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Modrow: Sechs Jahrzehnte bespitzelt

Der frühere DDR-Ministerpräsident Hans Modrow hat Erkenntnisse westlicher Nachrichtendienste über ihn gelesen. Nun spricht er darüber.

Hans Modrow wurde von Geheimdiensten bespitzelt.
Hans Modrow wurde von Geheimdiensten bespitzelt. © Archivbild: dpa/Jens Wolf

Dass ein SED-Spitzenpolitiker im Visier westlicher Geheimdienste stand, ist auch 30 Jahre nach der Wende nicht überraschend. Die Vielzahl und vor allem die Dauer der Aktivitäten um Hans Modrow sind es schon. Der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung und spätere DDR-Ministerpräsident stand rund 60 Jahre im Fokus des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des westlichen Verfassungsschutzes. Aber offensichtlich spionierten auch die Genossen Modrow nach.

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„Fast ein halbes Jahrzehnt“, sagte der 93-Jährige der Berliner Zeitung, habe er um die Herausgabe von Akten gekämpft. 2018 habe das Bundesverwaltungericht in Leipzig Klage auf Einsicht zugelassen. „Ich bekomme seither Auskünfte, nicht die Akten selbst“, sagte Modrow. Dabei gehe es um Schutz einstiger Informanten und deren Angehöriger.

„Der BND war vom Juli 1958 bis April 1990 an mir dran“, weiß Modrow heute. Der Verfassungsschutz habe ab Mitte der 1960er-Jahre bis März 2019 Informationen „im Zusammenhang mit linksextremistischen Bestrebungen“ über ihn gesammelt.

Verwundert wirkt Modrow zumindest über die frühe Phase der Bespitzelung nicht. In den 1950er-Jahren sei er Vorsitzender der FDJ „von ganz Berlin“ gewesen und habe 1958 für das Abgeordnetenhaus in Schöneberg kandidiert. Als „DDR-Funktionsträger“ habe er „bei vielen Diensten auf dem Zettel“ gestanden. „Und das war damals eher ‚normal‘, die Viermächte-Stadt Berlin war doch seinerzeit die Welthauptstadt der Geheimdienste“, sagte Modrow in dem Zeitungsinterview.

Offensichtlich stand durchaus Gutes über den SED-Funktionär in den Akten. Ein BND-Mann habe in einer Verhandlungspause 2018 in Leipzig zu ihm gesagt: „Sie können sich doch freuen, Herr Modrow. Sie haben wahrscheinlich noch nie so positive Beurteilungen bekommen wie von uns.“ Modrow sprach von einem vergifteten Lob.

Der BND habe auch von einem Gespräch zwischen Michail Gorbatschow und Polens Staatsschef Wojciech Jaruzelski 1988 erfahren, in dem die Politiker ihn als einen möglichen Honecker-Nachfolger genannt hätten. Der westdeutsche Nachrichtendienst wusste zudem, dass der Dresdner SED-Sekretär Honecker 1989 darauf aufmerksam gemacht hatte, „dass die Konzentration auf die Hauptstadt Berlin immer größere Lücken in die Versorgung in den Berzirken reißt“. Offenbar hatte der BND einen Informanten im Politbüro oder schöpfte ein Mitglied oder dessen Mitarbeiter ab.

Bespitzelung durch die Stasi

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung wies Modrow auch auf eine mögliche Bespitzelung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hin. Der BND habe intern vermerkt, im Ministerium für Staatssicherheit werde „immer wieder auf Modrows vielfältige (von der Partei nicht abgesegnete) Kontakte zu den Sowjets hingewiesen“. Die Rede ist auch von einer „MfS-Sondergruppe“ zur Überprüfung von Modrows Verbindungen. Modrow will nicht ausschließen, dass es sie gab, kann das aber auch nicht „für bare Münze nehmen“.

Klar ist, dass Modrow in Honecker einen Gegner hatte, der eine „rund hundertköpfige Sonderkommission“ 1989 in den Bezirk Dresden schicken ließ. Deren Ziel - nach Modrows Erinnerung: „Sie sollte Belege für meine Unfähigkeit finden, die kluge Politik der Parteizentrale durchzusetzen.“ Auf die Frage, ob er sich beim Mauerfall gefreut habe, sagte Modrow, der von November 1989 bis April 1990 DDR-Ministerpräsident war: „Ich war für die Grenzöffnung, und ich war für Reisefreiheit, aber geordnet, ich wollte, dass die Grenzen sicher bleiben.“

Einen Satz, der im Gespräch mit dem Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer gefallen sein soll, hat Modrow nach eigenen Angaben aber nie gesagt. Wenn man die SED retten wolle, benötige es Schuldige, das sollten die Stasi-Mitarbeiter sein. „Einen solchen Satz habe ich nie gesagt, für ein solch dummes Manöver hätte ich mich auch nicht hergegeben“, stellte Modrow nun klar. Und ergänzte: „Ich hatte damals als Ministerpräsident anderes zu tun, als die SED zu retten.“ Es sei um die Transformation eines ganzen Staates gegangen.

Gute Beziehungen zu Russland wichtig

Modrow plädierte für gute Beziehungen zu Russland, auch aufgrund der deutschen Historie. „Die gleiche Verantwortung, die wir gegenüber den Juden und dem jüdischen Staat wegen des Holocaust demütig wahrnehmen, verdienen auch die Russen und deren Staat.“ Modrow fügte mit Blick auf den zweiten Weltkrieg hinzu: „Wir haben mindestens 27 Millionen Bürger der Sowjetunion umgebracht, die meisten davon waren Russen.“

Nach der Wende saß Modrow für die PDS im Bundestag, später im Europaparlament. 1996 wurde er zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe wegen Falschaussage vor dem „Sonderausschuss zur Untersuchung von Amts- und Machtmissbrauch infolge der SED-Herrschaft“ verurteilt. Mittlerweile ist der in Berlin lebende Modrow Vorsitzender des Ältestenrates der Linken.

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