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Michail Gorbatschow feiert 90. Geburtstag

Gorbatschow war angetreten, um die UdSSR zu reformieren. Perestroika und Glasnost führten zum Fall der Mauer und zum Ende des Kalten Krieges.

Michail Gorbatschow steht hoch über dem Pariser Platz, im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer war er zu den Gedenkfeiern nach Berlin eingeladen worden.
Michail Gorbatschow steht hoch über dem Pariser Platz, im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer war er zu den Gedenkfeiern nach Berlin eingeladen worden. © dpa

Längst hat er seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Michail Gorbatschow vereint Triumph und Scheitern in einer Person. Er wollte den Sozialismus sowjetischer Prägung reformieren, wurde aber zu seinem Totengräber. Sein Name steht für den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges. Sechs Jahre an der Spitze der Sowjetunion genügten Gorbatschow, um die Welt zu verändern. In den letzten Jahren ist es stiller um ihn geworden. Alter und Krankheit zeigen längst ihre Spuren. Zurückgezogen lebt Gorbatschow nahe Moskau. Am Dienstag wird er 90 Jahre alt.

Am Anfang seiner politischen Laufbahn war nicht vorherzusehen, dass der kleine Funktionär aus Stawropol im Süden Russlands zum mächtigsten Mann der UdSSR werden sollte. Wie Gorbatschow Politik verstand, zeigte er vor seiner Beförderung zum 1. Gebietssekretär von Stawropol im Frühjahr 1970. Um Personalien wie diese kümmerte sich KPdSU-Chef Leonid Breschnew persönlich. Er ließ sich vom Kandidaten die Lage in der Region schildern. Gorbatschow nahm kein Blatt vor den Mund. Breschnew schien irritiert. Er nahm das Telefon in die Hand und sprach mit ZK-Sekretär Kulakow, der einst Parteifunktionär in Stawropol war. „Wen wollt ihr da eigentlich zum Gebietssekretär machen?“, fragte Breschnew. Der Genosse sei noch gar nicht gewählt und stelle schon Forderungen.

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Gorbatschows Arbeit in Stawropol schien Eindruck gemacht zu haben. Denn acht Jahre später holte ihn Breschnew nach Moskau. „Wird es mir gelingen, etwas zu verändern?“, fragte sich Gorbatschow bei seinem Amtsantritt als ZK-Sekretär für Landwirtschaft. Hinter dem pessimistischen Ausblick standen nicht Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, sondern eher die lähmende Wirkung der Stagnation in den letzten Jahren der Breschnew-Ära.

Das Kaukasus-Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) ebnete den Weg zur deutschen Einheit.
Das Kaukasus-Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) ebnete den Weg zur deutschen Einheit. © dpa

Gorbatschows Wahl zum KPdSU-Generalsekretär im März 1985 war ein Aufbruch. „So kann man nicht mehr weiterleben“, lautete einer seiner Kernsätze. Und es schien so, als stieße jemand lange geschlossene Fenster in einem stickigen Raum auf. Gorbatschow führte eine neue Kategorie in die sowjetische Politik ein: das „neue Denken“. Mit Perestroika und Glasnost veränderte er nicht nur die Sowjetunion; er gab der Welt ein neues Gesicht. Seine Ideen weckten Hoffnung auf Reformen, rüttelten seine Landsleute auf und elektrisierten bald auch die Menschen in den „Bruderstaaten“ in Mittel- und Osteuropa.

Und im Westen war man erstaunt über einen KPdSU-Chef, der sich von seinen greisen Vorgängern abhob – kein sturer, unbeweglicher Apparatschik, sondern ein moderner Politiker mit wachem Blick, energiegeladen und charmant. Rasch suchte Gorbatschow den Interessenausgleich mit den USA. Auf dem Feld der Abrüstung gelang es ihm gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan, auf einen Schlag eine ganze Kategorie von Atomwaffen, nämlich die Mittelstreckenraketen, abzuschaffen – ein Gewinn an Sicherheit und Vertrauen zwischen den atomaren Supermächten, aber nicht zuletzt auch eine erhebliche Entlastung für den sowjetischen Staatsetat, der die Kosten des Rüstungswettlaufs längst nicht mehr tragen konnte.

Außenpolitische Erfolge konnten innenpolitische Niederlagen nicht überdecken. Gorbatschows Plan, seinen Landsleuten das geliebte „Wässerchen“ zu nehmen und so das Alkoholproblem in den Griff zu bekommen, scheiterte schmählich. Kein taugliches Rezept gab es gegen den Mangel, der den Alltag der Sowjetbürger beherrschte. Und zudem tat die alte Nomenklatura alles, um Perestroika und Glasnost immer wieder zu bremsen.

Wer zu spät kommt …: Mit Erich Honecker bei der NVA-Parade zum 40. DDR-Gründungstag am 7. Oktober 1989 auf der Berliner Karl-Marx-Allee.
Wer zu spät kommt …: Mit Erich Honecker bei der NVA-Parade zum 40. DDR-Gründungstag am 7. Oktober 1989 auf der Berliner Karl-Marx-Allee. © imago

Gorbatschows Versuche, SED-Chef Erich Honecker zu Reformen zu bewegen, stießen auf Unverständnis und offene Ablehnung. Die Politbürokratie in Ost-Berlin war nicht gewillt, ja unfähig, die Veränderungen in der Welt und im eigenen Land wahrzunehmen. Selbst dann noch, als in Leipzig, Berlin oder anderswo Zehntausende auf die Straßen gingen. Das trieb Gorbatschow zu dem Satz: „Wer in der Politik zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Wie er in seinen Memoiren schrieb, fiel der legendäre Satz bei einem Treffen am Rande der Feiern zum 40. DDR-Gründungstag. Dabei wollte er den Genossen in Ost-Berlin ins Gewissen reden. Vergeblich. Gorbatschow behielt am Ende recht.

Der Gedanke war ihm möglicherweise schon am Abend zuvor durch den Kopf gegangen, als er gemeinsam mit Honecker dem Fackelzug der FDJ zusah. Es gab „Gorbi, Gorbi“-Sprechchöre und den Ruf „Gorbatschow, hilf“. Neben ihm stand Polens Premier Mieczyslaw Rakowski und fragte: „Michail Sergejewitsch, verstehen Sie, was die da schreien?“ Er übersetzte gleich selbst und stellte fest: „Das ist das Ende!“

Mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 waren die Tage der SED-Allmacht gezählt, das Ende der DDR und die deutsche Einheit nicht mehr aufzuhalten. Die letzten Weichen stellten Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl beim legendären Kaukasus-Treffen. In Erinnerung bleiben die Bilder vom gemeinsamen Kurzabstieg zum Ufer eines tosenden Gebirgsflusses und das Gespräch am roh behauenen Holztisch – Gorbatschow leger im Pullover, Kohl mit Strickjacke. Zu dem ernsten Thema schien das nicht zu passen. Immerhin ging es um die volle Souveränität für das wiedervereinigte Deutschland, gegen die Moskau nach dem Treffen keine Einwände mehr hatte.

Oktober 1986: Gipfelgespräche mit US-Präsident Ronald Reagan in Reykjavik. Ein Jahr später wird die Abschaffung der Mittelstreckenraketen besiegelt.
Oktober 1986: Gipfelgespräche mit US-Präsident Ronald Reagan in Reykjavik. Ein Jahr später wird die Abschaffung der Mittelstreckenraketen besiegelt. © dpa

Wie es um die Zukunft der Sowjetunion bestellt war, zeigten die Rufe nach Unabhängigkeit, die in den Sowjetrepubliken immer lauter und energischer wurden.

Die Schuld für den Zerfall des Staates gab Gorbatschow später seinem Widersacher Boris Jelzin. Mit einer „Verschwörung“ habe dieser die UdSSR „liquidiert“, nur um allein im Kreml regieren zu können. Jelzins Stunde schlug beim Putsch konservativer Hardliner aus Politbürokratie, Armee und Geheimdienst im August 1991. Während Gorbatschow im Urlaub am Schwarzen Meer von Putschisten in Arrest festgehalten wurde, stellten sich Tausende Moskauer mutig den Panzern entgegen. Sie verteidigten das, was die Perestroika für das Land in wenigen Jahren gebracht hatte: das zarte Pflänzchen Demokratie mit mehr Freizügigkeit, mit Presse- und Versammlungsfreiheit, offenen Debatten über Politik und die eigene Geschichte.

Nach wenigen Tagen kapitulierten die Putschisten, und Gorbatschow kehrte in ein anderes Land zurück, wie er später sagte. Für ihn war es einer der bittersten Momente seines politischen Lebens, als er im Parlament auf offener Bühne von Jelzin wegen des Putsches und der Rolle der KPdSU zur Rede gestellt wurde. Russlands neuer starker Mann ließ die Partei verbieten, Gorbatschow gab sein Amt als Parteichef ab.

Gegen den drohenden Zerfall der UdSSR stemmte sich Gorbatschow vergeblich. Die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) besiegelte das Schicksal der Sowjetunion. Zum Schluss war Gorbatschow nur noch ein Präsident ohne Staat. Er trat am 25. Dezember 1991 zurück, kurz bevor die Sowjetunion endgültig unterging. Seine Gegner haben ihm das bis heute nicht verziehen. Manche halten ihn für einen „Verräter“ und den Urheber einer „geopolitischen Katastrophe“. Vielleicht war Gorbatschow zu gutgläubig und vertrauensselig. Doch es ist nicht seine Schuld, dass sich der Westen später als Sieger des Kalten Kriegs feierte und die Nato bis an Russlands Grenzen schob – was das neue Misstrauen auch erklärt.

1996 waren Raissa und Michail Gorbatschow Gäste in der ZDF-Show «Wetten, dass..»
1996 waren Raissa und Michail Gorbatschow Gäste in der ZDF-Show «Wetten, dass..» © dpa

Der demokratische Wandel in Osteuropa, der Fall der Mauer, das Ende des Kalten Krieges: Als Ertrag eines politischen Lebens ist das weit mehr, als Gorbatschow erhoffen konnte. Dafür sind ihm Millionen und Abermillionen Menschen dankbar – nicht nur die Deutschen. Seine Mission hält er nicht für beendet. Auch wenn sein Wort im eigenen Land nur noch wenigen etwas gilt, bleibt er der unermüdliche Mahner, der die Zivilisation von Irrwegen abhalten will; der Visionär, der sein Bild von einer besseren, friedlichen Welt konsequent verteidigt.

Dazu meldete sich der Friedensnobelpreisträger von 1990 in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Wort – mit Büchern, Vorträgen, Interviews. Nun warnt er vor einer neuen Konfrontation Russlands mit dem Westen, die längst unübersehbar ist. Für den Mann, der die entscheidenden Impulse für das Ende des Kalten Krieges gab, muss das eine tiefe Enttäuschung sein. Es ist Zeit für eine Rückbesinnung auf das „neue Denken“, mit dem Gorbatschow die Welt verändert hat.

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