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Dem Glockentierchen auf der Spur

Daniela Gerlach untersucht bei Wacker kleinste Lebewesen. Die sorgen dafür, dass nur sauberes Wasser in die Elbe fließt.

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© Sebastian Schultz

Von Antje Steglich

Nünchritz. Die Glockentierchen haben es Dr. Daniela Gerlach besonders angetan. Denn sie sehen erstens sehr schön aus und sind zweitens ein guter Indikator dafür, dass im Klärwerk alles gut ist, erklärt sie bei ihrem wöchentlichen Blick ins Mikroskop. Die 33-Jährige ist Leiterin des Wasserlabors bei der Wacker Chemie AG in Nünchritz und betreut mit vier Kollegen alle Anlagen, die etwas mit Wasser zu tun haben. Wie das Klärwerk zum Beispiel. Mit den unterschiedlichsten Prüfverfahren wird dabei das Nass untersucht, bevor es in die Elbe geleitet wird. Und einmal in der Woche landen so auch Proben aus den sogenannten Belebtschlammbecken unter dem Mikroskop von Daniela Gerlach. „Das ist dann eher Biologie“, lacht die junge Frau, die in Freiberg anorganische Chemie studierte und zum Thema Silizium-Molekül-Verbindungen promovierte.

Das Glockentier in einer 200-fachen Vergrößerung.
Das Glockentier in einer 200-fachen Vergrößerung. © Wacker

Eine Welt im Mini-Format

In den beiden Belebtschlammbecken des Klärwerkes landen alle Abwasser des Chemiewerkes, nachdem im sogenannten Vorklärbecken schon einmal anorganisches Material und Schwebstoffe abgetrennt worden sind. Denn die wären nicht gut für die Mikroorganismen, die im Schlamm leben und durch die ständige Sauerstoffzufuhr angeregt werden, das Wasser zu säubern. Der Schmutz wird quasi aufgefressen. „Das ist wie eine Welt im Mini-Format“, sagt Daniela Gerlach.

Wenn sie mit der Pinzette einen Tropfen der Probe aus dem Belebungsbecken auf den Objektträger getropft und mit einem hauchdünnen Glasplättchen abgedeckt hat, sieht sie unter dem Mikroskop zwar zunächst nur grau-braune Flecken, die an Wollmäuse auf dem Laminatfußboden erinnern. Doch dank Hightech und geschultem Blick macht sie schnell die unterschiedlichen Spezies aus: Da gibt es nicht nur eine Menge Bakterien, die sich im Wasser einfach treiben lassen. Sondern auch zahlreiche Lebewesen – vom Pantoffeltierchen mit einer Größe von manchmal gerade 50 Mikrometern bis zur teils 600 Mikrometer großen Naupliuslarve, einer Eilarve von Krebstieren wie dem Wasserfloh. Das verlassene Ei sieht aus wie ein aufgeplatzter Fußball, findet Daniela Gerlach und zeigt auf der Vergrößerung auf dem Computermonitor auf einen halb durchsichtigen Zellhaufen.

In einer langen Tabelle listet sie Woche für Woche jedes einzelne Lebewesen auf. Es wird gezählt, gemessen und akribisch dokumentiert. Und das kann ganz schön schwierig werden. Die Glockentierchen, die sich mit ihren kleinen Ruderfüßchen ihre Nahrung quasi heranwirbeln, halten zwar still. Aber nicht die aktiven Bewohner wie Pantoffeltierchen, Zuckrüsseltierchen oder Rädertierchen, die auf der Suche nach ihrer Beute durchs Wasser huschen. „Die halten leider nicht still beim Zählen und haben auch kein Nummernschild. Da muss man schnell sein“, lacht die 33-Jährige.

Erkennt sie einen der Organismen mal nicht, dann nimmt sie das Buch „Das Leben im Wassertropfen“ zu Hand, indem alle Kleinstorganismen im Süßwasser mit Skizze verzeichnet sind. Zudem profitiert sie vom Wissen ihrer Vorgängerin, besucht Seminare für Klärwärter und tauscht sich mit Kollegen im Wacker-Stammwerk Burghausen aus. Denn für die Interpretation der Proben ist viel Erfahrung nötig, sagt Daniela Gerlach. Sie selbst hat in dem guten Jahr, das sie bei Wacker arbeitet, schon Hunderte Tropfen ausgewertet. Weil die Untersuchung eines Tropfens immer nur eine Momentaufnahme sei, untersucht sie nämlich pro Wasserprobe aus den jeweiligen Belebtschlammbecken des Wacker-Klärwerkes immer jeweils acht Tropfen.

„Bestimmte Mikroorganismen zeigen mir an, dass alles okay ist“, erklärt Daniela Gerlach auf die Frage, warum dieser große Aufwand notwendig ist. Wenn die Sauerstoffversorgung, die Temperatur, der pH-Wert oder der Nährstoffgehalt nicht optimal sind, könne sie das sofort unter dem Mikroskop sehen. Die Glockentierchen zum Beispiel, die im Idealfall wie ein Blumenstrauß aussehen können, reagieren ganz empfindlich auf Stress. Dann löst sich erst der glockenförmige Zellkörper vom Stil ab, um sich einen besseren Standort zu suchen, oder die Organismen verkapseln sich gar. „Dann können wir genau sagen, an welchen Schrauben die Klärwärter drehen müssen“, so die junge Frau. Für sie sind die Mikroorganismen deshalb die kleinsten und fleißigsten Wackeraner in Nünchritz.