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Demenz wird drastisch zunehmen

© David Hecker/dpa

Besonders das gefährliche Bauchfett führt zum Schrumpfen der Gehirnmasse. Doch Übergewicht ist nur ein Risikofaktor, sagen Neurologen aus Leipzig.

Von Stephanie Wesely

Der Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit ist eine Zivilisationskrankheit, sagt Professor Arno Villringer, Neurologe an der Uniklinik Leipzig. So konnten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Neurowissenschaften in Leipzig nachweisen, dass Adipositas – und besonders das gefährliche Bauchfett – zum Schrumpfen der Gehirnmasse führt. Es betreffe die Regionen, die unter anderem für Sprache, Merkfähigkeit und Orientierung zuständig sind. „Dieser Prozess beginnt bereits in jungen Jahren, wie wir mit Bildern vom Gehirn nachweisen konnten“, so Villringer.

Er rechnet damit, dass die Zahl der Dementen in Deutschland in den nächsten 20 Jahren erheblich steigen wird. Denn ein weiterer Risikofaktor ist der Bluthochdruck. „Leicht erhöhte Werte über 130 Millimeter Quecksilbersäule reichen schon, dass sich sogenannte Marklager – das sind weiße Flächen im Gehirn, die den Abbau der Nervenzellen fördern – bilden.“ Und ein dritter Risikofaktor wurde erst kürzlich entdeckt: „Wir sind immer davon ausgegangen, dass es im Gehirn keinen Lymphabfluss gibt. Doch das ist falsch. Das Gehirn reinigt sich wie der Rest des Körpers von Abbauprodukten und schädlichen Eiweißen. Und das passiert nachts, wenn wir schlafen.“ Wenn man sich aber ansehe, wie die Zahl der Adipositas- und der Bluthochdruckkranken sowie der Menschen mit Schlafstörungen allein in Sachsen zugenommen habe, wird das Ausmaß der künftigen Erkrankungen deutlich. Hinzu kommt, dass dann auch die sogenannte Babyboomer-Generation – die geburtenstarken Jahrgänge ab 1955 – ins Alter von Demenz und Pflegebedürftigkeit kommen.

Villringer hatte beim DAK-Gesundheitsdialog Demenz am Dienstagabend in Leipzig aber auch eine gute Nachricht. Der Prozess der Schrumpfung und Ablagerungen im Gehirn lässt sich umkehren. „Nach Adipositas-Operationen, durch intensive Sportprogramme und guter Blutdruckregulation bildeten sie sich zurück.“ Demenzvorbeugung beginnt ihm zufolge bereits in der Jugend. „Zuckersteuer, Gesundheitsunterricht – jede Möglichkeit muss genutzt werden, um der Adipositas- und Bluthochdruck-Epidemie Einhalt zu gebieten.“

Therapeutisch trete man noch auf der Stelle, sagt Professor Matthias Schröter von der Uniklinik Leipzig. „Das Wundermittel gibt es noch immer nicht.“ Die vier Wirkstoffe, die es seit etwa 30 Jahren gebe, könnten das Fortschreiten der Erkrankung abbremsen, mehr nicht. Derzeit arbeitet die Forschung an einer Impfung gegen Demenz. Der Wirkstoff Aducanumab wird von der US-Biotechfirma Biogen entwickelt und befindet sich in einer Phase 3-Studie, wird also an größeren Patientengruppen getestet. Die Impfung richtet sich gegen die Eiweißablagerungen an den Verbindungsstellen der Nervenzellen, den sogenannten Synapsen. Welche Wirkung das auf den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit hat, könne jetzt noch niemand sagen. Hoffnung gebe auch das Ergebnis einer Mäusestudie. „Alzheimermäuse wurden mit Ultraschall – so wie in der Diagnostik üblich – behandelt. Die Ablagerungen in ihren Hirnen bildeten sich zurück“, sagt Villringer.

Doch bis zur Marktreife sei es noch ein langer Weg. „Wir sollten nicht nur auf ein neues Wundermittel warten, sondern auch die begleitenden Verfahren nutzen – zum Beispiel Bewegung, Ergotherapie, Begegnungen und Geselligkeit. Auch das kann nachweislich die geistige Leistungsfähigkeit verbessern.“

Doch bereits jetzt fehlen dafür vielerorts die Möglichkeiten. „Sowohl die ärztliche Versorgung Betroffener, als auch die Angebote zur Unterstützung pflegender Angehöriger sind territorial zu unterschiedlich verteilt“, sagt Eva Helms, Vorsitzende der Landesinitiative Demenz in Sachsen. Vor allem Ostsachsen gehört zu den Gebieten mit den meisten weißen Flecken. Dort hätten bereits Pflegedienste Probleme, bestimmte Orte anzufahren. Etwa 100 000 Sachsen sind demenzkrank, Tendenz steigend.

Um gerade in solchen unterversorgten Regionen pflegende Angehörige zu entlasten, sind Ideen gefragt. Die DAK Gesundheit möchte Pflegekompetenzzentren gründen. „Dort könnten die ärztliche Versorgung, Beratungsangebote, spezielle Wohngruppen, Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege gebündelt werden.“ Professor Schröter empfiehlt, in diesen Regionen die Telemedizin zu nutzen. In Zusammenarbeit mit Universitäten könnten MRT-Bilder ausgewertet und Behandlungen empfohlen werden, die der Hausarzt vor Ort koordiniert – zum Beispiel in den Kompetenzzentren. Auf die Gesellschaft und die Familien kommt mit der Demenzwelle eine große Aufgabe zu. Die regionalen Pflegedialoge des Sächsischen Sozialministeriums könnten helfen, vorhandenes Potenzial zu nutzen und zu ergänzen, sagt Staatssekretärin Regina Kraushaar.