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Wie ich mich am 9. November geirrt habe

Den Mauerfall hielt er erst für eine Intrige der DDR: Wie man sich in der Geschichte täuschen kann, erzählt der Schriftsteller Lutz Rathenow im Gastbeitrag.

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„Da sagt einer, die Grenze ist offen.“ – Ein Paar in einem aus Ost-Berlin kommenden Wartburg wird am 9. November 1989 von jubelnden Menschen im Westteil der Stadt begrüßt. Kurz zuvor war die Mauer gefallen.
„Da sagt einer, die Grenze ist offen.“ – Ein Paar in einem aus Ost-Berlin kommenden Wartburg wird am 9. November 1989 von jubelnden Menschen im Westteil der Stadt begrüßt. Kurz zuvor war die Mauer gefallen. © imago

Von Lutz Rathenow

Wo waren Sie an diesem Abend? Eine Frage, die zum 9. November 1989 sehr oft gestellt wird. Die Zeit davor war eine lebendige, aufgeregte Zeit, die täglich neue Sensationen brachte, sozusagen eine Dauerstörung der Normalität. Die DDR begann durchzudrehen und die Macht über sich zu verlieren. Am 4. November 1989 die riesige Demo in Berlin, frech und SEDreformerisch gleichermaßen. Mein klitzekleiner Verdienst an ihrer Gestaltung: hinter den Kulissen im Vorbereitungsraum dem neugegründeten ungarischen liberalen Jugendverband zum Verlesen einer Grußadresse zu verhelfen. Ihr Vertreter durfte dies dann, als mich Rolf Hochhuth als „Welt“-Reporter unterstützte. Alles wurde live im Ostfernsehen übertragen, und Leipzig war zur gleichen Zeit für Westjournalisten immer noch eine gesperrte Zone.

Am 9. November sah ich das Schabowski-Gestammel im Fernsehen. Zwei Gedanken: Die wissen nicht mehr, was sie sagen. Und „sofort“ hieß: Am nächsten Tag, im Rahmen der DDR-Behördenöffnungszeiten würden wohl Pässe ausgegeben. An der Grünen Grenze machte sich an diesem Abend keine Gruppe von Menschen auf den Weg Richtung Westen. Nur Leute in Berlin kamen auf den Gedanken, Schabowskis „sofort“ als SOFORT einzufordern. Ich ging zu einem Bürgerrechtler in die Torstraße, die damals noch Wilhelm-Pieck-Straße hieß. Er hatte eine große Wohnung. Das war wichtig, weil an dem Abend Parlamentarier des Europaparlaments-Kommunisten und Sozialisten aus Italien und Frankreich zu Gast waren. Dazu DDR-Oppositionelle, die Diskussion betraf die Gestaltung der Zukunft der Menschheit und der DDR. Die Ablösung von Honecker verhieß Sozialismus mit menschlichem, reformerischem Antlitz. Die französischen und italienischen Abgeordneten betrachteten uns als Avantgarde.

Lutz Rathenow, 1952 in Jena geboren, war von 2011 bis 2021 Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen.
Lutz Rathenow, 1952 in Jena geboren, war von 2011 bis 2021 Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen. © dpa

In diese aufgeregte Debatte, mit pragmatischen Schwarmdämpfern von deutscher Seite, kam ein Getuschel auf. Es flüsterte: „Da sagt einer, die Grenze ist offen.“ Irgendwann drang das Gerücht zu den wichtigen Diskutanten vor, die das Gespräch strukturierten. Es wurde unwirsch aufgenommen, nach dem Motto: Wir planen die Zukunft der Menschheit, da öffnet die DDR die Mauer?

Doch der Raum fing schnell an, sich zu leeren, und ich sagte: Die Leute wollen weder einen verbesserten, noch einen reformierten – die wollen gar keinen Sozialismus.“ Das wusste ich von meinen Eltern und deren Bekannten aus Jena, das wusste ich aus Thüringen. In Berlin gab es unter den Intellektuellen andere Meinungen. Hier wäre sicher eine linke Variante mehrheitsfähig gewesen, aber Ostberlin war nicht die DDR.

"Wir lassen uns nicht in den Westen locken"

Ich verließ die Wohnung, machte mich nicht auf nach Westberlin. Ich schätzte die DDR als skrupellos, bösartig und hemmungslos ein, ich hielt das alles für eine Intrige. Ich fand es clever, nach Hause zu gehen, anstatt wie Hunderttausende nach Westberlin. Am nächsten Tag würde die Mauer dichtgemacht werden und Westberlin hätte ein Problem. Die DDR würde den Westen zu ihrer zur Anerkennung zwingen – eine Bevölkerungsentleerung betrieb man im Kleinen seit Jahren, in dem politische Gefangene verkauft wurden und wichtige Ausreiseanträgler auch.

Ich sah mich später auch darin bestätigt, dass am Übergang Bornholmer Straße anfangs Grenzbeamte die Ausweise über dem Passbild abstempelten – bestimmt mit der Absicht, diese Leute nicht zurückzulassen. Ich unterschätzte aber die Eigendynamik der Situation. Meine Frau war sehr aufgeregt, ich meinte nur trotzig: „Wir fallen darauf nicht rein, das machen die nur wegen Leuten wie uns, damit sie die loswerden. Wir lassen uns nicht in den Westen locken.“

Gewöhne dir ab, immer recht zu haben

Ich sah einen Freund aus Jena in einer Sondersendung aus Westberlin auf dem Bildschirm. Irgendwann war die Sendung zu Ende, irgendwann klingelte es, der Freund stand vor der Tür. Er blieb nicht der einzige: Es begann eine Fluchtwelle von Westberlinerinnen und Westberlinern, die Einreiseverbot hatten, es kam in den nächsten vierzehn Tagen Besuch auf Besuch. Von drüben, was nun kein „drüben“ mehr war. Erst, als am 10. November nach Mitternacht der Freund Roland Jahn vor unserer Tür stand, war mir klar: Das ist der DDR entglitten, die haben die Kontrolle verloren. Unglaublich. Diesem Staat mit seinem Machtpotenzial gelingt es nicht mehr, die Grenze zu kontrollieren.

Als ich später schlafen ging, würde ich in einem anderen Staat als am Vortag aufwachen. Ein anderer Gedanke brauchte länger zur Formulierungsreife: Du hast Dich geirrt mit deiner Einschätzung zur Maueröffnung. Gerade weil du oft nicht ganz schief liegst bei der Beurteilung politischer Lagen, gewöhne dir ab, immer recht zu haben. Gerade in Momenten des Triumphes.

Auszug aus: Lutz Rathenow „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln. Mein Leben in Geschichten“, Kanon-Verlag, 271 S., 24 Euro.