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Zwischen Honigfalle und Straßenstrich

Ein Buch untersucht jetzt die vielfältigen Formen von Prostitution, die es in der DDR trotz eines offiziellen Verbots gab.

Frühjahrsmesse 1969 in Leipzig. Nicht nur während der Messen hatten Prostituierte in der DDR viel zu tun.
Frühjahrsmesse 1969 in Leipzig. Nicht nur während der Messen hatten Prostituierte in der DDR viel zu tun. © imago

Von Yvonne Fiedler

Wenn von Prostitution in der DDR die Rede ist, kommen schnell die „Honigfallen“ ins Gespräch: gut aussehende, gebildete, freizügige junge Frauen, die als vermeintliche Top-Agentinnen der Staatssicherheit reihenweise westlichen Diplomaten und Geschäftsleuten den Kopf verdrehten. Schon kurz nach der deutschen Wiedervereinigung tauchten in der Presse die ersten, durchaus voyeuristischen Berichte über diese Sirenen auf, die in geheimpolizeilichem Auftrag politisch und wirtschaftlich sensible Informationen vom „Klassenfeind“ abzapften. Bis heute stehen sie oft als Synonym für Prostitution in der DDR schlechthin.

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Dass diese vielfältigen Formen und die fantasiebefeuernden „Honigfallen“ nicht immer spionagetechnische Spitzenleistungen ablieferten, zeigt ein Buch von Steffi Brüning, die das Phänomen käuflicher Liebe in den Jahren von 1968 bis 1989 in den Städten Rostock, Berlin und Leipzig untersuchte. Die Rostocker Historikerin versucht darin, die facettenreichen Normen aufzuzeigen, unter denen Prostituierte als „Abweichende“ stigmatisiert und von verschiedenen staatlichen Stellen verfolgt und gemaßregelt wurden.

Models 1972 mit Mode aus Präsent 20 auf der Messe in Leipzig. Die DDR wollte sich weltoffen zeigen, sorgte auch dafür, dass männliche Westbesucher abseits offizieller Messe-Termine auf ihre Kosten kamen.
Models 1972 mit Mode aus Präsent 20 auf der Messe in Leipzig. Die DDR wollte sich weltoffen zeigen, sorgte auch dafür, dass männliche Westbesucher abseits offizieller Messe-Termine auf ihre Kosten kamen. © imago

Der Titel des Buches lässt einen etwas anderen Fokus vermuten, als ihn Steffi Brüning in ihrer Forschungsarbeit setzt. Es wird viel über normgebende Gesetze und Regularien, über Kontrollinstanzen und insbesondere den Einfluss der Staatssicherheit verhandelt. Erst vergleichsweise spät und weniger umfangreich erfährt der Leser etwas über den Lebensalltag, die Motive und Arbeitsbedingungen von Prostituierten. Geschuldet ist das sicher auch der unbefriedigenden Quellenlage: Die meisten konkreten Informationen über Prostitution in der DDR enthalten offenbar die (einseitigen) Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Dokumente anderer staatlicher Stellen sind rar, Privatüberlieferungen gibt es naturgemäß fast nicht und die Zeitzeuginnen selbst sind heute schwer ausfindig zu machen. Umso erstaunlicher ist es, dass Steffi Brüning immerhin vier Frauen als Interviewpartnerinnen gewinnen konnte.

Keine Stasi-Marionetten

Die Prostitution, stellt Brüning gleich eingangs klar, gab es in der DDR nicht. Anna W. ging auf den Straßenstrich, Rita K. hatte einen Zuhälter, Nina D. war eine „Honigfalle“, Magdalena M. quartierte sich regelmäßig in Prager Hotels ein, um dort „vermögenden Ausländern“ ihre Dienste anzubieten. Angesichts dieser unterschiedlichen Biografien und Einstiegsmotive versucht Brüning, die Frauen konsequent als Akteurinnen statt Opfer vorzustellen und ihre eigensinnigen Beweggründe auszuleuchten.

Dabei zeigt sie: Selbst Frauen, die ihren Körper im Auftrag der Staatssicherheit für Geld anboten, waren keine geheimdienstlichen Marionetten, sondern wussten die Situation für sich auszunutzen. Wer einen halbwegs selbstbestimmten Einstieg in die Prostitution gefunden hatte, den lockte die Aussicht auf westliche Produkte, Geld, einen gehobenen Lebensstil ohne regelmäßige Arbeit und auch der „Spaß“ am Ausgehen, Flirten und Feiern. Manche Frauen brachten es tatsächlich zu einem für DDR-Verhältnisse luxuriösen Lebensstandard. Andere boten sich aus purer Geldnot an und schafften es nie aus ihrem Milieu heraus.

Eine Bar 1968 im Ostteil Berlins. Auch in solchen Lokalen waren damals durchaus Damen unterwegs, die den Spaß am Ausgehen, Flirten und Feiern mit finanziellen Absichten verbanden.
Eine Bar 1968 im Ostteil Berlins. Auch in solchen Lokalen waren damals durchaus Damen unterwegs, die den Spaß am Ausgehen, Flirten und Feiern mit finanziellen Absichten verbanden. © IMAGO / Frank Sorge

Wie konnte käufliche Liebe in einem diktatorischen Staat, der Prostitution generell ab 1968 im berüchtigten Asozialen-Paragraf 249 unter Strafe stellte, derart blühen? Steffi Brüning beschreibt erstaunlich uninteressierte Staatsorgane, die Prostitution eher „nebenher“ verfolgten – fast ausschließlich dann, wenn die betreffenden Frauen außerdem keiner geregelten Arbeit nachgingen. Auch das sanktionierte der Paragraf 249, und das wurde scheinbar deutlich konsequenter geahndet als sexuelle Dienstleistungen. Auch vermischte sich aus der staatlichen Perspektive oft die Definition von Prostituierten mit sogenannten HwG-Personen, Menschen mit „häufig wechselnden Geschlechtspartnern“. Letztere sollten registriert und konnten sogar in geschlossene Krankenanstalten zwangseingewiesen werden. Auch wenn sie Sex nicht gegen Geld anboten, sondern nach heutigem Verständnis schlicht promisk waren, haftete ihnen unausgesprochen doch oft das Stigma von Prostituierten an

Frauen wurden unter Druck gesetzt

Staatssicherheit und die Abteilung K1 der Kriminalpolizei schließlich nutzten als „freizügig“ eingeschätzte Frauen in ihrem Sinne als Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Sie sollten bewusst Verhältnisse mit geheimdienstlich interessanten Männern aus dem In- und Ausland eingehen. Steffi Brüning beschreibt ausführlich einige Beispiele. Häufig wurden Frauen demnach unter Druck gesetzt und unter Androhung von Konsequenzen wegen anderer Vergehen für die Zusammenarbeit geworben.

In dem betreffenden Kapitel stellt sich aber mehrfach die Frage, ob die beschriebenen Frauen nach Brünings eigener Definition überhaupt als Prostituierte zu bezeichnen sind. Mindestens eine der IM sollte ausschließlich zu einer „Zielperson“ eine Beziehung aufbauen, bei der es um weit mehr als Sex gegen Bezahlung ging. Eine weitere Inoffizielle Mitarbeiterin war vor allem auf einen Kollegen der Kriminalpolizei angesetzt, den sie in eine Affäre verwickeln sollte, ohne von ihm bezahlt zu werden. So verwischen auch in Brünings wissenschaftlicher Untersuchung teilweise die Kategorien, ähnlich wie sie es in der gesellschaftlichen Meinung und staatlichen Definition in der DDR taten.

Spannender Schlussteil

Steffi Brünings Buch sensibilisiert vor allem für die Tatsache, dass in der DDR praktisch alle denkbaren Facetten von Prostitution Realität waren, obwohl die staatliche Propaganda das Gegenteil verlautbarte: Derart ausbeuterische Verhältnisse seien in einem sozialistischen System schlichtweg für niemanden nötig, weshalb sie auch nicht existierten.

In der ersten Hälfte des Buches muss der Leser sich noch durch langatmige Beschreibungen von Rechtsnormen im Wandel der Zeit und der Tätigkeit schlecht ausgestatteter Kontrollinstanzen arbeiten, um am Ende zu erfahren, dass diese Prostituierte eigentlich kaum erfassten und in erster Linie andere Normabweichungen sanktionierten. Wirklich spannend wird es vor allem im Schlussteil des Buches, der einen Einblick in unterschiedliche Lebenssituationen von Prostituierten gibt.

Das Buch: Steffi Brüning: Prostitution in der DDR 1968 bis 1989. be.bra Verlag. 320 Seiten, 28 €

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