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Die NVA von Großopitz

René Richter sammelt Gerät der DDR-Armee. Mit seinem Ello machte er sich zur Eroberung Englands auf.

Bei René Richter gibt es die NVA noch. Aber nur am Wochenende, wenn er mit seine Oldtimern Ausfahrten unternimmt.
Bei René Richter gibt es die NVA noch. Aber nur am Wochenende, wenn er mit seine Oldtimern Ausfahrten unternimmt. © Norbert Millauer

Zu zweit haben sie geschafft, was der NVA - zum Glück - nie befohlen wurde: England erobern. René Richter und sein olivgrüner Ello sind 2.800 Kilometer gerollt, auf eigener Achse, um beim größten Militärautotreffen der Welt, der War and Peace Show in der Grafschaft Kent, dabei zu sein. Abgesehen von einem kurzen Hitzestreik auf der Autobahn im Ruhrpott - Luftkühler hassen Staus - ging alles glatt. Auf seinen Ello lässt Richter nichts kommen. "Wenn er einmal rollt, dann rollt er."

In Eigenregie zum Stabsfeldwebel befördert

Die Nationale Volksarmee lebt. Zumindest ein bisschen. Hinter den Toren einer Großopitzer Lagerhalle beginnt ihr Reservat. Hier steht nicht nur der NVA-Standardlastwagen LO 2002, volkstümlich Ello genannt, sondern auch ein Trabi Kübel, ein Geländewagen Sachsenring P 3, ein schwimmfähiges Sanitätsmobil LuAZ sowie eine einsatzbereite Feldküche. An den Wänden ragen Regale mit Autoteilen und Militaria aller Art bis unters Dach. Die Halle bietet mehr Platz als die meisten Eigenheime. Trotzdem, sagt Richter, passt seine Sammlung nur "mit Ach und Krach" hier rein.

Garten
Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Der Stabsfeld und sein Gefreiter: René Richter weist Reporter Jörg Stock ins Armaturenbrett des Ello ein.
Der Stabsfeld und sein Gefreiter: René Richter weist Reporter Jörg Stock ins Armaturenbrett des Ello ein. © Norbert Millauer

Wenn René Richter in seine Militärautos steigt, wird er selber Teil der Geschichte. Er trägt den Feldanzug der NVA, das Einstrichkeinstrich. Originalität und Stimmigkeit gelten bei den  Oldtimerfreunden alles, sagt er. Lange Zeit hat er die Schulterstücken eines einfachen Soldaten getragen. Sich zu befördern widerstrebte ihm, denn gedient hat er nicht. Doch mit nunmehr 47 Jahren kann er schwerlich als Gemeiner herumlaufen. So ist er Stabsfeldwebel geworden, im medizinischen Dienst, wie die Äskulapnatter zwischen den Sternen anzeigt. "Das kann ich mir am ehesten anmaßen."

Militärische Karriere stand nie zur Debatte

Wenn René Richter nicht bei seinen Autos ist, arbeitet er als Notfallsanitäter beim Freitaler Rettungsdienst. Eine Karriere im Militär? Offizier werden? Das war nie geplant. Zur NVA wäre er wohl gegangen. Doch bevor es dazu kam, hatte sich die Armee samt Staat aufgelöst. Bundeswehr? Für Richter kein Thema. Er, der schon als Junger Sanitäter beim Roten Kreuz gewesen war, wählte den Zivildienst und dann den Einsatz auf dem Rettungswagen. Er hat es nie bereut. "Ich mache das wirklich gerne."

Regelmäßig gefahren, springt der Ello eigentlich immer an. Wenn die Batterie schwach ist, soll die Kurbel helfen.
Regelmäßig gefahren, springt der Ello eigentlich immer an. Wenn die Batterie schwach ist, soll die Kurbel helfen. © Norbert Millauer

Woher aber kommt dann dieser Hang zum Militärischen? Da steht René Richter selbst vor einem Rätsel. Familiäre Prägung gab es jedenfalls keine, sagt er. "Das war einfach da, warum auch immer." Für Geländespiele war er als Kind jedenfalls zu haben, wurde sogar mit seiner Mannschaft DDR-Meister im touristischen Mehrkampf. Militärisches gesammelt hat er damals nicht. Der Staat achtete auch streng darauf, dass solche Dinge nicht in Privathand gerieten. "Das Sammeln ging erst nach der Wende los."

Ein Auto, viele Herren und viele Farben

Sammeln wollte René Richter nicht nur Dinge zum Angucken, sondern auch zum Bewegen. Der Trabi Kübel war sein erstes fahrbares Objekt. Zur Jahrtausendwende hat er ihn gekauft. Der grüne Rand an den Hoheitszeichen steht für die Grenztruppen. Im Wagen war das zur damaligen Zeit modernste Funkgerät verbaut. Gut möglich, dass der Trabi einst die Berliner Mauer entlangrollte. Genau weiß das Richter nicht. Über das Vorleben der Autos gibt es keine Aufzeichnungen.

Auch das Drumherum muss stimmen: René Richters Kollektion umfasst deutsche und sowjetische Militaria aller Art.
Auch das Drumherum muss stimmen: René Richters Kollektion umfasst deutsche und sowjetische Militaria aller Art. © Norbert Millauer

Richters Liebling ist aber doch der Ello. L und O, das bedeutet luftgekühlter Ottomotor. Hergestellt wurde das Auto 1984 im Zittauer Robur-Werk. Seitdem hat es mehrfach seine Hautfarbe gewechselt. Original grün lackiert, kam nach dem Ende der NVA das Rot der Freitaler Feuerwehr darüber. Danach folgte das Weiß des Roten Kreuzes. In diesem Zustand erhielt Sammler Richter den Wagen, im Tausch gegen einen anderen Oldie, einen DDR-Krankenwagen Barkas B 1000.

Mit heißer Luft und viel Geduld

Viele Herren, aber stets ein Dach überm Dach - das war das Glück dieses Fahrzeugs. Sonst wäre der Kofferaufsatz aus Holz und Kunststoff wohl längst verrottet. So aber gibt es nur wenige Narben. Und ein paar frische Striemen. Die hat sich der Ello bestimmt zur jüngsten Ausfahrt eingefangen. Anfang Oktober trafen sich die Sammler auf der Verkehrs-Versuchsanlage Horstwalde bei Berlin. Dort, wo man sonst die modernsten SUVs quält, liefen die Militär-Oldies zu alter Form auf.

Für die stilechte Raucherpause: Eine Packung "Prima", hergestellt in Krasnodar, Sowjetunion. Stückpreis: 14 Kopeken.
Für die stilechte Raucherpause: Eine Packung "Prima", hergestellt in Krasnodar, Sowjetunion. Stückpreis: 14 Kopeken. © SZ/Jörg Stock

Den Ello wieder in seinen Urzustand zu versetzen, hat runde zwei Jahre gedauert. Das Abkratzen der alten Lackschichten, mit Heißluftpistole und Spachtel, Span um Span, war eine harte Geduldsprobe. Da verlässt einen schon mal die Lust, sagt René Richter. Aber das hält nie lange an bei ihm. Man will ja fertig werden, sagt er, angetrieben von der Aussicht auf das Ergebnis. "Und wenn dann die Anerkennung aus der Szene kommt, freut man sich doch."

Ärger über die "Zwangskriminalisierung"

Anerkennung aus der Szene gibt es. Aus der Allgemeinheit weniger. René Richter überlegt genau, mit wem er über sein Hobby spricht. Manchmal fühlt er sich "zwangskriminalisiert". Nur weil man dieses spezielle Interesse pflege, werde man gleichgestellt mit irgendwelchen Radikalen. "Ohne dass man was dafür kann." Das Militär nennt er ein notwendiges Übel, ein Übel, das seit Urzeiten Teil der Gesellschaft gewesen sei, und es auf absehbare Zeit bleiben werde. Das auszublenden hieße Augenwischerei betreiben. "Es ist nun mal so."

Beklemmend: Spritzen-Set des NVA-Soldaten zur Anwendung beim Einsatz von Nervenkampfstoffen und Atomwaffen.
Beklemmend: Spritzen-Set des NVA-Soldaten zur Anwendung beim Einsatz von Nervenkampfstoffen und Atomwaffen. © SZ/Jörg Stock

Dass er die Uniform einer damals weithin verhassten Institution trägt, weiß René Richter wohl. Er will da nichts schönreden, oder gar verherrlichen. Er hat aber auch die Erzählungen vieler gedienter NVA-Soldaten im Ohr. Für alle war diese Zeit prägend, sagt er, jeder kann Storys erzählen davon, was er "bei der Asche" so alles verzapft hat. "Und dann ist das auf einmal doch nicht mehr so schlimm gewesen."

Das nächste Projekt wartet schon

Das Basteln und Bauen geht weiter. Das nächste Projekt wartet schon unter einer Plane drauf, dass René Richter die Spinnweben wegwischt. Der alte P 3 wird allerdings eine harte Nuss, weil ziemlich stark vom Rost zerfressen. Richter arbeitet an der Ersatzteilbeschaffung. Neues für seine Sammlung braucht er aber nicht mehr. Auch keine neuen Autos. "Es ist kein Platz da", sagt er. "Zum Glück."

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