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Wismuts letzter Stoff

Die DDR war der viertgrößte Uranproduzent der Welt. Der Staat ist längst Geschichte. Die Uran-Ära endete erst jetzt - in Königstein.

Historischer Moment: Dieser Tage fließt die letzte Portion Urangemisch durch diese Leitung der Wismut in Königstein. Nach 75 Jahren endet damit die Urangewinnung in Deutschland.
Historischer Moment: Dieser Tage fließt die letzte Portion Urangemisch durch diese Leitung der Wismut in Königstein. Nach 75 Jahren endet damit die Urangewinnung in Deutschland. © SZ/Jörg Stock

Männer in weißen Overalls stehen auf einem grünen Stahlzylinder. Der Zylinder trägt das Zeichen des Flügelrads und den Totenkopf. Die Männer haben Sprühflaschen mit Dekontaminationslösung dabei, die sie eifrig benutzen. Der Einsatz für alle, die unten stehen und eine Kamera dabei haben. An diesem Tag sind das so viele wie selten in der Geschichte der Wismut am Königstein. Ob Bild, FAZ oder Neues Deutschland - alle wollen das Ende einer Ära mit ansehen, der Ära Deutschlands als Uranproduzent.

Dieser Tage leeren sich am Königsteiner Standort der Wismut GmbH in Leupoldishain zum letzten Mal die Silos des Betriebsteils Uranentsorgung. Seit Mitte Mai wird der Inhalt der Zwillingstürme auf Spezialsattelzüge verladen, die damit das tschechische Dolni Rozinka ansteuern. Dort entsteht aus dem Königsteiner Produkt das Yellowcake, der Grundbaustein für Kernbrennstoffe.

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Begehrtes Fotomotiv: Nach dem Einfüllen der Uran-Suspension reinigen Mitarbeiter der Königsteiner Wismut in Schutzanzügen die Außenseite des Transportcontainers.
Begehrtes Fotomotiv: Nach dem Einfüllen der Uran-Suspension reinigen Mitarbeiter der Königsteiner Wismut in Schutzanzügen die Außenseite des Transportcontainers. © Steffen Unger

Die Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut war einst der viertgrößte Uranlieferant auf dem Globus. Bis 1990 wurden 218.000 Tonnen Konzentrat für die sowjetische Atomindustrie produziert, vorrangig für den Einsatz in Kernwaffen. 18.000 Tonnen kamen aus Königstein. Dann war der Kalte Krieg aus, und der Uranbergbau auch. Nur in Königstein ging die Produktion weiter. In den letzten dreißig Jahren sind noch einmal rund 2.000 Tonnen Konzentrat angefallen.

Schwefelsäure löst Uran direkt im Berg

Es war eine Produktion wider Willen, erklärte Michael Paul, der Technische Geschäftsführer des nunmehrigen Sanierers Wismut, anlässlich der finalen Verlade-Aktion. Denn in Königstein war eine weltweit einmalige Abbaumethode betrieben worden: das chemische Herauslösen des Urans in einem zuvor konventionell betriebenen Bergwerk.

"Das Uran strahlt uns durch den Tank an." Strahlenschutzfachmann Norman Kinal misst die Dosisleistung am Fahrzeug.
"Das Uran strahlt uns durch den Tank an." Strahlenschutzfachmann Norman Kinal misst die Dosisleistung am Fahrzeug. © Steffen Unger

Schon bald nach der Eröffnung in den 1960ern stellte sich die Existenzfrage für den Standort. Der Urangehalt schwand. Man suchte Wege, den Abbau effizienter zu gestalten. Die Idee: das Gestein in der Tiefe belassen und das Uran an Ort und Stelle mit einer schwefelsauren Lösung auswaschen.

Ein Bergwerk muss in die Waschmaschine

1984 stellte der Betrieb komplett auf Laugung um. Gesteinsblöcke, groß wie Hochhäuser, wurden untertage aufgesprengt, um der Säure Angriffsfläche zu bieten. Ein System von Zuleitungen, einer großen Duschbrause ähnlich, benetzte den Sandstein. Die durchgesickerte Flüssigkeit wurde gesammelt, das Uran abgetrennt und die Lauge erneut in den Berg geschickt.

Urangewinnung mittels Laugung: Ein Bergmann der Wismut kontrolliert in den 1980er-Jahren das Leitungssystem in der Königsteiner Grube.
Urangewinnung mittels Laugung: Ein Bergmann der Wismut kontrolliert in den 1980er-Jahren das Leitungssystem in der Königsteiner Grube. © Foto: Wismut GmbH

Als das Aus für die alte Wismut kam, pulsierte unter Königstein ein gigantischer Kreislauf der Elemente. "Dieser Prozess ließ sich nicht einfach abschalten", sagt Michael Paul, der heutige Wismut-Chef. Für die Sanierung des Standorts bot sich nur ein Weg an: Den Kreislauf erhalten und die Grube mit Grundwasser so lange spülen, bis sie sauber ist.

Nach dem Füllen: Urantank wird "abgebügelt"

So kam es, dass mit dem zu reinigenden Grubenwasser weiterhin Uran an der Oberfläche ankam. Statt es zu deponieren, entschied sich die Wismut, den Stoff zu verkaufen. Dabei handelt es sich keineswegs um ein reines Produkt, sondern um eine milchig-gelbe Suspension aus Wasser und Schlamm mit etwa zwanzig Prozent Uran, im Jargon Slurry genannt.

Ein Bergbaugigant: Das Hauptbetriebsgelände der Wismut im Königsteiner Ortsteil Leupoldishain kurz nach der Wende im Sommer 1991.
Ein Bergbaugigant: Das Hauptbetriebsgelände der Wismut im Königsteiner Ortsteil Leupoldishain kurz nach der Wende im Sommer 1991. © Foto: Wismut GmbH

Dieses Slurry befindet sich auch in dem grünen Tank, auf dem die Männer mit den weißen Overalls hantieren. Rund zwanzig Tonnen davon haben sie in den Behälter gepumpt. Mit den Sprühflaschen beseitigen sie nun eventuelle Verunreinigungen. Anschließend wird der Behälter "abgebügelt". So nennt man den Einsatz des Messgeräts, das die Oberflächenkontamination misst, weil es mit seinem Henkelgriff an ein Bügeleisen erinnert.

Der Weg des Urans verliert sich

Seitlich an der Wandung steht Norman Kinal. Als Strahlenschutzbeauftragter sorgt er dafür, dass alles sicher ist für den Transport. Immerhin befinden sich etwa vier Tonnen Uran in dem Behälter. Wie gefährlich ist das? Als Antwort hält Kinal einen dicken Metallstab gegen die Tankwand. Der Laie würde Geigerzähler dazu sagen. Er sagt Dosisleistungsmessgerät.

Die Königsteiner Wismut heute: In der Bildmitte sind die Doppeltürme der Uranentsorgung zu erkennen. Der Komplex wird wohl 2022 abgerissen.
Die Königsteiner Wismut heute: In der Bildmitte sind die Doppeltürme der Uranentsorgung zu erkennen. Der Komplex wird wohl 2022 abgerissen. © Foto: Wismut GmbH

Das Gerät zeigt 1,31 Mikrosievert pro Stunde an. Ob das viel ist? Jedenfalls deutlich mehr als die natürlichen 0,1 an diesem Standort. "Das Uran strahlt uns aus dem Tank an", sagt Kinal. Trotzdem keine Gefahr. "Wir könnten hier noch tausend Stunden stehen und reden." Er sogar noch viel länger, weil seine erlaubte Jahresdosis als Fachperson sechsmal höher ist als die eines Normalos.

Das Riesenfass trägt zwar grelle Warnzeichen. Allerdings für Stoffe mit geringer Aktivität. Natürliches Uran, wie es hier aus der Königsteiner Tiefe kommt, besteht fast gänzlich aus dem Isotop 238, das nicht direkt spaltbar ist. Der brisante Anteil, das Uran 235, liegt bei 0,7 Prozent. Man müsste es anreichern, damit es für Reaktoren taugt. In Deutschland ist dieser Prozess nicht erlaubt.

Soll auch bald verschwinden: Das kolossale Verwaltungsgebäude aus DDR-Zeiten. Zuvor müssen aber Fledermäuse und Schwalben umziehen.
Soll auch bald verschwinden: Das kolossale Verwaltungsgebäude aus DDR-Zeiten. Zuvor müssen aber Fledermäuse und Schwalben umziehen. © Steffen Unger

Es sind viele Schritte, die das Königsteiner Uran von einem fertigen Produkt trennen. Welchen Weg es von der Aufbereitung in Tschechien aus nimmt, kann die Wismut nicht genau sagen. Seit 1997 gibt es nur einen einzigen Abnehmer, die US-amerikanische Firma Nuclear Fuels Corporation. Kontrolliert wird der Handel von der Europäischen Atomgemeinschaft und der Internationalen Atomenergiebehörde. "Über die weitere Verwendung liegen uns keine Informationen vor", sagt Wismut-Sprecher Frank Wolf.

Als sich der Truck mit seiner Uranladung in Marsch setzt, klicken noch einmal alle Foto-Apparate. Obwohl es noch nicht der allerletzte Truck ist - ein bisschen Slurry steckt noch drin im Silo. Doch neues kommt nicht mehr hinzu. Der Urangehalt im Grubenwasser ist inzwischen so gering, dass eine Abtrennung weder nötig noch sinnvoll ist. Der Schlamm aus der Bergwerkswaschmaschine kommt künftig komplett auf die Halde.

"Keine Ewigkeitslasten für die Nachwelt." Carsten Wedekind, Chef am Standort Königstein, weiß, dass es noch viel zu tun gibt.
"Keine Ewigkeitslasten für die Nachwelt." Carsten Wedekind, Chef am Standort Königstein, weiß, dass es noch viel zu tun gibt. © Steffen Unger

Abseits vom Trubel steht Carsten Wedekind. Er ist der Chef des Königsteiner Standorts. Dass ein dreiviertel Jahrhundert Uranproduktion aus ist, regt den kernigen alten Wismuter, seit 45 Jahren dabei, nicht sonderlich auf. Es gibt noch viel zu tun. Etwa den Abriss der einstigen Verwaltungszentrale aus DDR-Zeiten. Der Riesenklotz steht genau vor Wedekinds Bürofenster, was er als Kampfansage versteht. Nächstes Jahr geht er in Rente. "Das Ding will ich noch fallen sehen."

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