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„Demokratiebildung wurde vernachlässigt“

Thomas Lorenz ist Leiter der neuen 150. Oberschule. Er will, dass Politik in Schulen wieder wichtiger wird.

© Christian Juppe

Ob die 150. Oberschule im August wirklich an den Start geht, ist offen – noch bis zum 14. März können Eltern ihre Kinder anmelden. Fest steht aber schon jetzt: Thomas Lorenz wird der neue Schulleiter sein. Mit der SZ spricht er über sein besonderes Konzept und die Herausforderung, angesichts des Lehrermangels eine Schule komplett neu aufzubauen.

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Vom Mut, nicht wegzusehen.  

Joachim Gauck erinnert zum 30-jährigen Jubiläum an den Beginn der Wende in der DDR. 

Herr Lorenz, Sie sind jetzt 57 Jahre alt, die 150. Oberschule wird Ihr letzter beruflicher Abschnitt sein. Klingt das gut oder eher beängstigend?

Beängstigend wirkt das nicht. Nach 35 Jahren als Lehrer habe ich den letzten Abschnitt aber natürlich kommen sehen. Deshalb überlege ich schon lange, noch einmal etwas Neues zu machen. Das nutze ich jetzt mit der 150. Oberschule. Eine Schule von Grund auf neu aufzubauen ist eine Herausforderung, die ich mir jetzt auch aufgrund meiner Erfahrung zutraue.

Was wird an der 150. anders sein als an anderen Oberschulen?

Wir dürfen bei der Gestaltung des Schulhauses mitreden. Das wird an der Freiberger Straße gebaut. Das aktuelle Raumnutzungskonzept der Stadt ist veraltet. Ein Beispiel: Die Schulsozialarbeiter, für die es an den Schulen keine passenden Räume gibt, damit sie ihre Arbeit so erledigen können, wie sie gedacht ist. Das betrifft auch Ganztagsangebote. Unser Neubau an der Freiberger Straße soll sich am Schulkonzept orientieren und nicht umgekehrt.

Was bedeutet das konkret?

Um den Platz an einer Schule gut zu nutzen, wären teilbare Räume sinnvoll. Das ist vor allem beim Thema Inklusion wichtig. Wenn körperlich beeinträchtigte oder lernschwache Schüler parallel zu Schülern, die später das Abitur machen wollen, einen Abschluss bei uns machen, dann müssen wir sie in ganz unterschiedlicher Weise – und eben auch mal getrennt voneinander – dabei begleiten. Wie man diese zusätzlichen Angebote und Räume schaffen kann, ist nun gemeinsame Aufgabe von Pädagogen und Architekten.

Das klingt nach hohen Baukosten. Warum sollte die Stadt ausgerechnet in Oberschulen mehr investieren?

Weil sich Oberschulen an alle Schüler richten. Mit dem neuen Schulgesetz gehören nun zusätzlich auch Inklusion und Integration von Migranten zu unseren Aufgaben. Dazu kommen andere Ansprüche an die Ausstattung: Für E-Books und Tablets muss es abschließbare Schränke geben, in denen die Geräte über Nacht aufgeladen werden können. Jedes Zimmer braucht einen eigenen Internetanschluss. Diese technischen Dinge sind sehr wichtig in Bezug auf Medienerziehung und Demokratiebildung.

Warum ist Demokratiebildung an Schulen wichtig?

Weil sie in Sachsen über Jahre hinweg vernachlässigt wurde. Nach der Wende hieß es, Schule sei ein politikfreier Raum. Also spielte Politik kaum eine Rolle. Ich denke aber, Schule ist immer politisch, jeder Lehrer sollte eine Meinung haben. Aber langsam setzen sich in Sachsen einige Prozesse in Gang, damit Schulen aktiver werden bei diesem Thema. Das Kultusministerium hat ein Wertepapier dazu entwickelt, was vermittelt werden soll.

Wie könnte das im Schulalltag konkret aussehen?

Demokratie muss erlebbar sein. Zum Beispiel, indem sich eine Klasse in eine aktuelle Sitzung des Stadtrates oder des Bundestages einloggen kann. Dafür benötige ich den angesprochenen Internetanschluss in jedem Klassenzimmer. Aber nur so können Lehrer zeigen, dass jeder gefordert ist, Demokratie mitzugestalten. Das geht auch fächerübergreifend.

Fächerübergreifender Unterricht ist derzeit eines der Themen in der Schullandschaft. Warum?

Es geht darum, Lernprozesse zu verändern. Das geht nur, wenn Strukturen wie feste Klassenverbände und starre Notengebung aufgebrochen werden. Deshalb wollen wir in einigen Bereichen weg vom klassischen Unterricht. Schüler sollen sich einem Thema in unterschiedlichen Fächern nähern. Wissenschaftler sagen, dass Kinder am besten lernen, wenn sie sich Dinge gegenseitig erklären. Neben festen Unterrichtszeiten wird es deshalb mehr Freiraum für selbstständiges Arbeiten geben. Mein Ziel ist es, ein modernes pädagogisches Konzept zu entwickeln – und zwar mit Schülern, Lehrern und auch Eltern.

Andere Lernformen sollen auch an der neuen Universitätsschule ausgetestet werden. Die ist allerdings als Schulversuch genehmigt. Wie weit darf eine staatliche Schule gehen, um ein neues Konzept auszuprobieren?

Schulgesetz, Schulordnung, Lehrpläne – all das gibt uns den Rahmen vor, in dem wir uns mit der 150. Oberschule bewegen können. Fest steht: Wir machen keine Versuche mit Kindern. Sie bekommen Zensuren und im besten Fall später ihren Abschluss. Das Ziel ist also klar. Ich bin mir aber sicher, dass es mehrere Wege dorthin gibt.

Über Zensuren und verbale Einschätzungen wird derzeit viel diskutiert. Brauchen wir beides?

Ja. Wir brauchen Zensuren, denn Schule wird sich immer an der Leistungsgesellschaft messen müssen. Aber wir brauchen auch eine verbale Einschätzung, denn der Unterschied zwischen der Note 1,6 und 2,4 ist groß. Trotzdem steht im Zeugnis eine 2. Eine ausführliche Einschätzung verdeutlicht die Fähigkeiten eines Schülers. Diese Zeit sollte für Lehrer da sein.

Zeit ist ein kostbares Gut angesichts des Lehrermangels.

Deshalb muss es für Lehrer flexible Arbeitsverträge geben. Momentan gibt es nur festgesetzte Stunden, da ist schnelles Reagieren kaum möglich, wenn der Bedarf steigt. Lehrer mit vielen Migrantenkindern in den Klassen sollten pro Woche zwei Stunden mehr Zeit dafür bekommen. Das Bildungssystem muss für die Kinder gemacht sein, da sehe ich noch viele Baustellen. Problematisch für die Qualität des Unterrichts ist auch die große Zahl der Seiteneinsteiger.

Gelingt es dem neuen Kultusminister Christian Piwarz (CDU), aus den Baustellen eine schöne Schullandschaft zu machen?

Frank Haubitz nach nur acht Wochen als Kultusminister abzusetzen, war sicherlich nicht der richtige Weg. Aber ich sehe, dass Christian Piwarz als Neuer im Amt jetzt die Baustellen sondiert, in Schulen geht, Gespräche sucht. Es wird sich zeigen, ob eine junge Politikergeneration eine Chance ist.

Das Gespräch führte Nora Domschke.

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