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In Kirschau wird aus DDR-Überresten coole Kunst

Unter dem Motto "Betreten verboten, musizieren erlaubt!" präsentieren Künstler in Kirschau faszinierende Werke, die viel mit altem Werkzeug zu tun haben.

Die spanische Künstlerin Maider Kuadra hat einen alten, baskischen Spinnrocken mit einer wohl ebenso alten Plattenkamera fotografiert.
Die spanische Künstlerin Maider Kuadra hat einen alten, baskischen Spinnrocken mit einer wohl ebenso alten Plattenkamera fotografiert. © Maider Kuadra

Von Silvia Stengel

Durch die halb geöffnete Tür die Treppe hoch, schon fallen die Verbote ins Auge: „Rauchen verboten“ steht in der früheren Textilfabrik in Kirschau bei Bautzen. Sogar „Betreten verboten“ und „Jede Entwendung von Holz und Baustoffen wird gerichtlich verfolgt“, darunter der Vermerk „Die Liquidatoren“. In der neuen Ausstellung der Art Factory geht es um „WerkZeuge(n)“. Dazu passen die Schriftschablonen, die Birger Jesch aus Thüringen in einer aufgegebenen Malerwerkstatt gefunden hat. „Das ist ja ein Malerwerkzeug“, sagt Kurator Holger Wendland, der für die Schau Werke von 16 Künstlern aus fünf Ländern ausgewählt hat.

Einen Bezug zur einstigen Textilproduktion liefert Uwe E. Nimmrichter von der Kunstinitiative „Im Friese“, die sich hier Ateliers und Ausstellungsräume eingerichtet hat. Ein Foto zeigt die frühere Färberei, übersät mit Stoffresten, zwischen rostigen Tonnen und alten Rohren aus DDR-Zeiten vom Volkseigenen Betrieb Vegro. Nimmrichter fand es „irre“, vor allem das leuchtende Rot: „Du kommst rein und hast den Eindruck, als ob die Stoffe gerade erst frisch gefärbt wurden.“ Auf einem Schreibtisch lag eine aufgeschlagene Betriebsanleitung, als wäre gerade jemand aufgestanden und gegangen. Nimmrichter hat auch Spinde entdeckt, die nicht ausgeräumt wurden.

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Kurator Holger Wendland im Einnehmerhaus Freital, jetzt hat er die Ausstellung "WerkZeuge(n)“ in der Galerie Art Factory Flox in Kirschau zusammengestellt.
Kurator Holger Wendland im Einnehmerhaus Freital, jetzt hat er die Ausstellung "WerkZeuge(n)“ in der Galerie Art Factory Flox in Kirschau zusammengestellt. © Thomas Morgenroth

Die Kunstinitiative hat hier bereits eine vielbeachtete Ausstellung über „Putzlappen“ gezeigt. Im nächsten Jahr soll eine Schau zu Schlafdecken folgen. „Die wurden ja auch hier produziert“, sagt Wendland. „Sie waren heiß begehrt“, ergänzt Nimmrichter. Schlafdecken aus Kirschau gingen nach Indien oder Afrika. Holländer nahmen sie mit auf ihre Schiffe für die Matrosen. „Wir wollen alte Musterbücher ausstellen“, kündigt Wendland an. Die Stoffreste in der aktuellen Schau haben zwar nichts mit Werkzeugen zu tun, aber der Kurator sieht das nicht so eng. Im Ausstellungstitel stecke auch das Wort „Zeuge“ oder „Werk“ wie eine Fabrik als Gebäude.

Ein Spinnrad zum Musikmachen

Bezüge zur Textilherstellung gibt es immer wieder. So hat die spanische Fotografin Maider Kuadra einen „Baskischen Spinnrocken“ mit einer alten Plattenkamera festgehalten. Als Rocken wird das Gerät bezeichnet, auf dem die zu spinnenden Fasern aufgewickelt werden. Andere Fotos zeigen Webstühle in Indien oder einen Montagearbeiter aus China.

In der Mitte ragt ein „Musikinstrument“ in die Höhe, eine hölzerne Konstruktion, die an ein Boot erinnert und mit einem Stuhl, einer Art Spinnrad und Kabeln versehen ist. Taka Kagitomi aus Japan hat seiner Installation den Titel „Glück auf – Ahoi“ gegeben und zur Eröffnung darauf gespielt. Nun greift Nimmrichter nach einem Stock an der Seite und schlägt damit auf das Gerüst, dreht das Rad, ein Pfeifen ertönt. „Man kann richtig musizieren damit“, versichert er.

Die Art Factory Flox ist für verrückte Kunstaktionen bekannt. Vor einem Jahr ergaben 544 Kilogramm Bonbons einen spektakulären Teppich.
Die Art Factory Flox ist für verrückte Kunstaktionen bekannt. Vor einem Jahr ergaben 544 Kilogramm Bonbons einen spektakulären Teppich. © kairospress

Noch reizvoller sind die vier kleinen „Musikinstrumente“ von Albrecht Fersch aus Holzteilen und zwei umgedrehten Flaschen, einer Blechbüchse oder goldfarbenen Schale. Wer vorn auf eine Klaviertaste drückt, erzeugt Klänge, die an ein Klavier erinnern oder an Kirchenglocken oder einfach nur dumpfe Geräusche sind und scheppern. Die Besucher haben bisher wenig musiziert. „Die meisten trauen sich nicht“, sagt Wendland. Erlaubt ist es jedenfalls, versichert der Kurator.

Zangen aus Keramik

Klassische Werkzeuge wie Hammer und Zange liegen hier auch. Die Ungarin Lilla von Puttkamer schuf sie aus Keramik. Detlef Schweiger aus Dresden hat ein Schlachterbeil eingerahmt. Er fand es in einem Gewölbe in der Ruine des Geburtshauses von Jakob Böhme in Polen, in Stary Zawidów, dem früheren Alt-Seidenberg. Böhme wurde dort 1575 geboren, war Schumacher und Philosoph und ließ sich in Görlitz nieder. Mehr zu den Exponaten verspricht der Katalog, der Mitte November erscheinen soll. Geld dafür gibt es von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Erdmännchen als Erdzeugen

Kurz vor dem Ende des Rundgangs wartet noch eine Überraschung: 250 Erdmännchen aus Beton. Es könnten auch menschliche Wesen sein. Die einen schauen interessiert in die Welt, andere sehen eher gelangweilt aus, naiv, fast ein bisschen dümmlich, wieder andere aufgeschlossen oder erstaunt. „Das sind die Erdzeugen, die uns beobachten“, sagt Tom Glöß, der sie geformt hat. Er ist ein Oberlausitzer.

Die hiesigen Künstler mit internationalen Positionen zu vernetzen, ist ein Hauptanliegen von Wendland: „Etwas für unsere Leute zu tun“. Die Kunstinitiative habe inzwischen aber auch eine ganz gute Reputation. Internationale Gäste würden schon mal schwärmen schon, das sei eine tolle Kunsthalle.

Die Ausstellung: „WerkZeuge(n)“ in der Galerie Art Factory Flox in Kirschau, Friesestraße 31. Bis 21. November, geöffnet nur sonntags 14 bis 18 Uhr.

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