Merken

Deckel drauf

Am Rand von Freital wird ein alter Uran-Tümpel saniert. Bei den Arbeiten ist nun eine wichtige Etappe geschafft.

Teilen
Folgen
© Karl-Ludwig Oberthür

Von Tobias Winzer

Freital. Mit ein bisschen Fantasie könnte man das Gelände jenseits von Schachtstraße und Humuswerk für ein Kunstprojekt halten. Auf einer Fläche so groß wie 14 Fußballfelder liegt sauber aufgeschichteter Kies – eine Seite hellbraun, die andere Seite lila. „Das liegt schlicht und einfach daran, dass der Kies von zwei Herstellern kommt“, erklärt Michael Hüttl, Projektleiter bei der Wismut. Und mit Kunst hat das Ganze auch nichts zu tun. Hier, am Rand von Freital, wird eine der letzten Hinterlassenschaften des Uranbergbaus beseitigt. Bei der Sanierung des sogenannten Schlammteichs IV ist das Unternehmen in den vergangenen Monaten ein ganzes Stück vorangekommen. Vor etwas mehr als einem Jahr sah die nun mit Kies befüllte Fläche noch komplett anders aus. In dem zwischen 1957 und 1960 mittels eines Damms angelegten Schlammteich lagerte ungeschützt eine uranhaltige Pampe – Abfälle einer Uranerz-Aufbereitung, die sich am Edelstahlwerk befand. Bäume und Schilf wuchsen an dem Teich, der sich wohl ungewollt gebildet hatte. Wegen der gefährlichen Strahlung war die Wismut mit der Sanierung beauftragt worden. Sechs Millionen Euro kostet das, finanziert von Bund und Land. Baustart war im September 2015.

Der Plan für das Areal klingt einfach und ist doch kompliziert: Das Wasser wird abgepumpt und auf den Uran-Schlamm kommt eine meterhohe Decke aus Kies und Erde. Die ehemals messbare Strahlung von 3 000 Nanosievert pro Stunde soll dadurch um ein Zehntel verringert werden. Selbst für Personen, die sich über Wochen und Monate dauerhaft auf dem Gelände aufhalten würden, besteht damit keine Gesundheitsgefahr mehr. Für die Anwohner oder die Mitarbeiter des benachbarten Humuswerks war die dort messbare Strahlung auch vor dem Sanierungsstart unbedenklich, wie Hüttl betont.

Damit der Plan aufgeht, wurden sämtliche Bäume auf dem Areal zunächst gefällt und das Holz wurde größtenteils abtransportiert. Es kam über die zuständige Baufirma Heitkamp in den Verkauf – oder geschreddert als Feuermaterial in Verbrennungsanlagen. Das Wasser wurde abgelassen. Pumpen zogen die Brühe ab. Über mehrere Grob- und Feinfilter, die belastete Partikel zurückhalten, wurde das Wasser an das benachbarte Haldengerinne in den Hüttengrundbach und die Weißeritz abgegeben. „Natürlich messtechnisch alles streng überwacht“, sagt Hüttl. Problematische Konzentrationen habe es nie gegeben.

Sogenannte Vertikaldrains – das sind Plastikschläuche, die tief in dem Uranschlamm stecken – sorgen nun dafür, dass auch das letzte Wasser herausgezogen wird. Dieser Plan funktioniert aber nur, wenn von oben Druck auf die puddingartige Masse ausgeübt wird. Deswegen wurde, nachdem der Schlamm mit einem Vlies und einem Plastegitter abgedeckt war, nun eine 50 Zentimeter starke Kiesschicht aufgetragen. Zum Verteilen der Steine setzt die Baufirma Raupen mit besonders breiten Ketten ein, um nicht einzusinken. Für die Arbeiter, die täglich auf der Baustelle unterwegs sind, gibt es außerdem wegen der Strahlung besondere Vorschriften. Zwischen Schlammteich und Außenbereich wurde eine Schleuse samt Stiefelwäsche eingerichtet, damit kein kontaminiertes Material nach draußen gelangt. Die Arbeiter dürfen außerdem nicht am Arbeitsplatz essen, sollen sich möglichst in Fahrzeugen aufhalten und nach Möglichkeit nur in Bereichen tätig sein, die schon abgedeckt sind. Das Vorhaben wird ständig von einem Experten für Strahlenschutz überwacht.

Mittlerweile ist die Kiesschicht auf rund 95 Prozent der Fläche verteilt. Nur in der Mitte des Geländes gibt es noch ein kleines Stück, auf dem Vlies und Plastegitter freiliegen. „Das Ziel ist, dass die Kiesschicht noch in diesem Jahr fertig wird“, sagt Hüttl. Der 52-Jährige ist überrascht, dass die Arbeiten so schnell vorankommen. „Wir sind dem Plan deutlich voraus. Ich hätte nicht gedacht, dass der Schlamm schon in diesem Jahr komplett abgedeckt sein wird.“ Es war unter anderem unklar, wann der durchnässte Schlamm so ausgetrocknet ist, dass auf ihm gearbeitet werden kann. Durch die Kies-Abdeckung hat die radioaktive Strahlung nun schon deutlich nachgelassen. „Dort, wo der Kies draufliegt, haben wir schon fast die Werte, die wir am Ende erreichen wollen“, sagt Hüttl.

Wenn die Arbeiten dann im kommenden Frühjahr weitergehen, kommen auf die Kiesschicht, die dafür sorgt, dass das durch die Drainagen herausgedrückte Wasser abfließen kann, noch eine sogenannte Dichtschicht und eine Oberbodenschicht. Der Uranschlamm liegt dann anderthalb bis zwei Meter tief unter der Erde. Die Fläche soll auch künftig als Regenrückhaltebecken dienen. Deswegen wird in der Mitte des Geländes wieder ein Teich angelegt, der je nach Niederschlagsmenge einmal voll gefüllt oder wahrscheinlich auch einmal leer sein wird. Eine Bepflanzung des Areals mit Sträuchern, Büschen und Bäumen ist angedacht. Wann die Arbeiten komplett abgeschlossen sind und die letzten Pumpen abgestellt werden können, lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen. „Entscheidend wird sein, wie schnell wir eine feste Kruste bekommen“, sagt Hüttl. An bestimmten Messstellen wird ständig überprüft, ob schon ausreichend Wasser aus dem Schlamm gedrückt wurde und sich dieser dementsprechend abgesetzt hat. Aus der puddingartigen Schicht soll eine feste Masse werden. Wie lange das dauert, weiß nur die Natur.