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„Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen“

Roland Jahn wurde von der DDR zum Staatsfeind erklärt. Über das Ende der Stasi, die Schuldgefühle und den Blogger Protassewitsch spricht er im Interview.

Roland Jahn, scheidender Leiter der Stasiunterlagenbehörde, steht auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg.
Roland Jahn, scheidender Leiter der Stasiunterlagenbehörde, steht auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. © Christoph Soeder/dpa

Von Robert Ide und Cornelius Dieckmann

Herr Jahn, ein Satz von Ihnen: „Angst ist der Kitt der Diktatur.“ Anfang der 80er Jahre saßen Sie ein halbes Jahr im Knast, weil Sie gegen den SED-Staat opponiert hatten, dann wurden Sie von der Stasi mitten in der Nacht gefesselt, in einen Zug gesetzt und ausgebürgert. Wann haben Sie sich zuletzt gefürchtet?

So wie in der DDR nie wieder. Meine Angst war ja vor allem die Sorge um andere, das Schlimmste war die Sippenverfolgung. Meine Eltern mussten wegen meiner Aktionen leiden.

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Wie haben SED und Stasi Ihre Eltern schikaniert?

Meinem Vater wurde sein Lebenswerk genommen. Als Kind hatte er davon geträumt, Fußballstar zu werden. Mit 17 verlor er im Krieg ein Bein. Seinen Traum verwirklichte er dann als Jugendleiter beim FC Carl Zeiss Jena, den er mit aufbaute. Er war Ehrenmitglied Nummer 1 im Klub. Als ich abgeschoben und zum Staatsfeind erklärt wurde, warf man ihn aus dem Verein, entzog ihm sogar die Tribünenkarte für die Heimspiele. Eine Zerstörung. Dieser Konflikt mit seinem Sohn – der Vorwurf, ich hätte mich besser unterordnen müssen – prägte unser Verhältnis bis zu seinem Tod. Heute frage ich mich: Hätte ich mehr Rücksicht nehmen müssen? Wahrscheinlich. Es war auch sein Leben.

Sie wussten, dass Ihre Tätigkeit in der oppositionellen Friedensgemeinschaft Jena Folgen für Ihre Eltern haben würde.

Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich habe das als Generationenkonflikt gesehen, in dem ich als Jugendlicher gegen meine Eltern aufbegehrte. Mein Vater wollte ein unpolitisches Leben führen, ohne Propaganda und SED-Mitgliedschaft einfach in Beruf und Familie glücklich sein. Das habe ich nicht ernst genommen. Das fehlt heute oft beim Blick auf Diktaturen: Wir müssen stärker die Zwänge beachten, in denen Menschen gefangen sind.

Kürzlich wurde der belarussische Blogger Roman Protassewitsch in einem gekaperten Linienflugzeug von der Staatsmacht festgenommen. Zeugen berichten, bei der Landung habe er gezittert vor Angst. Wenig später distanzierte er sich von der Opposition.

In so einer Situation bist du ganz allein. Sie haben die Macht über dich, weil du ihnen völlig ausgeliefert bist. Neu ist das, was in Belarus passiert ist, nicht. Stasiakten dokumentieren, dass in den 50er Jahren auf Geheiß der SED auch Journalisten durch die Stasi entführt wurden. Umso wichtiger ist es, dass wir Deutsche Stellung beziehen und den Menschen in Belarus zeigen: Ihr seid nicht allein. Die Informationsmonopole der Diktatur müssen aufgebrochen werden.

Protassewitsch ist 26, drei Jahre älter als Sie 1976. Damals kritisierten Sie in einem Uni-Seminar die Ausbürgerung Wolf Biermanns und flogen bald darauf aus dem Studium. Waren Sie stolz auf Ihren frühen Widerspruch?

Wir wollten selbstbestimmt leben und wurden zu Staatsfeinden erklärt. Ich war auch naiv, dachte, dass das, was ich tat, mit den Strafgesetzen der DDR nicht zu fassen war. Diese Mischung aus Aktion und Naivität hat 1982 dazu geführt, dass ich ins Gefängnis wanderte und abgeurteilt wurde.

In Ihrem Buch „Wir Angepassten“ schreiben Sie, der richtige Songtext im richtigen Moment könne Wunder bewirken. Welcher war es bei Ihnen?

„Du, lass Dich nicht verbittern / In dieser bitteren Zeit / Die Herrschenden erzittern / Sitzt du erst hinter Gittern / Doch nicht vor deinem Leid.“ Diese Zeilen von Wolf Biermann habe ich mir in der Zelle vorgesungen, in den Momenten, in denen ich nicht der Held war, in denen ich geweint habe, schwach war. Als die Stasi mir Fotos meiner dreijährigen Tochter zeigte, bin ich zusammengebrochen.

Wie wurden Sie damit fertig?

In diesen Momenten können sie dich brechen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, der dann aufgibt. Ich habe ein halbes Jahr lang versucht, dagegenzuhalten, forderte ein, nicht den Häftlingsanzug tragen zu müssen, sondern meine Zivilkleidung zu behalten. Dafür bin ich in den Hungerstreik getreten. Und ich habe mir klargemacht: Ja, meine Tochter braucht mich, aber sie braucht auch ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung.

Wir sprachen über Angst. Welche Rolle spielte Einsamkeit?

Man braucht Mitstreiter und Freunde, um sich einer Diktatur zu widersetzen. In der Gemeinschaft war das Leben in der DDR an vielen Stellen schön. Nicht wegen, sondern trotz des Staates.

Eine Zeile von Gerhard Gundermann, der das System kritisierte, aber selbst Stasi-Spitzel war, lautet: „Ich laufe um mein Leben und gegen den Lebenslauf.“

Ich war nicht so der Gundermann-Fan. Aber auch einen Stasi-IM und überzeugten SED-Parteigänger möchte ich nicht einfach verurteilen. Ich kann nicht die Lebensleistung irgendeines Stasi-Offiziers würdigen, doch ich respektiere Biografien. Lebensläufe haben ihre Ursachen. Ich frage mich selbst: Warum bin ich zum Wehrdienst gegangen, wie habe ich die Diktatur gestützt? Warum habe ich vor meinem Uni-Rausschmiss öfter Propagandafloskeln von mir gegeben?

Welche Antwort geben Sie sich heute?

Es ist etwas zutiefst Menschliches: Bequemlichkeit, Vermeidung von Streit, Lust auf einen schönen Tag und oft die Angst vor den Folgen einer kritischen Haltung.

Wir treffen uns auf dem Gelände der Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Sie wollen hier einen Campus für Demokratie einrichten, es ist allerdings fast niemand hier. Ist das nicht ein Sinnbild für die DDR-Aufarbeitung – dass sie kaum jemanden interessiert, erst recht nicht jüngere Generationen?

Das ist arg kurz gesprungen, zudem in Corona-Zeiten. In 30 Jahren ist ja viel geleistet worden. Allein die Nutzung der Stasi-Unterlagen: Es wurden Millionen Anträge bearbeitet, Menschen konnten ihre Schicksale aufklären. Auch die Überprüfungen im öffentlichen Dienst waren wichtig, damit sich Demokratie glaubwürdig entwickeln konnte.

Das betrifft jetzt die Älteren.

Nicht nur. Gerade dieser historische Ort hat einiges zu bieten. Letztes Jahr besuchten Hunderte das Open-Air-Campus-Kino. Mithilfe der Akten sind viele Filme zur DDR entstanden. Sie helfen, das geteilte Deutschland empathisch für die nächsten Generationen zu erzählen.

Am 17. Juni wird die Stasiunterlagenbehörde abgewickelt, die Akten gehen über ins Bundesarchiv. Ihre Verwaltungschefin wird dort Vizepräsidentin, Ihre Pressesprecherin Abteilungsleiterin. Warum gibt es keinen Generationenwechsel?

Die Mischung macht es. Wir haben viele Mitarbeitende, die Mitte 30 sind, und einige, die auch die Anfangszeit noch kennen. Aber noch wichtiger ist, dass mit der Integration der Stasiakten ins Bundesarchiv eine Zukunft ermöglicht wird. Das Stasiunterlagenarchiv ist ein Teil des Gedächtnisses der Nation.

Eine Mitarbeiterin steht im Stasi-Archiv zwischen Regalen.
Eine Mitarbeiterin steht im Stasi-Archiv zwischen Regalen. © Stephanie Pilick/dpa

16.000 Säcke mit von der Stasi zerrissenen Akten sollten rekonstruiert werden. Gelungen ist es bislang bei vier Prozent. Warum geht das nicht schneller?

Es gibt eine Technologie der Fraunhofer-Gesellschaft, die das ermöglicht, aber bisher nicht in der von uns gewünschten Größenordnung. Das Entscheidende ist, nicht aufzugeben, damit nicht die Stasi bestimmt, was gelesen wird und was nicht.

Ihre Vorgängerin Marianne Birthler kritisiert die Schließung der Behörde. Regina Schild, die drei Jahrzehnte für die Behörde arbeitete und deren Leipziger Außenstelle leitete, sagt: „Ein Symbol der Friedlichen Revolution wird weggewischt.“ Diesen Schmerz verspüren viele. Sie auch?

Nein. Wir leben nicht mehr in den 90er Jahren. Wir brauchen jetzt Investitionen an Orten, an denen Kräfte gebündelt werden. In Leipzig entsteht zum Beispiel in der ehemaligen Stasizentrale ein Forum für Freiheit und Bürgerrechte, für das die Stadt ihr letztes Filetgrundstück bereitgestellt hat.

Das Bundesarchiv ist eine eher passive Behörde, die Akten lagert und zur Verfügung stellt. Die in Forschung und Bildung aktive Stasiunterlagenbehörde ist Vergangenheit.

Aufarbeitung ist keine Aufgabe des Staates. Das muss die Gesellschaft leisten. Der Staat hat dafür Dienstleister zu sein. Wir brauchen keine Aufarbeitungsbehörde, die ein Geschichtsbild vorgibt. Mit unseren Bildungsangeboten, unserer quellenkundlichen Forschung und unserer digitalen Vermittlung arbeiten wir daran, die Akten für die Nutzung besser zur Verfügung zu stellen.

Das Wort Aufarbeitung hat ja noch einen anderen Klang: dass etwas irgendwann aufgearbeitet, also vorbei ist. Sind wir jetzt an diesem Punkt?

Nein, Aufarbeitung ist so lange notwendig, wie Konflikte nicht bereinigt sind. Aufklärung über Geschichte gibt es über Generationen hinweg und darüber hinaus.

Dass die AfD in Sachsen-Anhalt bloß 21 Prozent geholt hat, gilt schon als Erfolg. Der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz bemängelt, ein Teil der „diktatursozialisierten“ Ostdeutschen sei „nicht in der Demokratie angekommen“ und nur ein kleiner Teil der AfD-Wähler „potenziell rückholbar“. Teilen Sie diese Resignation?

Ich bin jemand, der nicht aufgibt. Menschen können sich ändern. Wichtig ist, dass man es ihnen ermöglicht. Ich würde mir eine Diskussion wünschen, die weniger in diesen Schubladen stattfindet. Es gibt nicht „die Ostdeutschen“.

Die Löhne sind niedriger, es gibt kaum Ostdeutsche in Führungspositionen, die Privatisierungspolitik hat ganze Landstriche leer gefegt.

Wir leben in einem Rechtsstaat, da gibt es keine Bürger zweiter Klasse. Es geht nicht darum, ob jemand pauschal als Ostdeutscher respektiert wird, sondern ob er als einzelner Mensch respektiert wird. Natürlich darf sich jeder als Teil einer Gruppe definieren. Schlimm wird es, wenn Gruppen politisch instrumentalisiert werden. In den 90er Jahren hat das die PDS gemacht, indem sie Kritik am DDR-System als Kritik an den Biografien darstellte. Heute macht es die AfD, indem sie die Sorgen und Nöte der Menschen pauschal mit dem Label „ostdeutsch“ versieht und emotionalisiert, gegen „die da oben“.

Verstehen Sie sich als Ostdeutscher?

Ich bin Gesamtdeutscher. Gerade in meiner Zeit in Berlin-Kreuzberg in den 80ern, in meiner Zerrissenheit zwischen Ost und West, weggebracht aus der Heimat, habe ich mich gefragt: Bin ich ostdeutsch oder westdeutsch? Am Ende habe ich gemerkt, ich denke und fühle gesamtdeutsch. Schon als die Mauer noch stand.

Im Mai 1983 war Ihre damalige Freundin mit Ihrer Tochter nach West-Berlin ausgereist. Dass Sie nur Wochen später durch Ihre Zwangsausbürgerung in Kreuzberg wiedervereint sein würden, konnten Sie beim Abschied am Bahnhof Friedrichstraße nicht wissen. Wie sprachen Sie mit Ihrer Tochter später über Ihre Entscheidung, zurückzubleiben?

Da treffen Sie aber einen extrem wunden Punkt bei mir. Bis heute ... habe ich ein schlechtes Gewissen. Wissen Sie, meine Tochter hat mich 20 Jahre später gefragt: „Die Entscheidung, in der DDR zu bleiben, das war doch eine Entscheidung gegen mich, oder?“ Ich hatte keine Antwort. Ich habe nur geweint und sie in den Arm genommen. Daran sieht man, wie schlimm es eigentlich war. Egal, was man tat, es hat immer Wunden gerissen.

Zwei Jahre später reisten Sie heimlich aus West-Berlin nach Jena und verbrachten eine Stunde vor Ihrem Elternhaus. Warum haben Sie nicht geklingelt?

Weil ich die Sorge hatte, dass die Aufregung sie gesundheitlich zeichnen würde. Vor allem hatte ich Angst, dass die Stasi sie wieder in die Mangel nimmt, sobald ich weg bin. Trotzdem verspürte ich den Drang nach ihrer Nähe. An einem anderen Tag wäre ich vielleicht reingegangen.

Wenn Sie mit Ihren Eltern telefonierten, wie viel bestand da aus gemeinsamem Schweigen? Gab es Nuancen? Sie wussten ja, dass die Stasi mithörte.

Wir haben relativ offen geredet. Ich spürte auch, dass meine Eltern mutiger wurden. Einmal erzählte mir meine Mutter am Telefon, dass am Wahltag mittags die Wahlhelfer vor der Tür gestanden hätten, um sie aufzufordern, zur Stimmabgabe zu gehen. Meine Mutter sagte: „Glauben Sie wirklich, dass wir nach allem, was Sie unserer Familie angetan haben, noch wählen gehen?“ Das habe ich bewundert. Vor meiner Haft hatte sie, wenn wieder jemand eingesperrt worden war, nur gesagt: „Irgendwas wird schon gewesen sein.“ Es musste erst ihrem eigenen Sohn passieren.

Warum widersprachen so wenige? Gibt es eine menschliche Neigung zur Autokratie?

Opposition und Widerstand in der DDR werden nicht genug gewürdigt! Den Volksaufstand zum 17. Juni 1953, die Friedliche Revolution ’89 – das haben viele einzelne Menschen mit ihrem aktiven Widerstand bewirkt.

Vorhin sagten Sie, Ihr Vater habe nur ein unpolitisches Leben gewollt. Hätten Sie nicht auch unpolitisch leben und glücklich werden können?

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Ich persönlich konnte es nicht, aber man muss es den Menschen zugestehen, die das wollten. Anfang der 80er Jahre wurde in Jena eine Postkarte verbreitet: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Ich finde diesen Satz nicht passend, denn es gibt ein Recht auf Anpassung. Freiheit heißt auch, unpolitisch sein zu können.

Herr Jahn, gibt es etwas, das Sie sich von dem DDR-Bürger, der Sie mal waren, aber irgendwann nicht mehr sein durften, aufgehoben haben?

Fotos. Und einen Wimpel des FC Carl Zeiss Jena.

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