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Demokratie Alaaf!

Vereine gelten meist als piefig. Doch ohne sie würde die Zivilgesellschaft kaum funktionieren. Das zeigt eine neue Ausstellung in Leipzig.

Von wegen nur Spaß und Sauferei: Auch wenn sich dieser Kölner Karnevalist gerade mal einen Schnaps genehmigt, wird hinter den Kulissen in unzähligen Vereinen so hart wie diszipliniert für die närrische Jahreszeit gearbeitet. © Oliver Berg / dpa

Von Sven Heitkamp

Über einen Mangel an Spott kann sich das deutsche Vereinswesen nicht beklagen: Spaßvogel Loriot inszeniert im Film „Ödipussi“ eine Vereinsgründung in einer schummrigen Kneipe, in der eine Dame und ein paar Herren leidenschaftlich über ihren neuen Vereinsnamen diskutieren. „Unser Verein wird die Begriffe Frau und Umwelt in den Karnevalsgedanken einbringen!“ Schon Liedermacher Reinhard Mey stellte in seinem Lied „Bevor ich mit den Wölfen heule“ klar: „Lass mich mit keinem Verein ein!“ Auch das Internet ist voll von Witzen über Vereinsmeier.

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Sonderkonzert der Staatskapelle

Sakari Oramo mit Schostakowitschs elfter Symphonie im Kulturpalast anlässlich der Schostakowitsch Tage.

Und es stimmt ja: Pflichten zu Jahreshauptversammlungen und Satzungen, Vorständen und Kassenprüfern haben gut gemeinte Gemeinschaften früh in Verruf gebracht. Zu Unrecht. In Wirklichkeit sind Vereine für eine Gesellschaft elementar: Sie sind ihr Kitt und zugleich ein Grundpfeiler der Demokratie. Das macht die neue Ausstellung „Mein Verein“ deutlich, die am Freitag im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig eröffnet wurde.

Das Museum des Hauses der Geschichte wird damit zum Vereinsheim: Es erzählt mit 300 Exponaten und 20 Medienstationen von ihrer politischen Relevanz und Integrationskraft, von Tradition, Heimatgefühl und bürgerschaftlichem Engagement. Schon die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Inzwischen gibt es mehr als 600 000 Vereine in Deutschland, rund 44 Prozent aller Deutschen sind in mindestens einem Verein organisiert. Die Zahlen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten sogar vervielfacht: 1960 gab es im damaligen Westdeutschland nur 86 000 Vereine. Danach begann der Boom vor allem in den Städten – während die ländlichen Regionen gerade im Osten unter Vereinssterben durch Mitgliederschwund leiden. Dabei rücken traditionelle, eher an Geselligkeit orientierte Vereine immer mehr in den Hintergrund. Konjunktur haben nun Neugründungen für bürgerschaftliche Projekte. Viele Vereine engagieren sich heute für ihr Land, ihre Stadt, ihre Gesellschaft und ihre unterschiedlichen Interessen.

Fremdkörper unter Beobachtung

Diesen Trend illustriert ein prominentes Beispiel aus Dresden. Bereits am 14. März 1990, vier Monate nach dem Mauerfall, wird der „Förderkreis zum Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden“ mit der Nummer 1/1 ins Vereinsregister eingetragen. Damals noch mit DDR-Stempel. Die Leipziger Schau dokumentiert die Gründung um den Vorsitzenden Ludwig Güttler, zeigt eines der ersten Gipsmodelle und erzählt von den Spendenaktionen. 35 Millionen Euro steuerte der Verein zur Frauenkirche bei. Heute gilt sie als internationales Friedenssymbol. Doch die Ziele von Vereinen könnten unterschiedlicher kaum sein – auch Pegida gehört schließlich zu ihren Reihen.

Die Bedeutung von Vereinen machte gerade auch die DDR deutlich, in der freie Zusammenschlüsse unterschiedlicher Menschen ein Fremdkörper waren. Vereine wurden als Vereinigungen geführt und den gelenkten SED-Massenorganisationen unterworfen, sagt Angela Stirken, die Projektleiterin der Ausstellung. Parteifunktionäre übernahmen die Kontrolle in Vorständen, auch Spitzel der Sicherheitsorgane mischten mit. „In Anbetracht der Unvereinbarkeit von freier Interessenentfaltung und dem auf Linientreue ausgerichteten Herrschaftskonzept der SED fehlte privaten Vereinen die Daseinsberechtigung“, heißt es in einem Begleittext zur Ausstellung. Heute wird gerade diese Leerstelle in der DDR-Geschichte als einer der Gründe für den gelegentlichen Mangel an demokratischer Kultur angeführt.

Doch Gemeinschaften von Menschen lassen sich nicht so leicht von oben kontrollieren. Beispiel Kleingartenverein. Unter den Staatsratsvorsitzenden Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht sind Kleingärtner als spießige Eigenbrötler verpönt. Doch ihre Lauben sind auch Nische und Rückzugsraum in der staatlich gelenkten Welt. Das schwierige Verhältnis lockert sich erst in den 1970er-Jahren, als sich die Staatsführung der normativen Kraft des Faktischen beugt und Schrebergärten als Teil einer gesunden Ernährung der Bevölkerung sogar ausbaut.

Heute gelten Kleingärten manchen jungen Großstädtern als hippe Orte für ökologischen Anbau. Und es sind die „Tafeln“, die nun die Lebensmittelversorgung für Bedürftige sicherstellen. In 900 Orten bundesweit helfen 60 000 Ehrenamtliche mit – in eingetragenen Vereinen.

Selbst der Karneval zeigt, wie wichtig Vereine für das politische Leben in Ost und West waren und sind. Sie können sogar subversive Kraft entwickeln. In Wasungen wird die 450 Jahre alte Tradition auch in der DDR-Zeit lebendig gehalten, wenn auch unter den Augen der Stasi. „Grundsätzlich galt: Keine Schweinereien, nichts gegen die Staatsregierung“, erzählt ein früheres Mitglied des Wasunger Elferrats. Doch Karnevalisten und Künstler, Studenten und Regimekritiker nutzen den kleinen Freiraum auch für vorsichtige Kritik. Auch Karnevalsvereine im Rheinland verstehen sich keineswegs nur als Schunkeltruppe. Die Roten Funken Köln etwa parodieren mit ihren uniformierten Aufzügen militärisches Gehabe und Drill.

Ewige Liebe zu einem Verein kann man auf Schalke lernen. Die Fans des Bundesligisten stehen zu ihrem Verein von der Wiege bis zur Bahre. In der Kapelle der Fußballarena wurden seit 2001 weit über 2 000 Kinder getauft, Ehen geschlossen, Lichter für Trauerfeiern entzündet. Fans können sich auf einem eigenen Friedhof bestatten lassen: 1904 Plätze sind frei, denn der Traditionsklub war 1904 im Bergleute-Milieu entstanden. Dass die letzte Zeche im Jahr 2000 geschlossen wurde, tut dem beinah religiösen Kult keinen Abbruch. Manchmal gehört es auch zum Prestige, zu einem Verein zu gehören – allem Spott zum Trotz. Man darf wohl annehmen, dass nicht alle 291 000 Mitglieder des größten Sportklubs der Welt, des FC Bayern München, aktive Sportler sind.

Das Schlusswort der Ausstellung hat übrigens die lange Riege der ehemaligen Bundespräsidenten. Christian Wulff wagt dabei eine steile These. „Ehrenamtliche leben länger.“

Die Sonderausstellung „Mein Verein“ ist bis 25. August im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, zu sehen. Öffnungszeiten: Di – Fr von 9 – 18 Uhr, Sa/So 10 – 18 Uhr, Eintritt frei

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