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Wenn der DDR-Rufname plötzlich verschwunden ist

Steht der Rufname nicht an erster Stelle, wird das oft zum Problem. Wie Betroffene die Reihenfolge ihrer Vornamen ändern lassen können.

© Karl-Josef Hildenbrand/dpa (Symbolbild)

Etwa jeder vierte Deutsche hat zwei Vornamen – manche sogar noch mehr. Eigentlich eine schöne Tradition, die jedoch zu Problemen führen kann. Nämlich dann, wenn der Rufname nicht an erster Stelle steht. Vor allem ältere Menschen, die in der DDR geboren wurden, bekommen dies bei Behördengängen, Bankgeschäften oder Flugbuchungen in den vergangenen Jahren häufig zu spüren. Wie Tabea Richter aus Gornau bei Chemnitz.

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In der Geburtsurkunde der 70-Jährigen steht ihr vollständiger Name: Anneliese Tabea Richter. Ihren Rufnamen Tabea hatte man – so wie es früher üblich war – in ihren Ausweisdokumenten unterstrichen. Alles lief gut – bis vor zwei Jahren. Da entdeckte die Rentnerin eher zufällig auf den Kontoauszügen ihrer Bank den Namen Anneliese Richter. „Ich wurde natürlich stutzig. Wie konnte das sein?“, erzählt die Rentnerin. Sie erinnerte sich daran, dass 2019 bei der Einrichtung eines Dauerauftrags ihr Ausweis eingelesen wurde. „Dabei muss das umgestellt worden sein. Eine andere Erklärung habe ich nicht“, so Richter.

Seitdem wird sie bei ein und demselben Institut mit zwei verschiedenen Namen geführt. Das Durcheinander führt so weit, dass die Bank ihr auf Tabea Richter personalisierte Überweisungsträger in einem Brief zuschickte, der an Anneliese Richter adressiert war. „Das kann doch nicht wahr sein“, ärgert sie sich. „Wenn jeder einfach jeden Namen verwenden kann, öffnet das doch Lug und Trug alle Türen.“

Nicht immer alle Vornamen übertragen

In vielen Familien ist es noch immer üblich, den ersten Namen eines Kindes etwa nach den Großeltern zu bestimmen – und der zweite oder dritte Name wird dann zum Rufnamen. Das Problem: Der Begriff Rufname wird zwar umgangssprachlich überall verwendet, im Bundesmeldegesetz kommt er aber gar nicht vor. Lange Zeit war das egal. Hatte jemand mehrere Vornamen, wurde bei der Erstellung von Pässen und Personalausweisen in der maschinenlesbaren Zeile am unteren Rand nur ein Vorname erfasst. „In der Regel wählte man hier den Rufnamen. Er war also in den Dokumenten eindeutig zu erkennen, obwohl er nicht ausdrücklich so bezeichnet wurde“, sagt Heiko Jünger vom Standesamt in Chemnitz.

Mit der Einführung des Ausweises im Chipkartenformat änderte sich das jedoch. Ab 1. November 2010 konnten Eltern zwar noch immer bestimmen, welcher der Rufname ihres Kindes sein sollte. Durch die neue Richtlinie waren sie aber praktisch gezwungen, den ersten Namen dafür zu verwenden. „Beim Einlesen der Ausweispapiere wurden nun alle vorhandenen Namen gleichberechtigt eingetragen, und zwar in der Reihenfolge, die auf der Geburtsurkunde festgelegt war“, sagt Jünger. Teilweise konnten aufgrund der begrenzten Zeichenzahl nicht immer alle Vornamen übertragen werden. Der erste Name wurde quasi automatisch zum gebräuchlichen Rufnamen.

Immer mehr Beschwerden

So erlebte es auch Tabea Richter. Weil ihr Personalausweis abgelaufen war, musste sie sich 2014 einen neuen ausstellen lassen. Da galt bereits die neue Regelung. „Nach der Reihenfolge der Namen hat niemand gefragt“, sagt sie. Plötzlich sah sie sich mit einem Namen konfrontiert, der ihr selbst eher fremd war. „Ich konnte doch nicht einfach auf einmal überall mit Anneliese unterschreiben.“

Aber warum das alles? Die maschinenlesbare Zeile auf dem Ausweis wurde auf ein neues Verfahren umgestellt – und zwar entsprechend den Vorgaben der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation. Laut Bundesinnenministerium sei dadurch sichergestellt, dass die deutschen Ausweise und Pässe, zum Beispiel bei Grenzkontrollen, maschinell gelesen werden können.

Für das Eröffnen oder Schließen eines Bankkontos, die Ausfertigung von Kraftfahrzeugbriefen oder gar für Bewerbungen sei sie nicht relevant, hieß es damals in einer Einschätzung des Ministeriums. Allerdings häuften sich in den Folgejahren die Beschwerden, weil Betroffene erhebliche Probleme bekamen.

So verwenden Fluggesellschaften beispielsweise konsequent den ersten Vornamen, auch wenn es gar nicht der ist, der im Alltag gebräuchlich ist. Das kann beim Einchecken möglicherweise zu Ärger führen. Die Politik lag mit ihrer Einschätzung also ziemlich daneben.

Die Konsequenz: Seit 1. November 2018 kann jeder, der mehrere Vornamen hat, deren Reihenfolge beim Standesamt ändern lassen. Geregelt ist das in dem neu eingeführten Paragrafen 45a Personenstandsgesetz. „Der Antrag ist vergleichsweise unkompliziert“, sagt Jünger. Betroffene könnten damit leichter erkennbar machen, welcher Name der Rufname ist. Dritte, die immer den ersten Vornamen verwenden, nutzen also automatisch wieder den Rufnamen. Eine Begründung für die Änderung benötigt man nicht.

Heiko Jünger erklärt, wie das Verfahren abläuft: „Wer die Folge seiner Vornamen ändern möchte, muss mit seiner Geburtsurkunde zum Standesamt des Geburtsorts gehen. Wer verheiratet ist, zusätzlich mit der Heiratsurkunde.“ Die Erklärung zur Vornamensortierung werde dann zusammen mit einem Standesbeamten ausgefüllt. „Wer nicht mehr in seinem Geburtsort lebt, kann sein örtliches Standesamt aufsuchen“, empfiehlt Jünger. Die Anträge würden für die Bearbeitung an das jeweilig zuständige Amt weitergeleitet.

Neuer Pass nötig

Allein in Dresden seien seit der Einführung 326 Umsortierungen von Vornamen beurkundet, teilte das Standesamt mit. In Zwickau waren es 102. In Chemnitz sind es rund 150 Fälle pro Jahr. Umsonst ist dieser Service allerdings nicht. Die Gebühren für die Bescheinigung variieren je nach Bundesland. In Sachsen liegen sie laut Behörden bei 25 Euro. „Hinzu kommen in der Regel zehn Euro für eine neue Geburtsurkunde und bei Verheirateten noch einmal zehn Euro für eine neue Eheurkunde. Denn diese müssen ebenfalls aktualisiert werden“, erklärt Jünger. Bis die Erklärung wirksam werde, dauere es etwa eine Woche.

Mit der Änderung wird der bisherige Personalausweis ungültig. Daher muss auch ein neuer Pass beantragt werden. Für beide Dokumente zusammen werden noch einmal 96 Euro fällig. „Sinnvoll ist es daher, die Neusortierung im selben Jahr zu beantragen wie ein neues Ausweisdokument“, rät Jünger. Das hat auch Tabea Richter vor, deren Personalausweis im Jahr 2024 abläuft. „Wobei ich mich sehr darüber ärgere, dass ich auf den Kosten für alle Dokumente sitzen bleibe. Es ist doch gar nicht mein Verschulden!“

Damit nicht genug. Wer sich für die Umsortierung der Vornamen entscheidet, ist auch verpflichtet, weitere Einrichtungen, wie Hausbank, Krankenkasse, Versicherung und Rentenstelle, über die Änderung zu informieren.

Eine Ausnahme gibt es übrigens für Vornamen, die mit Bindestrich miteinander verbunden sind. Sie müssen auch nach der Gesetzesänderung in der von den Eltern bestimmten Reihenfolge bleiben. Es ist auch nicht erlaubt, die Schreibweise der Vornamen zu ändern oder einen Bindestrich hinzuzufügen oder zu streichen. Ausgeschlossen bleibt außerdem die Möglichkeit, Vornamen hinzuzufügen oder einfach wegzulassen. Diese Änderungen sind weiterhin nur möglich, wenn ein schwerwiegender Grund vorliegt.

Für junge Eltern sollte daher gelten: Wer seinem Kind mehrere Vornamen geben möchte, sollte den gewünschten Rufnamen am besten an die erste Stelle setzen.

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