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Wie zu DDR-Zeiten Platten in den Westen kamen

Der Bonner Jazzhistoriker Rainer E. Lotz verdankt Teile seiner Schellackplatten-Sammlung den Tricks seines sächsischen Freundes.

Schellackplatten-Experte Rainer E. Lotz bekam einst auf geheimen Wegen Platten aus Dresden, jetzt kommt er für einen Vortrag in die Stadt.
Schellackplatten-Experte Rainer E. Lotz bekam einst auf geheimen Wegen Platten aus Dresden, jetzt kommt er für einen Vortrag in die Stadt. © privat

Von Gunnar Leue

Vor rund einhundert Jahren war die Schallplatte das fast unangefochtene Unterhaltungsmedium der Moderne, denn Rundfunk und Tonfilmkino entwickelten sich erst ab den 1920er-Jahren zu Massenmedien. Töne jeglicher Art wurden in Rillen gepresst: Opern, Tanz- und Filmmusik, Kinderlieder, Humor und Kleinkunst.

Auf Tonpostkarten, Bild-, Selbstaufnahme-, Sprechpuppenplatten und besonders Schellackplatten. Sie waren der entscheidende Wegbereiter der musikalischen Massen-, ergo Popkultur. Vor allem der Aufschwung von Jazz und Schlager ist ohne dieses Medium undenkbar.

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Werbung für die Karl-May-Spiele

Deutschland galt vor und nach dem Ersten Weltkrieg als international führender Hersteller und Exporteur von Schallplatten. Zentren der Sprechmaschinen- und Schallplattenindustrie waren Hannover, Berlin und Leipzig. „Im gesamten sächsischen Raum mit ihrer starken Heimindustrie wurden viele Sprechmaschinen und Orchestrions hergestellt. Für die brauchten die Hersteller auch Schallplatten, um sie vorstellen zu können“, sagt Rainer E. Lotz, der Herausgeber des fünfbändigen „Bilderlexikon der deutschen Schellack-Schallplatten“.

In Dresden hatte beispielsweise die Firma P. H. Hanhn & Co 1908 das Warenzeichen „Kosmophon“ für ihre Sprechapparate und Schallplatten angemeldet. Schellackplatten wurden bald für alles Mögliche genutzt. Auch der Sächsische Gemeinde-Kulturverband in Dresden warb für die Karl-May-Spiele auf der Felsenbühne Rathen mit Schallplatten.

Rainer E. Lotz fasste sein Wissen im "Bilderlexikon der deutschen Schellackplatten" zusammen.
Rainer E. Lotz fasste sein Wissen im "Bilderlexikon der deutschen Schellackplatten" zusammen. © Lotz

Politische Gruppierungen entdeckten die Schallplatte als Propagandamedium. Eine Proletarische Schallplattenzentrale in Berlin vertrieb 1929/30 unter der Bezeichnung „Versandhaus Arbeiter-Kult“ kommunistischen Agitprop, während der Nationale Schallplatten-Dienst von 1931 bis 1933 NS-Lieder und Ansprachen von NSDAP-Führern auf Bild- und Tonplatten veröffentlichte. Das 1936 in Dresden gegründete, der NSDAP nahestehende „Heimatwerk Sachsen“ hatte sich der Idealisierung ländlicher Lebensformen verschrieben und veröffentlichte 1937 zum Beispiel die Platte „Der Milchmann/Der Maurer“.

Nazis verbieten Platten-Herstellung

Der Aufstieg der Nazis hatte vor allem für jüdische Firmen gravierende Folgen. Nach 1933 konnten nur zwei kleine Berliner Firmen unter Aufsicht der Gestapo weiter existieren. Nach der sogenannten Reichskristallnacht 1938 waren Produktion und Verkauf von Schallplatten endgültig verboten, so Rainer E. Lotz. Der 84-jährige Bonner Kulturwissenschaftler und Plattensammler war früher Berater für Entwicklungsbanken und Beamter im Entwicklungshilfeministerium, seine Plattensammelei hatte er nicht zuletzt bei seinen vielen Reisen um die Welt stets nebenher betrieben.

Genau wie seine akribische Forschung zum Beispiel über die Ursprünge des Jazz außerhalb der USA oder über die jüdische Musik in Nazideutschland. Im Rahmen der Jüdischen Woche wird er am Sonntag im Societaetstheater Dresden zu Letzterem einen Vortag halten.

Blick in die Sammlung von Rainer E. Lotz.
Blick in die Sammlung von Rainer E. Lotz. © Lotz

Er beleuchtet dann die Geschichte des Semer-Labels, das um 1932 in Berlin gegründet wurde und bis 1938 jüdische und hebräische Schlager, Opernarien und kantorale Musik veröffentlichte. Nur wenige Schellackplatten des von Hirsch Lewin geführten Labels überstanden den Holocaust. Sie sind in der Edition „Beyond Recall: Dokumentation jüdischen Musiklebens in Berlin 1933 – 1938“ bei Bear Family Records 2001 wiederveröffentlicht worden.

Lotz hat daran maßgeblichen Anteil, da er nicht nur in aller Welt Schellackplatten zusammentrug, sondern auch viele unbekannte Informationen aus den zuvor oft unbeleuchteten Randgebieten von Jazz- oder jüdischer Musik. Auf die Art hat er auch die Geschichte einer geheimnisvollen deutschen Nazi-Swingband recherchiert.

Goebbels und sein Swing-Orchester

Es handelt sich um Charlie & his Orchestra, das vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1939 gegründet worden war. Eigentlich war Swing im Nazireich verboten, da er als „entartete Niggermusik“ galt. Dass Goebbels trotzdem ein Swing-Orchester zusammenstellte, lag daran, dass er es für Propagandazwecke brauchte. Der Deutsche Kurzwellensender richtete sich mit seinem englischsprachigen Programm an Hörer in Großbritannien und Amerika, um sie mit Meldungen, antisemitischen Spottsketchen und Propaganda zu beeinflussen.

Da man zur musikalischen Umrahmung schwerlich deutsche Märsche verwenden konnte, nutzte man den für die eigene Bevölkerung verbotenen Swing. Natürlich ging das doppelbödige Spiel so weit, dass Charlie & his Orchestra nie öffentlich auftraten. Die von der Band rund 270 eingespielten Platten, die auch an Radiosender in von Hitler besetzten Ländern gingen, sind sehr rar, weil sie auch nie in den Handel kamen.

Rainer E. Lotz fand sie unter anderem in Athen, Belgrad oder Belgien. „Die Musiker des Swing Orchesters kamen aus Deutschland und Europa, teilweise waren sie in die Band gepresst worden und wollten nach dem Krieg ungern darüber reden“, erzählt Lotz, der die Geschichte mit einem Co-Autor als englischsprachiges Buch „Hitlers Airwaves“ veröffentlichte. Erschienen ist es 1997 beim Verlag Yale University Press in den USA.

Ein Sammelobjekt aus Frankfurt: Schellackplatte trifft Ansichtskarte.
Ein Sammelobjekt aus Frankfurt: Schellackplatte trifft Ansichtskarte. © Lotz

Die Sammlertätigkeit trieb den Westdeutschen vor dem Mauerfall auch mehrfach in die DDR, wo er in Dresden seit 1972 einen Plattenfreund hatte. Bernd Meyer-Rähnitz, der seit 30 Jahren den jetzt in Radebeul ansässigen Bibliophilen-Verlag „albis international“ betreibt, sagt über den Bonner: „Wir sind Brüder im Geiste.“ Der Sachse hat dem Jazzhistoriker Rainer Lotz nicht nur für sein Schellack-Lexikon zugearbeitet, sondern selbst Bücher zum Thema herausgegeben, zum Beispiel eine Diskografie der Schellackplatten von Amiga und Eterna.

Geheime Wege von Ost nach West

Ihr intensiver Warentausch erfolgte mit einem ausgeklügelten Trick. Um die Jazz-Schellacks in den Westen zu bekommen, hatte der Psychologe Bernd Meyer-Rähnitz empfohlen, die Sache quasi superoffiziell abzuwickeln. Deshalb schickte er die Platten per Post und deklarierte sie als Leihgabe eines gar nicht existierenden Brecht-Weill-Archivs zur wissenschaftlichen Auswertung in der Bundesrepublik. Die Namen der beiden renommierten Künstler waren in der DDR sakrosankt und auch den Zöllnern bekannt, die dem Schwindel letztlich glaubten.

Werbe-Anzeige einer Schellackplatte:n-Firma aus dem Erzgebirge.
Werbe-Anzeige einer Schellackplatte:n-Firma aus dem Erzgebirge. © Lotz


Was den Ost- und den Westdeutschen zudem eint, ist das Anliegen, ihr Spezialwissen über seltene Aspekte der Schallplattenhistorie der Nachwelt zu vermitteln. Teile der umfangreichen Sammlung von Rainer E. Lotz sind inzwischen sogar in renommierten Bibliotheken und Archiven gelandet, beispielsweise in der Library of Congress in Washington. Einige Platten hat er an das Literaturarchiv in Marbach veräußert (darunter eine Testpressung von Tucholsky mit einer handschriftlichen Widmung für seine Mutter) und etliche Platten mit jüdischer Musik aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik nach New York, nachdem deutsche Institutionen abgewinkt hatten.

50.000 Platten im Keller

Rainer E. Lotz betrachtet das als Ausdruck von Geringschätzung von Schallplatten als wichtigem Teil des nationalen Kulturerbes. Dabei seien viele Schallplatten seltener als die Gutenberg-Bibel.

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Er selbst verfügt noch über rund 50.000 Platten im Keller seines Bonner Einfamilienhauses. Und natürlich will er trotz seines fortgeschrittenen Alters weiterhin Vorträge halten. Als vielfach ausgezeichneter Musik- und Schallplattenhistoriker – der unter anderem 2015 eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best Historical Album“ erhielt und seit Kurzem Ehrendoktor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar ist - ist als anerkannter Experte in aller Welt gefragt. Ob in China, wo er kurz vor der Pandemie auf einer Konferenz über Schellackschallplatten referierte, oder eben in Dresden am 3. Oktober.

Rainer E. Lotz hält seinen Vortrag am 3.10. ab 18 Uhr im Dresdner Societaetstheater. Dort wird ab 20.30 Uhr ein All-Star Semer Ensemble alte Aufnahmen, die es rekonstruierte und neu arrangierte, live spielen.

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