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Demokratie? Ist das wichtig?

Der DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann hat Dresdner Schüler besucht. Eine außergewöhnliche Unterrichtsstunde.

© Sven Ellger

Von Annechristin Bonß

Da sitzen sie nun, die „Danachgeborenen“. Die, die Diktatur nicht kennen. Die, die ihr ganzes Leben lang in einer Demokratie leben werden. Hoffentlich. Und da vorn steht er. Der, der Demokratie und Diktatur kennt. Der sagt, er wolle 93 Jahre alt werden – nur damit er länger in der Demokratie als in der Diktatur gelebt hat. Es sind Sätze wie diese, die am Dienstagmorgen eine normale Geschichtsstunde im Gymnasium der Christlichen Schule zu einer besonderen machen. Rainer Eppelmann ist zu Gast. Der Pfarrer, Bürgerrechtler und Dissident berichtet aus seinem Leben in der DDR und geht der Frage nach, was dies alles mit dem heutigen Alltag zu tun hat. Einem Alltag in der Demokratie.

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Um die 90 Schüler hören ihm zu. Sie lernen in der 10., 11. und 12. Klasse. Einige von ihnen beschäftigen sich derzeit mit der DDR und der friedlichen Revolution, der Wende, die vor über 28 Jahren das Leben der Deutschen verändern sollte. „Die Kinder haben eine normal gewordene demokratische Haltung“, sagt Petra Skoda. Sie unterrichtet Geschichte an der Schule. Mit gefestigten Werten, die Unverständnis gegenüber den Parolen hervorbringen, die an Dresdner Montagen über die Plätze in der Innenstadt schallen. Und dennoch sei es wichtig, solche Zeitzeugen einzuladen, ergänzt Stefan Schubert aus dem Schulleitungsteam. Denn immer öfter hört er auch Zweifel bei den Schülern, Zweifel, die das Leben und den Alltag in der Demokratie infrage stellen. Zweifel, die von zu Hause mitgebracht werden. Auch deshalb habe er den Gast aus Berlin eingeladen.

Und der steht nun vor den Schülern. Spricht leise, mit Bedacht, macht Pausen, lässt seine Worte wirken in der lichtdurchfluteten Aula. Und er berlinert. Seine Heimat hören ihm die Schüler auf jeden Fall an. „Jeden Tag Demokratie“, sagt er. „Ist das noch was Besonderes?“ Für Rainer Eppelmann schon. Er berichtet von der Zeit, als er das Abitur machen wollte und es ihm vom System verboten wurde. Die Noten stimmten. Der Wille war da. Andere Punkte sprachen dagegen. Pionier war Rainer Eppelmann nicht gewesen. Seine Eltern wollten das nicht. Er war auch nicht in der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Dazu war der Junge konfirmiert. Und sein Vater, ein Zimmermann, arbeitete vor der endgültigen Teilung Deutschlands durch den Mauerbau in Westberlin. Dort verdiente er mehr als im Osten der Stadt

Mehrarbeit ohne mehr Geld

Anderthalb Stunden berichtet Rainer Eppelmann von der DDR. Eigentlich sollte sein Vortrag nur 50 Minuten lang dauern. Doch dabei bleibt es nicht. Der Politiker setzt viele Schlagworte aneinander. Mehrarbeit ohne mehr Geld, und das per Gesetz – „Welch Spaß“. Disco mit 70 Prozent Musik aus der DDR, die kaum einer mochte. „Noch mehr Spaß.“ Die Ironie kann Rainer Eppelmann nicht ablegen, vielleicht will er es auch nicht. Unverblümt berichtet er. Auch vom Volksaufstand im Juni 1953, als sich die Menschen gegen Panzer stellten, die nicht bremsten. „Tot, platt gewalzt, zerquetscht“ – schonungslos lässt er die Worte in die Aula fliegen. Die Schüler horchen aufmerksam zu, still, niemand flüstert, niemand schaut weg oder daddelt mit dem Handy. Gebannt reisen sie mit dem Gast in die Zeit der DDR.

Über vier Millionen Menschen seien geflohen. Eine Flucht ohne Möbelwagen, ohne Abschied und ohne Wiederkehr. „Kein Spaß. Das war hart.“ Trotzdem: „Vielen ging es nicht allein um die Freiheit“, sagt er. „Sie sind in Gedanken vielmals mit der ARD und dem ZDF ausgereist.“ Im Fernsehen habe auch er gesehen, welche Möglichkeiten es drüben gab und was Demokratie bedeutet.

Diese nun zu erhalten, das sei die Aufgabe der Jugend. Auch, wenn große Herausforderungen warten. „Wir werden reden müssen. In der Demokratie darf man das“, sagt er. Selbstverständlich sei das nicht. „Wir alle sind gefordert, müssen auf die Demokratie achten“, sagt er. „Viel Erfolg.“ Applaus brandet auf. Vielleicht lauter, als es sonst bei Schulveranstaltungen üblich ist. Vielleicht länger, als es auch der Redner erwartet hätte. Seine Worte haben die „Danachgeborenen“ erreicht.