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„Den Brief vom Amt gibt es auch weiterhin“

Der Kreis Görlitz setzt auf Digitalisierung. Beigeordneter Thomas Gampe treibt sie voran. Das werden die Bürger spüren.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Matthias Klaus

Dem Landratsamt stehen umfangreiche Veränderungen ins Haus. Zum einen ist da die Konzentration auf Görlitz, der Abzug von Ämtern von früheren Standorten. Zum anderen will der Kreis seine Nachteile ausgleichen, etwa die Randlage an den Grenzen, die dünne Besiedlung. Deshalb nimmt das Landratsamt das Vorhaben Verwaltung 4.0 in Angriff: Digitalisierung. Bis 2021 soll das Projekt abgeschlossen sein. Die SZ sprach darüber mit Thomas Gampe, Beigeordneter des Landrates.

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Herr Gampe, werden die Einwohner des Kreises in Zukunft nur noch über das Internet mit dem Landratsamt in Kontakt treten können?

Nicht nur, aber auch. Unser Ziel ist es, dass sich die Einwohner nicht nur per E-Mail an das Landratsamt wenden können, sondern auch am Computer Anträge ausfüllen. Der Bürger muss nicht mehr für bestimmte Anliegen ins Amt kommen, zum Beispiel für die Kfz-Zulassung, den Antrag auf Wohngeld. Voraussetzung dafür ist die elektronische Akte, ein Dokumenten-Managementsystem. Der Kreis hat sich dafür schon 2012 entschieden. Schrittweise wird sie in der gesamten Verwaltung eingeführt. Nach der Kfz-Zulassung sind mittlerweile Teile des Jugendamtes eingebunden, gefolgt von der Schülerbeförderung und weiteren Fachbereichen. Das Jobcenter steht gegenwärtig vor der flächendeckenden Einführung der elektronischen Akte. Im kommenden Jahr soll damit die Hälfte der Belegschaft im Landratsamt arbeiten.

Anträge ans Amt zu Hause am Computer ausfüllen ist das eine. Das andere: Bietet der Kreis denn entsprechende technische Voraussetzungen, Stichwort schnelles Internet?

Das schnelle Internet ist unverzichtbar. Viele Gemeinden sind ja auch schon in Vorleistung gegangen, haben mit Anbietern entsprechende Verträge geschlossen, teils umgesetzt. Es gibt noch weiße Flecken auf der Karte des Kreises, gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden sollen die möglichst schnell erschlossen werden. Ein Förderantrag ist gestellt, nach der Bewilligung soll das Vorhaben schnell umgesetzt werden.

Nicht jeder Bürger im Kreis hat einen Computer zu Hause, nicht jeder vertraut seine Daten dem Internet an.

Wir planen Bürgerbüros an den Außenstandorten, in Weißwasser, Niesky, Löbau, Zittau und auch in Görlitz. Sie sollen abgekoppelt von den übrigen Öffnungszeiten der Kreisverwaltung arbeiten, also auch bürgerfreundlich, ein erweiterter Service. In den Bürgerbüros können Anträge abgegeben, grundlegende Fragen dazu beantwortet, die Papiere zunächst geprüft werden. Wir trennen die Mitarbeiter, die dann mit den einzelnen Verfahren in den Fachbereichen zu tun haben, von denen, die die Anträge entgegennehmen. Dennoch bekommt der Bürger eine sachkundige Auskunft. Davon versprechen wir uns, dass die Fachämter im Hintergrund effizienter arbeiten können. Ein weiterer Aspekt ist der der Sicherheit. Nicht falsch verstehen: Das Landratsamt ist und bleibt ein offenes Haus. Aber nicht jeder Besucher muss überall herumgehen können. In einem Bürgerbüro ist eine bessere Absicherung gegeben, im Sinne unserer Mitarbeiter. Wir wollen die Sicherheit erhöhen, ohne die Bürger einzuschränken.

Gibt es in Zukunft noch richtige Briefe vom Landratsamt oder nur noch E-Mails?

Natürlich gibt es künftig noch den Brief vom Amt. Intern wird die Post allerdings gescannt, elektronisch vom Eingang bis zum Ausgang bearbeitet. Für den Versand, zum Kuvertieren und Frankieren haben wir vor, eine externe Firma zu beauftragen. Sie ist zertifiziert und hat die entsprechenden Maschinen. Für uns lohnt es sich nicht, derartige Technik selbst anzuschaffen.

Wieviel kostet denn das komplette Vorhaben Verwaltung 4.0 den Landkreis?

Wir gehen nach einer groben Schätzung von insgesamt 15 Millionen Euro aus. In dieser Summe sind aber auch viele Ausgaben drin, die wir eh erledigen müssten, Investitionen in neue Technik beispielsweise. Der Freistaat Sachsen will sich mit fünf Millionen Euro an dem Vorhaben beteiligen. Ein erster Zuwendungsbescheid über 350 000 Euro liegt uns bereits vor. Weitere 4,8 Millionen Euro sind uns in Aussicht gestellt.

Macht sich das Landratsamt nicht zu sehr abhängig von der Technik?

Wir werden in Zukunft tatsächlich stärker von der Technik abhängig sein. Aber sie erleichtert uns auch unwahrscheinlich die tägliche Arbeit. Wir müssen Absicherungen gegen mögliche Ausfälle einbauen. Eine Störung kann schließlich immer auftreten. Zudem müssen wir Programme beschaffen, Schnittstellen programmieren, Mitarbeiter schulen. Und vor allem müssen wir eines: Prozesse optimieren. Es nutzt ja nichts, wenn wir die bisherigen Aufgaben eins zu eins auf das Digitale übertragen. Wir gehen davon aus, dass sich die Anfangsinvestitionen in der Perspektive selbst erwirtschaften und somit refinanzieren, wenn auch nicht gleich in jedem Bereich.

Hat die Digitalisierung im Landratsamt Auswirkungen auf die Personalstruktur? Sprich: Werden Mitarbeiter eingespart?

In den kommenden Jahren werden Kolleginnen und Kollegen altersbedingt ausscheiden. Es wird im Landratsamt weniger Personal geben, das ist richtig. Aber unsere Mitarbeiter sollen dennoch nicht unter einer Mehrbelastung leiden. Und auch die Bürger sollen nicht von einer Leistungsreduzierung betroffen sein. Im Übrigen ist es heute auch gar nicht mehr so einfach, Fachpersonal zu finden. Der Fachkräftemangel hat auch das Landratsamt erreicht.

Manche Kollegen arbeiten gar nicht im, aber für den Landkreis.

Ja, bei uns ist das die Telearbeit. Wir haben sie 2014 eingeführt, wollen sie ausbauen. Für uns spart sie Kosten, weil wir nicht so viele Arbeitsplätze vorhalten müssen, für die Mitarbeiter entfallen lange Arbeitswege. Manche arbeiten von Dresden aus. Zur Dienstberatung müssen aber natürlich alle in Görlitz anwesend sein. Telearbeit spielt aber auch in unserem langgestreckten Landkreis eine große Rolle.

Wirkt sich die Digitalisierung in Ihrem Haus auf die Arbeit des Kreistages aus? Immerhin werden ja viele Seiten Papier mit Beschlussvorlagen und Ähnlichem bedruckt.

Ja. Die Kreisräte werden in Zukunft mit Tablets ausgestattet, auf denen sie ihre Unterlagen speichern, schnell Zugriff haben. Außerdem wird es Wlan im Sitzungssaal des Kreistages, also in der Aula des Beruflichen Schulzentrums, Carl-von-Ossietzky-Straße in Görlitz geben, ebenso im Saal an der Bahnhofstraße, in dem sich die Ausschüsse des Kreistages treffen.

Wer bezahlt die Tablets für die Kreistagsmitglieder?

Die Kosten übernimmt der Landkreis.