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Der unbekannte Welt-Hit über eine Stadt in der DDR

Vor 40 Jahren veröffentlichte Synthie-Pop-Pionier Thomas Dolby seinen Song „Leipzig“. Doch über die Mauer kam er damals nicht.

Thomas Dolby bei einem Auftritt im Jahr 2006.
Thomas Dolby bei einem Auftritt im Jahr 2006. © Arthur Mouratidis

Von Lutz Brose

Er gehört zu den größten unter den etwas unbekannteren Popmusikern: Thomas Dolby (62) gilt als einer der bekanntesten Vertreter der Synthesizer- und New-Wave-Musik der Achtziger. Der Brite arbeitete in seiner Karriere mit vielen Stars des Musik-Business zusammen wie Van Halen, Stevie Wonder und Mark Knopfler. 1985 stand er mit David Bowie bei „Live Aid“ auf der Bühne, fast 1,5 Milliarden Menschen hörten ihm zu. Dass am Anfang seiner Karriere auch eine Stadt in Ostdeutschland stand, zumindest musikalisch, weiß im Osten kaum jemand.

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Thomas Dolby heißt eigentlich Thomas Morgan Robertson. Vor genau 40 Jahren, im Februar 1981, veröffentlichte er seine erste Schallplatte überhaupt, die Single „Urges“. Auf deren B-Seite: der Song „Leipzig“. Fans, Kenner und Kritiker sind bis heute von dem Stück begeistert.

"Ein Concerto für süßen Saft"

So schreibt Steve Smith, Professor für Philosophie in Jackson (USA): „Indem er einige seiner schönsten unnatürlichen Klänge benutzt, braut Thomas Dolby eine seiner ultimativsten Synthesizer-Melodie-Phrasen in ,Leipzig‘ zusammen.“ Der Text schildere eine sehr nordeuropäische, triste Mittelklasse-Szenerie, die an die John Le Carré-Romane erinnere, sei aber in erzählerischer Hinsicht eher deprimierend. „Die Musik ist unverhohlen künstlich, doch eindrucksvoll lebendig. Elektrizität hat sich uns angeschlossen, singend, auf eine andere Art und Weise, beinahe wie Violinen – doch nicht ganz.“ „Leipzig“, sei, erklärt Steve Smith weiter, „ein Concerto für süßen Saft in G-Dur, berstend mit Geschmack zum Finale seines großartigen Hooks im hohen Dur-Terz“.

Auch das Pop-Duo von Dave Stewart (nicht verwandt mit dem gleichnamigen Eurythmics-Star) und Barbara Gaskin, das mit der aufpolierten Lesley-Gores-Nummer „Its My Party“ im selben Jahr die Spitze der britischen Charts eroberte, ist von „Leipzig“ fasziniert. Die beiden covern den Song und bringen sogar eine Maxi-Version auf den Markt. Doch warum ausgerechnet Leipzig, die graue Provinz in Ostdeutschland? Thomas Dolby erklärt auf Anfrage, die Texte habe er auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges geschrieben. „Die britische Popmusik hatte gerade die Musik von Bands wie Kraftwerk und Tangerine Dream für sich entdeckt.“ Synthesizer waren für die meisten Menschen noch sehr neu und beängstigend und schienen die klinische Entfremdung der Musik zu repräsentieren.

Thomas Dolby 2018.
Thomas Dolby 2018. © Wikipedia

„Ich wollte eine Art Hymne, Hommage, Parodie an diese Ära schreiben, die gleichzeitig zeigen würde, wie viel Wärme und Romantik mit elektronischen Instrumenten tatsächlich vermittelt werden kann“, so Dolby. „Dafür brauchte ich den Namen einer osteuropäischen Stadt – und ich habe mich auf Leipzig eingelassen. Weil sein sehr nach östlichem Block klingender Name genau das Bild hervorgerufen hat, nach dem ich gesucht habe.“ Er habe sich damals vage daran erinnert, dass Leipzig im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten bombardiert worden ist. „Und ich habe mir vorgestellt, dass seine Fabriken noch ziemlich ruiniert sind und so eine passende Kulisse für meinen Song geschaffen wurde“, erklärt Thomas „Dolby“ Morgan Robertson. „Wenn ich jemanden beleidigt habe, entschuldige ich mich!“

Mittlerweile eine Goldstaub-Platte

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Das Lied wurde kein Hit – und trotzdem weltbekannt. Bei Dolby sowie Stewart und Gaskin gehört „Leipzig“ immer noch zum Live-Repertoire, und die Vinyl-Platten werden wie Goldstaub gehandelt. Nur hierzulande hat davon kaum jemand etwas mitbekommen. Offenbar hat es der Song damals nicht durch den Eisernen Vorhang geschafft. Trotzdem ein Grund zum Feiern, schließlich wird „Leipzig“ jetzt 40 Jahre alt.

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