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„Sie war kein Star, sie war die Sonne“

Zum 25. Todestag von Tamara Danz würdigt ein Buch die wichtigste Frau im DDR-Rockgeschäft. Private Details treffen auf eine Art Vermächtnis.

Tamara Danz in den 80er-Jahren bei einem Konzert ihrer Band Silly.
Tamara Danz in den 80er-Jahren bei einem Konzert ihrer Band Silly. © Eastblockworld.com Archiv

Sie war streitbar, aber unstrittig die wichtigste Frau im DDR-Rockgeschäft. Dafür spricht nicht nur, dass sie einst in Sachen Popularität in einer eigenen Liga spielte, sonder vielmehr, dass sie bis heute allerhöchsten Respekt genießt – obwohl sie die DDR lediglich um sechs Jahre überlebte. Am 22. Juli 1996 starb Tamara Danz an Brustkrebs.

Kurz vor ihrem 25. Todestag versucht nun Wolfgang Martin in seinem Buch „Paradiesvögel fängt man nicht ein“, möglichst viele Facetten der Sängerin darzustellen.Faktisch wie emotional würdigt er eine schillernde Persönlichkeit, baut aus privaten Details und Karriere-Eckpunkten ein stabiles Gerüst, auf dem als Vermächtnis thront: „Hängt nicht rum, geht auf die Bühne!“ So wies Danz einst kurz vor ihrem Tod den Kollegen ihrer Band Silly den Weg, und daran hielten sie sich auch.

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Silly in den späten 80er-Jahren.
Silly in den späten 80er-Jahren. © Archiv

Martin, 1952 in Luckenwalde geboren, war ab 1975 Redakteur beim Sender Stimme der DDR, ab 1986 Leiter der Musikredaktion von DT64, blieb auch nach der Wende im Radiogeschäft und traf Tamara Danz oft genug, um sehr persönliche Anekdoten erzählen zu können. Krankte sein Buch über den 2018 gestorbenen DDR-Rockpoeten Holger Biege mitunter an stilistischer Unentschlossenheit und mangelnder Sorgfalt, passt hier fast alles. Martin lud etliche Kollegen und Freunde ein, ihre Erinnerungen an die Silly-Frontfrau in eigenen Texten oder in Interviews mit ihm beizusteuern, was zu einer gewissen Redundanz führt – selbst sehr unterschiedliche Menschen erinnern sich nun mal an gleiche Situationen in der Regel weitgehend gleichlautend.

Enttäuschung und Entfremdung

Glücklicherweise gerät jedoch seine „Hommage an Tamara Danz“ nie zum unreflektierten Lobgesang. Was der Geehrten ganz sicher auf den Keks gegangen wäre. Vielmehr fällt durchaus Licht auf manche Schattenseite. Werner Karma etwa, der als Texter einige Zeit lang sogar festes Bandmitglied und mit seiner Arbeit wichtig für den Anfang der 80er-Jahre zunehmenden Erfolg war, beschreibt die Phasen der Entfremdung bis hin zum völligen Bruch und damit seine tiefe Enttäuschung.

Zugleich erklärt er: „Zwischen uns gab es von Anfang an eine Vertrautheit, die schon ungewöhnlich war.“ Das habe weniger daran gelegen, dass sie im selben Jahr und im selben Land geboren und ihre Eltern politisch sehr ähnlich gestrickt gewesen seien. „Eher daran, wie sie rüberkam. Tamara klang wie ein Berliner Hinterhofgör, sie sprach meinen Slang, unartig, unverblümt, und war so umwerfend ehrlich wie herzlich. Und hat es geliebt, in mir jemanden gefunden zu haben, der nicht vor ihr kuschte, mit dem sie streiten konnte, bis die Wände wackelten.“

Nicht nur auf der Bühne ein eingespieltes Team: Uwe Hassbecker und Tamara Danz.
Nicht nur auf der Bühne ein eingespieltes Team: Uwe Hassbecker und Tamara Danz. © Silly

Angelika Weiz, als Jazz- und Soulsängerin einst in der DDR gefeiert und immer noch regelmäßig mit ähnlichem Repertoire live zu erleben, gehörte zu den langjährigsten Freundinnen von Tamara Danz, auf deren Beerdigung sie auch sang. Und sie erinnert sich: „Ich habe an ihr gemocht, dass sie so gerade war, so gerade und auch bestimmt. Das fand ich großartig. Tamara konnte Ja sagen und sie konnte Nein sagen, und das Neinsagen habe ich besonders gemocht.“ Danz sei zudem eine gute Taktikerin gewesen. „Das betraf vor allem ihre Arbeit in der Band, den Umgang mit den Medien und den Offiziellen im damaligen Kulturbetrieb.“ Ganz weich sei sie bei Kindern geworden. „Da hättest du sie nicht wiedererkannt, obwohl sie nie eigene Kinder haben wollte… wegen der Verantwortung und weil der Job, die Musik, immer an erster Stelle bei ihr stand.“

Die Frau mit der Chefpeitsche

City-Frontmann Toni Krahl erzählt, dass er Tamara Danz 1968, noch vor ihrer Zeit beim Oktoberklub, kennengelernt und eigentlich nie aus den Augen verloren hätte. „Anfang der Siebziger stieg sie in eine Band ein, die in Rumänien ,Saisonarbeit‘ machte, also in Bars spielte. Daraus ist dann die Familie Silly geworden. Übrigens ist unser damaliger Bassist von der College Formation, Mathias Schramm, bei der Band eingestiegen und hat musikalisch das Heft in die Hand genommen. Tamara schwang schon die Chefpeitsche, was man ihr vielleicht nicht so zutraute, dieser jungen Frau, dass die so eine Energie hatte.“

Und Krahl macht Danz ein großes Kompliment: „Schon sehr, sehr früh hat sich herauskristallisiert, dass Tamara kein Star war. Sie war die Sonne. Tamara war die Sonne und wer sich in ihrem Dunstkreis bewegte, fing an zu leuchten. Das war auch ein Grund dafür, dass sehr viele Leute ihre Nähe suchten, um ihre Strahlen abzukriegen und selbst zu glänzen, bis hin zu Politikern.“

Diese Sonne hatte auch eine enorme erotische Anziehungskraft, was zu einem Dilemma führte: Ex-Partner und neue Liebe mussten in einer Band miteinander auskommen und vor allem keinesfalls irgendwelche Animositäten nach außen dringen lassen. Keyboarder Ritchie Barton, zunächst bei City, dann bei Silly, erinnert sich: „Im Laufe des Jahres 1980 gab es mit City einen Auftritt in der TV-Jugendsendung ,rund‘ und da lernte ich Tamara kennen, die mit ihrer Band Familie Silly auch in dieser Sendung auftrat. Ihre Musiker kamen 1981 mit dem Angebot, dass ich bei Silly einsteigen könne. Das aber wollten Tamara und ich, inzwischen schon fast ein Jahr ein Paar, absolut nicht. Wir waren halt sehr verliebt, und für uns kam es überhaupt nicht infrage, diesen Im-siebten-Himmel-Zustand durch eine Vermischung von privat und beruflich zu gefährden.“

Uwe Hassbecker (l.) und Ritchie Barton 2019 im Silly-Refugium in Münchehofe bei Berlin.
Uwe Hassbecker (l.) und Ritchie Barton 2019 im Silly-Refugium in Münchehofe bei Berlin. © Matthias Rietschel

Letztlich knickte Barton ein, ging zu Silly und alles war gut. Bis Tamara Danz 1985 beim Allstars-Projekt Gitarreros auf den damaligen Stern-Meißen-Gitarristen Uwe Hassbecker traf. „Tamara und ich hingen immer zusammen. Aus Sympathie wurde Nähe, aus Nähe Zuneigung. Das zog sich alles eine Weile so hin, weil uns beiden immer auch die Vernunft im Nacken saß. Ganz nach dem Motto: Was soll’n das werden, geht ja eigentlich überhaupt nicht…“, sagt Hassbecker, der 1986 schließlich zu Silly wechselte. „Sie war noch mit Ritchie zusammen und ich war verheiratet, hatte eine Frau und zwei Kinder. Es hat geknistert und das ließ sich nicht mehr stoppen. Gegen alle objektiven Widerstände wurde aus Zuneigung Verliebtheit und aus Verliebtheit schließlich Liebe.“

Barton: „Das bedeutete für eine relativ lange Zeit eine gehörige Belastung für die gesamte Band, im Besonderen Stress für mich. Es half, dass Jäcki damals auch die Trennung von seiner Frau zu verarbeiten hatte, und so haben wir uns kurz entschlossen in einer ,therapeutischen WG’ zusammengefunden.“ Und Hassbecker ergänzt: „Was es aber gab, war die Gewissheit, dass wir irgendwie versuchen mussten, unseren Beziehungskram aus dem Bandleben herauszuhalten, und dass die Band oberste Priorität hat. Das war auch eine Ansage von Tamara an alle. So was sagt sich natürlich leicht, aber wir haben tatsächlich versucht, das Bandleben so zu gestalten, dass es irgendwie für alle erträglich ist und dass wir vor allem weiter existieren konnten.“

Ein Album mit Langzeitwirkung

Die beiden übernahmen schließlich auch gemeinsam im Frühjahr 1996 den Job, das Album „Paradies“ zu promoten, weil Tamara Danz zwar noch die Aufnahmen mitmachen konnte, anschließend jedoch bereits zu schwach für öffentliche Auftritte war. Hassbecker: „Tamara verfolgte alles von zu Hause aus. Sie schimpfte mit uns, wenn wir bei den Interviews Unsinn stammelten oder mal nicht cool antworten konnten. Wir waren vergleichsweise Amateure, Anfänger in diesem Bereich, aber wir wollten und sollten das übernehmen, so als ob überhaupt niemand krank sei. Dieses Album sollte zu ihrem Vermächtnis werden und das hat Tamara zu dieser Zeit bestimmt schon gespürt.“

Das Album wurde tatsächlich ein Erfolg, die Band ging anschließend durch ein Tal, erfand sich jedoch zunächst mit verschiedenen Gastsängerinnen und -sängern neu. Das 2010 veröffentlichte Album „alles rot“, bei dem Anna Loos erstmals den Job der Frontfrau auch im Studio übernahm, schaffte es auf Platz drei der Charts, brachte der Band Gold- und Platinauszeichnungen ein. Diesem Hoch folgte Streit und 2018 die Trennung von Anna Loos. Das Kerntrio Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcki Reznicek ist seither mit Ex-Rosenstolz-Sängerin Anna R. und Julia Neigel auf Tour.

Das Vermächtnis wird also weiterhin erfüllt, die Band am Leben gehalten.Zuletzt beschloss im März der Ortsbeirat der Berliner Randgemeinde Münchehofe, wo sich das Silly-Hauptquartier und das Grab von Tamara Danz befinden, die Hauptstraße des Dorfes in Tamara-Danz-Straße umzubenennen. Nach Berlin-Friedrichshain und Breitungen in Thüringen die dritte Straße dieses Namens und ein sicheres Zeichen: Diese Frau war tatsächlich keine Sängerin wie so viele andere.

Das Buch: Wolfgang Martin, Paradiesvögel fängt man nicht ein – Hommage an Tamara Danz. Verlag Bild und Heimat; 208 Seiten, 19,99 Euro

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