gotha. Was ihn nicht daran hindert, konsequent seinen Träumen zu folgen. Nach einer Ausbildung zum Gebrauchswerber macht er erst sein Abitur an der Abendschule und geht 1972 nach Berlin, um sich beim Fernsehen zum Kameraassistenten ausbilden zu lassen. Den Knecht hinterm eigentlichen Meister am Gerät gibt Schäfer nicht lange.

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Er entdeckt das Fotografieren als seine eigentliche Bestimmung und hat zudem Glück. „Mein erstes Aktfoto habe ich gemacht, als ich 1972 zu fotografieren begann. Ich war zwanzig Jahre alt und total von Frauen begeistert“, erinnert er sich. „Schon bald machte ich die Erfahrung, dass die Mädchen und Frauen damals auch Spaß daran hatten, fotografiert zu werden.“ Vor allem aber fand die Bildredakteurin des DDR-Kultblattes Das Magazin Gefallen an den Fotos, die Schäfer ihr ins Blaue hinein geschickt hatte. Er hat gerade sein erstes Geld als Fotograf verdient, gute Aussichten auf mehr und macht sich voller Wagemut selbstständig.

Eines der wenigen Farbmotive aus dem Bildband.
Eines der wenigen Farbmotive aus dem Bildband. © Rudolf Schäfer / BEBUG Verlag

Er übernimmt Jobs für Werbung und Mode, landet aber stets wieder bei der Aktfotografie. Denn: „Mich hat das Gleiche fasziniert, was viele Generationen von Künstlerinnen und Künstlern vor mir begeistert hat – ein unverstellter Blick auf Sexualität, Schönheit und Hingabe.“

Bereits 1977 schafft es Schäfer, die erste reine Aktfotoausstellung der DDR im Berliner Theater im Palast gestalten zu dürfen. Zwei Jahre früher als das Günter Rössler, der bekannteste Aktfotograf der DDR, hinbekam. Der Erfolg allein reicht dem Wahlberliner nicht, er will ein solides Fundament für seine Arbeit haben. Also studiert Schäfer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wird 1983 gar Meisterschüler bei Ludwig Engelhardt und Klaus Wittkugel an der Akademie der Künste in Berlin.

Vom Wahlkampfmanager zum Kunstprofessor

International von sich reden macht er in den 80er-Jahren mit der Serie „Der ewige Schlaf: Visages de morts“, für die er Gesichter von Verstorbenen ablichtet. Als Bildband wird das Ganze 1989 bei einem Hamburger Verlag veröffentlicht und ist heute eine gesuchte Rarität.

Nach dem Mauerfall stürzt sich Schäfer zunächst in die Politik, organisiert Anfang 1990 den Wahlkampf von Bündnis 90 und steigt später bei einer neugegründeten Berliner Agentur als Kreativdirektor ein. 1997 wird er von der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein/Halle zum Professor für Kommunikationsdesign und Fotografie berufen, lehrt dort bis zu seiner Verabschiedung im Jahr 2017.

Undatiertes Aktfoto von Rudolf Schäfer
Undatiertes Aktfoto von Rudolf Schäfer © Rudolf Schäfer / BEBUG Verlag

In all seinen aktiven Jahren habe sich das Verhältnis zum entblößten Körper aus seiner Sicht kaum verändert. „Allerdings sehe ich gerade im Internet viele Fotos mit Nacktheit“, sagt er. „Wirkliche Aktfotografie hingegen gibt es kaum.“ Ein Aspekt könnte sein, dass heutzutage viele Models selten bereit sind, sich aus reiner Freude am Ergebnis ablichten zu lassen. In der DDR sah es in dieser Hinsicht ganz anders aus, erklärt Rudolf Schäfer. „Eigentlich alle Modelle, mit denen ich zu tun hatte, waren Laien. Eine Kommerzialisierung wie im Westen existierte nicht.“

Kein Jobs zum Geldverdienen

Als Fotograf hätte man Frauen und Mädchen, wo auch immer man sie traf, einfach gefragt, ob man sie nackt fotografieren dürfe. „Fürs Geld allein sagte keine zu, denn das Honorar vom Magazin war mehr eine Aufwandsentschädigung als ein richtiges Modelhonorar.“ Der Bedarf seitens der Redaktion ist ebenfalls stets überschaubar. Das Heft erscheint nur einmal monatlich und hat mitunter lediglich Platz für ein einziges, dafür meist ganzseitiges Aktfoto. Schäfers Stil prägt über die Jahre dennoch die allgemeine Wahrnehmung dieser Magazin-Akte. Er verzichtet auf Brimborium und übertriebene Inszenierung. „Ich habe nur den Ort und die Zeit vorgegeben“, sagt er. „Alles Weitere kam allein von den Frauen.“

Das Buch „Rudolf Schäfer, Aktfotografie 1972 – 2019“ ist beim Berliner Bild und Heimat Verlag erschienen, hat 80 Seiten und kostet 9,99 Euro.
Das Buch „Rudolf Schäfer, Aktfotografie 1972 – 2019“ ist beim Berliner Bild und Heimat Verlag erschienen, hat 80 Seiten und kostet 9,99 Euro. © Rudolf Schäfer / BEBUG Verlag

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