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Debatte ohne Lust an der Kontroverse

Zum Auftakt der Literaturtage an der Neiße: Schriftsteller diskutieren in der Synagoge über Heimat und Grenzen. Und sind sich einig.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Sebastian Beutler

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Psychologin. Ihr Kenntnisse auf diesem Gebiet sind zum Auftakt der Literaturtage an der Neiße in der Görlitzer Synagoge besonders stark gefragt. Was sich denn gerade in Polen und Ungarn abspiele, fragt die Moderatorin, dass sich beide Länder am liebsten wieder hinter Grenzen zurückziehen. Doch da ist auch Olga Tokarczuk ratlos: „Ich weiß es auch nicht.“ Der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz hatte zuvor gesagt: „Die Polen werden zum Rätsel, auch für sich selbst.“ Sie rissen Brücken ab zu den Nachbarn und vertieften die Gräben in Europa. „Wenn wir nicht das Gespräch mit den Nachbarn suchen“, prognostiziert Gronicz, der Ende des Jahres eine Bürgermeisterwahl in Zgorzelec zu bestehen hat, „dann entstehen neue, hohe Mauern.“

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Sie abzubauen, darum geht es auch bei den Literaturtagen. Ihr Thema sind Grenzen, Grenzgebiete. Doch bis Sonntag geht es bei Lesungen, Filmaufführungen und Diskussionen um mehr: um Heimat und Europa, um Grenzen und Flüchtlinge, um Deutschland und Polen, um die Welt – und was die Menschen daraus machen. Antworten, so hatte Winfried Smaczny vom mitveranstaltenden Deutschen Kulturforum östliches Europa bereits vorab gesagt, Antworten wird es zwar auch geben, aber es werden etliche Fragen offen bleiben. So ist es, und doch bemühen sich neben Frau Tokarczuk auch der frühere deutsche Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye und der deutsch-irakische Autor Najem Wali am Donnerstagabend redlich um Antworten.

Beispielsweise auf die Frage, warum ein Begriff wie „Heimat“ solch eine Hochkonjunktur erfährt, dass selbst ein deutsches Innenministerium um diesen Begriff erweitert wurde. Am klarsten weiß die Görlitzer Brückepreisträgerin Olga Tokarczuk darauf eine Antwort. Die Welt sei zu groß geworden, den Menschen steige die Vielfalt über den Kopf, das seien zu große Schuhe. Daher beziehen sie sich wieder auf Kategorien, die sie überschauen können: eben Heimat. Bei ihr sei das genauso. „Wenn ich von einer Reise zurückkomme nach Niederschlesien, dann ist das genau die richtige Dimension, wo ich mich geborgen fühle.“ Zugleich sei ihr aber auch bewusst, dass dieses Niederschlesien vor 70 oder 80 Jahren zu einem anderen Land gehörte, das andere Menschen hier Heimat hatten, die ihre Heimat verlassen mussten. Leider kommen sie an diesem Abend zu wenig zu Wort. Uwe-Karsten Heye, der diesen Part als gebürtiger Reichenberger übernehmen hätte können, kann den Vertriebenen-Part aber kaum ausfüllen. Den Sudetengau der Nazis lehnt er ab, weswegen er jahrelang auf die Frage nach dem Ort seiner Herkunft Hamburg angab. Und Nadim Walis Perspektive ist eben stark von der arabischen Welt geprägt, auch wenn er bereits als 16-Jähriger Rilke-Gedichte in Basra las und seit 38 Jahren in Europa lebt. Er hat mittlerweile eine transportierbare Heimat gefunden: seinen Schreibtisch. Sagt aber auch: „Man verliert nicht die Heimat nur, weil man sie verlassen musste.“

So unterschiedlich der Heimatbegriff der drei Diskussionsteilnehmer ist, so einig sind sie sich ansonsten über den Abend. Europa: Ja, natürlich. Weiter ausbauen. Am besten zu den Vereinigten Staaten von Europa mit gemeinsamer Währung und gemeinsamer Armee. Vergangenheitsbewältigung: Ja, Deutschlands Auseinandersetzung mit der Nazizeit könnte auch Vorbild für Polen sein. Grenzen: Sollten keine Rolle mehr spielen, für Autoren gibt es sie sowieso nicht mehr, ihre Bücher sind dank Übersetzungen und Internet weltweit lesbar. Flüchtlinge: Sie gab es immer, und sie wird es immer geben. Gäbe es weniger Rüstung, gäbe es weniger Krieg. „Frieden schaffen ohne Waffen“ bleibe das Ideal.

Dass die Welt aber nicht so einfach auf einen Nenner zu bringen ist, spüren die Zuhörer in den gut besetzten Stuhlreihen, als die Frage im Raum steht: Was ist schief gelaufen, dass die Europa-Euphorie der offenen Grenzen einem zunehmenden Nationalismus und Protektionismus Platz gemacht hat. Da macht sich Ratlosigkeit breit. Uwe-Karsten Heye beschreibt nur sein Glücksgefühl und tiefe Empfindung, als er auf einer Reise die deutsch-polnische Grenze überfuhr, und es gar nicht mehr bemerkte. Olga Tokarczuk macht die aufdringliche Propaganda und den Gleichklang der Medien in Polen dafür verantwortlich, dass die Menschen, anders als noch vor ein paar Jahren, keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen.

Vielleicht liegt es daran, dass keine Debatte ins Laufen kommt, dass ein Widerpart fehlt. Er hätte darauf hinweisen können, dass die 70 Millionen Flüchtlinge, die Heye auf Europa zukommen sieht, vor allem in ihren Heimatländern auf der Flucht sind oder in Nachbarländern ihrer Heimat Zuflucht suchen, wie Oxforder Professoren schon vor eineinhalb Jahren nachgewiesen haben. Er hätte darauf hinweisen können, dass die deutschen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien wegen des schrecklichen Jemen-Krieges in der Kritik stehen, aber genau dasselbe Saudi-Arabien sich offensichtlich mit diesen Waffenlieferungen stark genug fühlt, um sich gegen den Iran zu stellen und erste vorsichtige Annäherungen im arabisch-jüdischen Konflikt sucht. Und er hätte auch sagen können, dass nicht alle AfD-Wähler Rechtsextremisten sind, wie es Heye nahelegte. Wer eine Debatte erhofft hatte, wird enttäuscht. Wer Hoffnung und Bestärkung erfahren wollte, wie es Gronicz zu Beginn andeutete, dem kann Najem Wali aber doch noch etwas auf den Weg geben: „ Die Geschichte von Grenzstädten ist reich an Kultur, Ethnien und Vielfalt.“