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SED-Funktionäre, Rebellen und tanzfaule Geister

Masha Qrella arbeitet mit ihrem Album „Woanders“ auch ein Stück Familiengeschichte auf und gibt dem Deutschpop seine Würde zurück.

Mariana Kurella alias Masha Qrella lieferte unter anderem für die US-Erfolgsserie „Grey’s Anatomy“ zwei Songs zu. Jetzt hat sie aus Texten von Thomas Brasch großartigen Pop gemacht.
Mariana Kurella alias Masha Qrella lieferte unter anderem für die US-Erfolgsserie „Grey’s Anatomy“ zwei Songs zu. Jetzt hat sie aus Texten von Thomas Brasch großartigen Pop gemacht. © PR

So jung das Jahr noch ist, das steht bereits fest: Eines der fünf besten, vielschichtigsten, interessantesten Deutschpop-Alben ist bereits erschienen – egal, was da noch folgen möge. Die Berliner Musikerin Mariana Kurella alias Masha Qrella hat es zustande gebracht und ist in diesem Fall zugleich erfahrener Profi wie völliger Neuling. Denn ihre sechste Langspielplatte ist ihre erste mit rein deutschen Texten.1975 im Ostteil Berlins geboren, begann sie ihre Karriere in der quirligen Weltstadt-Szene, die sich nach dem Mauerfall nicht mehr über Himmelsrichtung definierte, sondern alles mit allen für möglich hielt. Postrock, Electro und Indie-Pop sind bis heute Masha Qrellas Standbeine. Sie fabriziert Musik allein, mit verschiedenen Bands und für Nichtmusiker. So schafften es auch zwei ihrer Songs in die US-Erfolgsserie „Grey’s Anatomy“. Von den Tantiemen hätte sie mehr oder weniger zwei Jahre lang leben können, sagt sie heute.

Mit Maske vor Lenin: Masha Qrella
Mit Maske vor Lenin: Masha Qrella © PR

Sie spielte live in ganz Europa, tourte in den USA ebenso wie in Japan; es lief eigentlich super. „Doch meine Ehrfurcht vor der westlichen Popkultur war plötzlich verschwunden, meine Zweifel am System waren immer größer geworden“, erklärt sie. „Wir sehnen uns nach Utopien, nach Frei- und Zwischenräumen. Stattdessen bekommen wir nur Verwertbarkeit und Verkaufsstrategien als Antwort.“ Als sie schließlich Marion Braschs autobiografischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ las, sei sie förmlich aus einer Art Amnesie erwacht. „Das war auch meine Geschichte, meine Perspektive und meine Vergangenheit!“

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Flucht in den Westen

Ihr Großvater Alfred Kurella, Künstler und zugleich KPD-Funktionär, lebte seit den 30er-Jahren in Moskau, kam 1954 in die DDR und in der SED schnell voran, wurde 1963 Mitglied der Ideologischen Kommission des Politbüros. Marion Braschs Vater Horst Brasch hingegen kam nach dem Krieg aus dem englischen Exil in die DDR, schaffte es bis ins ZK der SED und 1966 auf den Posten des stellvertretenden Ministers für Kultur.

Als sein Sohn Thomas 1968 gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag protestiert, fiel der Vater gleich mit in Ungnade, büßte seine Ämter ein, blieb aber weiter Teil des Systems. Zuletzt bis zu seinem Tod 1989 als Generalsekretär der Liga für Völkerfreundschaft. Thomas Brasch, der unangepasste Lyriker, Dramatiker und Regisseur, ging 1976 nach der Biermann-Ausweisung mit seiner damaligen Lebensgefährtin Katharina Thalbach in den Westen. Dort erschienen schließlich auch seine Texte. 2001 starb Brasch in Berlin.

Aus einem üppigen Band pickte sich Masha Qrella 17 Gedichte heraus, die sie für ihr Album „Woanders“ mit sehr viel Gefühl für die Sprache vertonte. Der Sound ist eigen, aber nie manieriert; die Songs bekennen sich klar zu Pop, zu Groove, zu schlanken Linien, ohne jemals beliebig oder vorhersehbar zu sein.

Da gibt es genauso wenig die übliche Deutschpop-Bedeutungshuberei, sondern tiefen Respekt vor der fremden Lyrik und die klare Absicht, sie sich mittels der Musik anzueignen, sie quasi nebenbei für den Konsumenten in eine neue Dimension zu heben. Das funktioniert fast ausnahmslos perfekt.

Die Songschreiberin, Sängerin, Gitarristin, Bassistin und Keyboarderin hat das Ganze auch selbst produziert, sich jedoch nicht nur zwei ergänzende Instrumentalisten ins Studio geholt. Die Herren des Elektronik-Duos Tarwater stehen ihr bei einem Song bei, Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow sowie Ja, Panik!-Sänger Andreas Spechtl kamen jeweils für ein Duett vorbei.

Am besten klingt es jedoch, wenn Masha Qrella nur ihre zugleich etwas niedliche wie rabiate, auf jeden Fall berührende Stimme einsetzt. Wie etwa in „Geister“. Diese herrliche Nummer zieht zügig auf einem treibendem Beat ab, gönnt sich ein paar Indie-Gitarren-Schleifen und verbal den größtmöglichen Kontrast. „Ich kann nicht tanzen / ich warte nur / in einem Saal aus Stille / hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr / und ich warte nur“, heißt es da, während der Hörer seine Füße schwerlich länger stillhalten kann.

Aus der Amnesie erwacht

Doch wie war das noch mal mit dem Aufwachen aus der Amnesie? „Ich habe meinen Großvater gar nicht kennengelernt, er starb quasi, als ich geboren wurde, und spielte in meinem unmittelbaren Familienleben und meiner DDR-Sozialisation kaum eine Rolle“, sagt die Musikerin. „Ich hatte über die Jahre, beim Versuch, im westdeutschen Musikkanon anzukommen, meine eigene Geschichte ausgeblendet. Und das hat mir Marions Buch ins Gedächtnis gerufen. Wir haben erlebt und gesehen, wie sich die Generation von Thomas Brasch, also die meiner Eltern, vor unseren Kinderaugen aufbäumte, verlor, Sehnsüchte formulierte, träumte, durchdrehte oder verschwand.“

Dass Braschs Texte als Grundlagen für Pop-Songs genau jetzt so gut funktionieren, habe viel damit zu tun, dass er damit seiner Zeit voraus gewesen sei. „In gewisser Weise formuliert er etwas, an dem unsere Gesellschaft heute krankt, eine Einsamkeit, für die wir uns selbst kasteien, obwohl sie systemimmanent ist.“

Jetzt plötzlich mit Worten in ihrer Muttersprache arbeiten zu müssen, sei kein Problem gewesen. „Tatsächlich war mein Zugang zu Lyrik schon immer der über Musik und Songtexte, lange Zeit waren es englischsprachige Texte, die auch mein eigenes Songwriting geprägt haben“, erzählt Masha Qrella. „Diesmal waren es eben deutsche Texte, die mich nicht mehr losließen. Aber ich bin da nicht so kategorisch. Ich mag es eigentlich sehr, wenn sich Nichtmuttersprachler einfach einer Sprache ermächtigen und sie poetisch nutzen. Das hat oft eine anarchische Schönheit.“

Wyssozki lässt grüßen

Musikalisch sei sie vor allem durch Musik aus der Sowjetunion, durch Liedermacher wie Wladimir Wyssozki oder Bulat Okudshawa sozialisiert worden. „Mit 14 waren wir Revolutionäre, mit 16 bereits verstummt. Erst dann fing ich an, mich für Musik zu interessieren.“ Sogleich mit Nachdruck und stetig wachsendem Erfolg. Jetzt stellte sie jedoch die bewährten Arbeitsprinzipien völlig um. „Mir sind zunächst nur einzelne Zeilen im Kopf geblieben, die so etwas wie ein Eigenleben entwickelt haben. Ich habe sie in der U-Bahn oder auf dem Fahrrad vor mich hin gesungen, sie ins Handy gespielt und als Grußbotschaften verschickt.“

Sie habe dabei auch fasziniert, dass diese Texte etwas beschrieben, das sie gut kannte – eine Zwischenwelt, in die sie die Wende einst entlassen habe. „Dieser Zustand war für mich persönlich allerdings nicht so düster und verzweifelt.“

Masha Qrella sagt: "Ich habe russische Wurzeln." Ihr Bruder lebt in Moskau.
Masha Qrella sagt: "Ich habe russische Wurzeln." Ihr Bruder lebt in Moskau. © PR

Warum das Video zum Titelsong „Woanders“ ausgerechnet in der Moskauer Metro gedreht wurde, erklärt Masha Qrella so: „Ich habe russische Wurzeln. Mein Bruder ist in Moskau geboren, ich kam in der DDR zur Welt und bin im Berlin der 90er-Jahre groß geworden. Moskau war in meiner Kindheit die Stadt, in die ich jeden Sommer gefahren bin – erst mit meinen Eltern und meinem Bruder, im Trabant über Warschau und Minsk, später in den 90er-Jahren auch allein.“

Ihr Bruder sei in der Wendezeit bei der Armee gewesen, spontan desertiert und in der Postsowjetunion, in einer „absolut anarchischen Zeit“, erst unter-, dann wieder aufgetaucht. „Er lebt bis heute in Moskau; das Video hat meine Freundin Diana Näcke gedreht, als wir meinen Bruder im Februar 2020 dort besuchten.“ Nicht zuletzt Wendungen wie diese hätten auch Thomas Brasch gefallen und zu diesen Songs würde selbst er tanzen.

Das Album: Masha Qrella, Woanders. Staatsakt

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