Teilen:

Delikat wie zu DDR-Zeiten

© Wolfgang Wittchen

Nur kandierte Tomaten als Ersatz für Zitronat hat die Lebkuchenfabrik in Pulsnitz heute nicht mehr nötig.

Von Anett Böttger

Der Geruch von weihnachtlichen Gewürzen liegt in der Luft. Pfefferkuchen in Klarsichttüten laufen vom Band. Emsige Frauenhände greifen nach den Beuteln und verstauen die frische Ware in Kartons. „Was wir heute backen, geht direkt auf die Weihnachtsmärkte“, verrät Ines Frenzel, die in der Pulsnitzer Lebkuchenfabrik die Geschäfte führt. Gerade in der Adventszeit kann es durchaus vorkommen, dass mancher Artikel einfach vergriffen ist.

Mit Engpässen ganz anderer Art hatte das Unternehmen vor 1990 zu kämpfen. Wenn etwa Zutaten wie Zitronat für das würzige Gebäck fehlten, wurden grüne kandierte Tomaten als Ersatz verwendet. „Da war kaum ein Unterschied zu schmecken“, sagt die heutige Firmenchefin. Wie erfindungsreich man dem Warenmangel begegnete, schildert sie in einem Interview, das der Leipziger Journalist Constantin Hoffmann in seinem Buch „Weihnachten in der DDR“ veröffentlicht hat.

Prominente erinnern sich ans Fest

Der Autor befragte dazu sowohl Prominente als auch Hersteller typischer Weihnachtsware. Acht Interviewpartner gaben ihm Auskunft. Sie schilderten teilweise sehr persönliche Erfahrungen, wie sie das christliche Fest im sozialistisch-atheistischen Staat oder Auswirkungen der Mangelwirtschaft erlebten. Schlagersänger Frank Schöbel, Kammersänger Peter Schreier oder Trompeter Ludwig Güttler kommen im Buch zu Wort. Rückblicke gibt es auch in die Herstellung von Christbaumschmuck aus Lauscha sowie in die Produktion der Engel, für die Wendt & Kühn aus Grünhainichen berühmt ist.

Ines Frenzel spricht über Pfefferkuchen, mit denen sie in Pulsnitz groß geworden ist. Ihre Eltern waren dort in der Lebkuchenfabrik beschäftigt, die Erich Richter 1884 gegründet hatte. „Mein Vater war technischer Leiter, meine Mutter arbeitete in der Buchhaltung“, erzählt die Unternehmerin. 1972 wurde der Betrieb verstaatlicht. Da der letzte Eigentümer keine Nachkommen hinterließ, war eine klassische Reprivatisierung nach dem Ende der DDR nicht möglich.

Geschäftsführung vom Vater übernommen

1992 hatte Ines Frenzel gerade ihren Studienabschluss in der Tasche. Als Ingenieurin für Textiltechnik sah sie jedoch keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Nachdem ihre Familie die traditionsreiche Lebkuchenfabrik von der Treuhand gekauft hatte, stieg sie daher in das Unternehmen ein. Sie eignete sich im Fernstudium auch Betriebswirtschaft an und übernahm 2004 die Geschäftsführung von ihrem Vater. Anfangs kümmerte sie sich vor allem um den Vertrieb, den es zu DDR-Zeiten so nicht gab.

„Die Ware wurde damals vom Staat verteilt“, wird die 47-Jährige im Buch zitiert, das im Mitteldeutschen Verlag in Halle herauskam. „In den Westen hat der Betrieb so gut wie nichts geliefert.“ Die Artikel aus Pulsnitz seien dort kaum bekannt gewesen. Da Ostdeutsche nach der Wende zunächst Westerzeugnisse bevorzugten, schrumpfte die Produktion in der Lebkuchenfabrik auf 10 Prozent der Menge, die vor 1990 den Betrieb verließ.

Ab 1995 setzte eine Rückbesinnung bei Kunden im Osten ein. „Wir stellen viele Produkte noch genauso her wie zu DDR-Zeiten“, sagt Ines Frenzel. Die Leute erinnerten sich daran und fragten gezielt, etwa nach Lebkuchen in speziellen Schachteln, wie sie in DDR-Delikat-Geschäften verkauft wurden. Diese bekamen ohnehin die bessere Ware mit Schokoladenüberzug, während Konsum oder HO-Läden nur Pfefferkuchen mit kakaohaltiger Fettglasur anbieten konnten.

Jetzt auch im Westen im Rega

Langer Atem und viele Gespräche waren nötig, um Handelsketten zu überzeugen, dass sie Ware aus Pulsnitz auch im Westen in die Regale legten. In den Verhandlungen habe sich die Lebkuchenfabrik auf die alte Tradition und die Qualität der natürlichen Produkte berufen, sagt die Chefin. Typisch für Pulsnitz sei die lange Lagerung der Teige. Aus Weizen- und Roggenmehl mit Zuckersirup angerührt, reifen sie mindestens drei bis vier Wochen in Holzfässern. Die Herstellung habe sich seit Jahrhunderten nicht verändert. „Das hebt uns von anderen ab“, ist Ines Frenzel überzeugt.

Zu DDR-Zeiten wurde das ganze Jahr über für das Weihnachtsgeschäft gebacken. Inzwischen beginnt die Produktion dafür erst im Mai. Die vier Monate davor überbrückt die Firma mit der Produktion figürlicher Lebkuchen. Zur Vielfalt der Motive für verschiedene Anlässe gehörten Osterhasen, Tierfiguren, Blumen oder Herzen, „um aus der Saisonnische herauszukommen“, erklärt die Geschäftsführerin. „Den Hauptumsatz machen wir von August bis September.“ 25 Mitarbeiter zählen zur Stammbelegschaft, die ab Mai weitere 25 Saisonkräfte verstärken. Produkte, die lange haltbar sind, werden zuerst hergestellt, beispielsweise ungefüllte Lebkuchen mit Schokoladen- oder Zuckerglasur. Erst kurz vor der Auslieferung fertige die Fabrik die Ware mit Füllung, sagt die Firmenchefin. Das klassische Sortiment umfasse 30 bis 35 Artikel. Nur bis zu zehn waren es zu DDR-Zeiten.

Die Erweiterung der Palette lässt sich auch darauf zurückführen, dass Zutaten längst problemloser zu besorgen seien. „Für Spezialitäten gab es früher eben nur Erdbeerfüllung“, räumt Ines Frenzel ein. Mittlerweile verwendet das Unternehmen Aprikose, Johannisbeeren, Aronia, Sanddorn und sogar Eierlikör, um seine Pfefferkuchen zu füllen.

Für Ines Frenzel und ihren Lebensgefährten, der mit seinen beiden erwachsenen Kindern auch im Unternehmen arbeitet, bleibt im Advent keine Zeit für Besinnung.

„Wir leben vom romantischen Weihnachten und haben selbst kaum etwas davon“, gesteht die Geschäftsfrau unumwunden. Diese Einschätzung ist im Buch des Leipziger Journalisten ebenso nachzulesen wie Erinnerungen, die Ines Frenzel selbst an Weihnachten in der DDR hat. Ein Fest ohne Lebkuchen könne sie sich jedoch nicht vorstellen. „Glücklicherweise geht das den meisten Menschen bei uns so.“

Constantin Hoffmann: Weihnachten in der DDR. Frank Schöbel, Lauschaer Glasschmuck und Pulsnitzer Pfefferkuchen; ISBN 978-3-95462-611-3, Preis: 14,95 Euro