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Illegale Reparaturen und Westgeld-Mauscheleien

Andreas Freiberg war in der DDR Profi-Techniker zweier Dresdner Bands, später verkaufte er zusammen mit Scooter-Sänger H.P. Baxxter CDs. Viele Extreme – ein Leben.

Von Andy Dallmann
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Mit Stars unterwegs. Andreas Freiberg kümmerte sich unter anderem auch darum, dass Alice Cooper pünktlich zur Autogrammstunde kam.
Mit Stars unterwegs. Andreas Freiberg kümmerte sich unter anderem auch darum, dass Alice Cooper pünktlich zur Autogrammstunde kam. © privat

Manchmal zahlen sich Ordnung und Akribie sogar aus, wenn es um Kunst geht. Andreas Freiberg hat all seine Taschenkalender aus den 80er-Jahren aufgehoben. Ohne dieses Pfund Papier wäre er gar nicht in der Lage gewesen, sein jetzt vorliegendes 368-Seiten-Buch zu verfassen. Vor 15 Jahren fing er damit an, kam exakt bis Seite 17.

Die aufziehende Langeweile im Corona-Lockdown brachte ihn schließlich auf Trab. „Ab März vergangenen Jahres ging es damit los. Ich nahm mir vor, zwei Seiten pro Tag zu schaffen. Beim Laufen oder beim Fahrradfahren fielen mir regelmäßig immer neue Anekdoten ein.“ War er sich mal nicht ganz sicher, rief er die alten Kollegen an und checkte mit ihnen die Fakten. Um die geht es ihm, auf sprachliche Schnörkel hingegen verzichtete er.

Anekdoten aus dem DDR-Rocker-Alltag

Zu erzählen hat Freiberg, der in Karl-Marx-Stadt geboren wurde, in Wolkenstein aufwuchs, nach Dresden zog und jetzt in Radebeul lebt, eine ganze Menge. Skurrile Geschichten aus dem DDR-Rocker-Alltag vor allem. Und vielleicht kommt er deshalb besser auf den Punkt als manch plauderlustiger Musiker, weil er den nötigen Abstand hat. Freiberg stand als Techniker in den Diensten von Simple Song und Zwei Wege, also nicht auf, sondern hinter den zig ostdeutschen Konzertbühnen, die diese beiden Dresdner Bands einst bespielten.

Als sie nach der Wende mangels Auftrittsmöglichkeiten hinwarfen, begann Freiberg mit etwas Glück eine zweite Karriere im gesamtdeutschen Tonträger-Geschäft. Wie man punktgenau etwas in die Luft fliegen lässt, weiß er inzwischen auch. Ganz am Anfang war er jedoch nichts weiter als ein leicht verrückter Fan.

Luftiger Arbeitsplatz: Andreas Freiberg 1986 beim Aufbau der Lichtanlage für ein Zwei-Wege-Konzert.
Luftiger Arbeitsplatz: Andreas Freiberg 1986 beim Aufbau der Lichtanlage für ein Zwei-Wege-Konzert. © privat

Als Teenager sah der angehende Elektrotechniker Simple Song erstmals live, was eine Art Sucht auslöste. „Zwischen 1980 und 1981 habe ich ungefähr 100 Konzerte der Band mitgenommen, bin ihr mit Bus und Bahn quer durch die DDR hinterhergefahren.“ Das schaffte Vertrauen. Nachdem er das erste Angebot noch abgelehnt hatte, schlug Freiberg 1983 zu und wurde von der Profi-Band als Profi-Techniker eingestellt. „Da fing ein geiles Leben an“, erinnert sich der drahtige Mann mit den schwarzen Locken. Feixend ergänzt er: „Auch wenn meine Wohnsituation speziell war.“

Seine erste Bude in Dresden, schwarz untervermietet von einem Freund, hatte keinen Strom, nur einen Hahn für kaltes Wasser, der im ersten Winter genauso schnell eingefroren war wie das Außen-Klo auf halber Treppe. „Das machte mich urplötzlich zum Fan öffentlicher Saunen und zum Stammgast in der Hospitalstraße.“

Kultur für die Erdgas-Trasse

Freiberg tingelte mit der Band durchs Land, schleppte Kisten, baute auf, kümmerte sich um das, was man damals Licht-Show nannte. Nach dem Konzert baute er ab, schleppte wieder Kisten, fuhr Tausende Kilometer über nächtliche Landstraßen. Ein Knochenjob mit enorm vielen Freiheiten, zudem gut bezahlt. „Während heute Bands sagen, ja, okay, wir gehen nächstes Jahr auf Tour, hat man früher nahezu immer gespielt“, sagt Freiberg. „Höchstens mal ein paar Wochen Urlaub, ansonsten war man auf Achse.“

1985 warb ihn die aufstrebende Combo Zwei Wege ab. Mit dem Folkrock-Quartett ging es in die großen Säle, mit Zwei Wege reiste er zweimal in die Sowjetunion, um reichlich bizarre Situationen zu erleben, eigentlich aber, um die Arbeiter an der Erdgas-Trasse zu bespaßen. Bei Zwei Wege blieb er bis zum bitteren Ende 1990. „Man war zwar bei der Band angestellt, Geld gab es aber nur nach Konzerten und nicht fortlaufend.“ Ohne Auftritte sei halt gar nichts reingekommen. „Dann übernahmen wir Techniker mit dem bandeigenen Lkw Fuhren oder Umzüge.“ Finanziell passte es dennoch immer. „Bis die Mauer aufging. Wir haben so gut gelebt in dieser kleinen DDR und dachten, jetzt, hier in diesem großen Deutschland, wird alles noch viel besser. Leider lief es nicht so.“

Abenteuer Sowjetunion. Um mit Zwei Wege zu den Spielorten an der Trasse zu kommen, musste oft improvisiert werden.
Abenteuer Sowjetunion. Um mit Zwei Wege zu den Spielorten an der Trasse zu kommen, musste oft improvisiert werden. © privat

Jahrelang hatte die Band viel Geld in die Technik gesteckt, die war plötzlich nichts mehr wert. Freiberg erzählt von den „Meistern“, Technik-Freaks, die am Rande der Legalität operierten, Endstufen, Lautsprecher, Mixer reparierten. Vor allem arbeiteten sie prompt. Freiberg: „Es passierte schon, dass dir am Sonntag bei einer Mugge was kaputtging, am Dienstag stand aber die nächste Veranstaltung an. Bis dahin musste einfach alles repariert sein.“

Diese „Meister“ wären enorm flexibel und fleißig, sodass immer alles zum Termin bereitstand. „In dieser Szene lief es nicht wie in der übrigen DDR, wo man auf alles immer ewig warten musste. Das kostete natürlich auch entsprechend viel und ging nie über irgendwelche Bücher.“

Für ihn steht fest, dass die Stasi von dieser Schattenwirtschaft wusste. „Aber man ließ alle machen, weil es sonst keine DDR-Rockszene gegeben hätte. Irgendwie musste die Technik ja am Funktionieren gehalten werden.“ Was vor allem für die begehrte West-Technik galt.

Deals mit libyschen Studenten

Um diese überhaupt zu bekommen, gab es für Zwei Wege nur einen illegalen Weg. Man musste schwarz DDR-Mark in D-Mark tauschen, für die wiederum Mittelsmänner in Westberlin einen Korg-Synthesizer plus Zubehör kaufen sollten. Erste Station dahin waren die Libyer.

Freiberg wurde mit einem Batzen Ostgeld losgeschickt, sollte den Transfer in einem libyschen Studenten vorbehaltenen Dresdner Wohnheim abwickeln. „Ich hatte mörderischen Schiss“, erinnert er sich. „Es ging ziemlich schnell, lief alles glatt. Aber es war doch fast wie im Mafia Film.“

Auch in diesem Fall vermutet er heute: „Das war alles hochgradig illegal, aber wahrscheinlich doch geduldet. Denn so, wie das Wohnheim überwacht wurde, kannte die Stasi alle Details. Wie hätten die Bands aber anders zu ihrem Zeug kommen sollen? Und die Bands wurden ja zur Erheiterung der Menschen gebraucht, mussten dafür vernünftig klingen.“

Autogrammkarte von Zwei Wege. Mit dieser Band tourte Andreas Freiberg von 1985 bis zur Auflösung Ende 1990.
Autogrammkarte von Zwei Wege. Mit dieser Band tourte Andreas Freiberg von 1985 bis zur Auflösung Ende 1990. © privat

Ende 1990 interessierte das alles keinen mehr. „Nach der letzten Mugge in Magdeburg nahmen die Musiker alle ihre Instrumente mit nach Hause. Doch der Lkw war voller Technik. Da hieß es, die Leute vom Reicker Brennhaus – einem ehemaligen Kino, in dem zu dieser Zeit ein Verein Kultur machte – können die Lichtanlage und die PA gebrauchen.“ Also fuhr er sie mit seinem Techniker-Kollegen dahin. Bis heute wisse keiner, was aus der ganzen Technik wurde. Das Brennhaus selbst wurde längst plattgemacht. Freiberg stockt, seufzt und sagt dann: „Das war ein ganz furchtbares Gefühl, quasi ein Stück von sich selbst wegzuschmeißen.“

Freiberg, zu dieser Zeit bereits Vater eines Sohnes, sagt, er habe damals regelrecht Panik gehabt. „Du warst es gewohnt, immer Geld zu haben. Und plötzlich ist das Portemonnaie leer.“ Im richtigen Moment entdeckte er in der SZ eine Stellenanzeige: Die Deutsche Schallplatten GmbH, Nachfolger von Amiga, suchte Außendienstler. Freiberg bewarb sich, bekam den Job und fing am 1. März 1991 an, Tonträger an Einzelhändler zu verkaufen. Noch im selben Jahr übernahm die Hamburger Plattenfirma Edel Music Teile des Unternehmens, den Eterna-Katalog – und Andreas Freiberg. „Für mich war es gut, nicht direkt zu Edel gekommen zu sein. So hatte ich erst noch etwas DDR-Feeling, war die Umstellung nicht gleich so krass.“

Leidenschaft für Pyrotechnik

Bei Edel in Hamburg saß Freiberg in einem Büro mit Hans Peter Geerdes, der sich etwas später H.P. Baxxter nannte und als Frontmann der Techno-Truppe Scooter Karriere machte. „Wir haben direkt zusammengearbeitet und CDs verkauft. Am Telefon und im Außendienst“, erzählt Andreas Freiberg. „Er war also mein engster Kollege.“ Dann brachten Scooter „Hyper! Hyper!“ heraus. „Das sah nach One-Hit-Wonder aus, also hat Hans Peter halbtags normal weiter seinen Vertriebsjob gemacht. Nach dem nächsten Hit war er allerdings wirklich weg.“

Der Kontakt zwischen beiden Ex-Kollegen sei jedoch nie abgebrochen. Zumal es eine verbindende Freude am effektvollen Rumsbums gibt. Keine Scooter-Show kommt ohne heftige Knallerei aus, Andreas Freiberg hat längst sogar eine amtliche Pyrotechniker-Lizenz.

Nachdem er in Kanada ein Eishockeyspiel mit viel Feuerwerk gesehen hatte, wollte er den Dresdner Eislöwen selbiges einreden. Mit Erfolg. Seit 21 Jahren lässt es Freiberg inzwischen bei jedem Heimspiel krachen, anfangs unter Anleitung und mit geborgter Ausrüstung, längst jedoch ganz offiziell und mit eigens gekaufter Technik.

Wenn Freiberg und Kollegen zu DDR-Zeiten mit dem Band-Lkw feststeckten, mussten sie sich selbst Hilfe organisieren.
Wenn Freiberg und Kollegen zu DDR-Zeiten mit dem Band-Lkw feststeckten, mussten sie sich selbst Hilfe organisieren. © privat

Im Auftrag von Edel und anderen Plattenfirmen organisiert Freiberg zudem sogenannte Centertouren, reist zu den Einkaufszentren des Landes, wo unterschiedlichste Künstler zwischen Schlager und Rock bei Kurz-Auftritten aktuelle Alben promoten. Dann ist er Fahrer, Techniker und Moderator in einem. Unterwegs wird er mit oft schrägen Geschichten unterhalten. „Das Unglaublichste erzählte mir Gerd Grabowski alias G.G. Anderson“, sagt Freiberg, senkt die Stimme und gönnt sich ein diskretes Lächeln.

„Bei ihm klingelte 1988 das Telefon. Jemand fragte: ,Ist da Herr Anderson?‘ Auf sein Ja hin hieß es: ,Moment, ich leite Sie weiter.‘ Kurzes Knacken. Dann: ,Hier ist Mielke.‘“ Dieser habe etwas von einer abendlichen Gala in Berlin, der Meisterfeier des BFC, erzählt und schließlich gefragt: „Können Sie dort singen?“ G.G. Andersen habe rumgedruckst, auf die Probleme bei der Einreise in die DDR verwiesen. „Darauf hieß es nur: Wir kümmern uns um alles.“ Mit seinem weißen Mercedes sei er am Grenzübergang an der Warteschlange vorbeigelotst und nach Berlin eskortiert worden.

Vor Ort eine kurze Absprache, welche drei Titel er singen werde, und die klare Ansage: Auftritt, Verbeugung, Abgang. Kein Wort ans Publikum. „Erst danach fiel G.G. ein, dass er gar nicht über die Gage gesprochen hatte.“ Nur eine Schrecksekunde, denn schon wurde ihm ein Umschlag überreicht. Exakt 10.000 D-Mark steckten drin. „Ein kleines Vermögen für einen Viertelstunden-Auftritt.“ Als er am späten Abend wieder zu Hause war, alles verdaute, habe ihn seine Frau gefragt: „Woher hat der Mielke nur unsere Telefonnummer?“ Freiberg: „Darüber hätte sich ein DDR-Bürger nie gewundert.“

Für ihn, der vor Jahren das Marathon-Laufen für sich entdeckt hat, 2008 in Tokio bei 26.654 Läufern immerhin auf Platz 2.292 kam, schließt sich mit diesen Centertouren der Kreis. „Ein klitzekleines bisschen fühlt sich das an wie früher bei Zwei Wege.“ Kurzes Innehalten, ein Kopfschütteln. „Nee, so cool wie damals ist es nicht.“

Das Buch: Andreas Freiberg, Freibergs Freiheit. Notschriften Verlag, 368 Seiten, 24,90 Euro