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Den Flitzer als Faustpfand

Ein Kunde bezahlt die Rechnung für die Autoreparatur nicht. Doch nicht er, sondern der Inhaber der freien Werkstatt in Klipphausen muss vor Gericht.

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© AP

Von Jürgen Müller

Nein, ein Mercedes ist er nicht, der kleine Smart, auch wenn er unter der Marke mit dem Stern seit vielen Jahren produziert wird. Dass dem Stadtflitzer, der eher etwas für Puristen und Leute ist, die ihr schlechtes Umweltgewissen beruhigen wollen, der Stern auf der Motorhaube fehlt, sind wohl Qualitätsprobleme, die dem Ruf der Nobelmarke nicht zuträglich wären. Für Furore hatte der Kleinwagen im Dezember 1998 gesorgt, als er wie schon zuvor die neue A-Klasse beim Elchtest umfiel. Schlechte Erfahrungen muss jedenfalls ein 24-jähriger Dresdner machen, der ein solches Fahrzeug gebraucht bei einem freien Händler in der Gemeinde Klipphausen erwarb. Die Karre stand mehr, als dass sie fuhr, musste einmal sogar abgeschleppt werden. Immer wieder ist es ein Kupplungsschaden, die Gänge lassen sich nicht mehr oder kaum noch schalten. Die erste Reparatur übernimmt der Händler, beim zweiten Mal teilt man die Materialkosten. Doch die Reparatur hält nicht mal eine Woche an, dann flitzt der Flitzer schon wieder nicht. Erneut einigt man sich, die Kosten zu teilen. Der Kunde soll 90 Euro bezahlen. Doch als er das Auto abholen will, verlangt die Werkstatt rund 160 Euro. Die Ersatzteile seien extrem teurer geworden, heißt es jetzt.

Der Kunde will eine Rechnung und bekommt sie auch. „Zahlbar netto innerhalb von sieben Tagen“ steht drauf. Das will der Kunde auch so handhaben, zumal die Rechnung erst mal ein Anwalt prüfen soll.

Doch der Werkstattbesitzer besteht auf sofortiger Barzahlung. Nur Bares ist Wahres. Als der Kunde mit dem Auto den Hof verlassen will, soll er sich vor das Auto gestellt, mit Händen und Fäusten gegen das Fahrzeug getrommelt haben. Außerdem soll er die Autotür aufgerissen und versucht haben, den Zündschlüssel herausziehen. Versuchte Nötigung wirft die Staatsanwaltschaft dem 35-jährigen Angeklagten, der gleich mit zwei Anwälten vor Gericht erscheint, vor.

Die Vorwürfe streitet er ab. Der Kunde habe mit seinem Vater gesprochen und geäußert, dass er die Rechnung nicht bezahlen, sondern einem Anwalt übergeben wolle, so der Angeklagte. „Daraufhin habe ich auf Barzahlung bestanden, sonst hätte ich mein Geld nie gekriegt“, sagt er. Der Kunde sei ihm ans Knie gefahren, er habe sich nur auf dem Auto abgestützt. Er habe den Kunden weder bedroht noch angefasst. Davon ist in der Anklageschrift allerdings auch gar nicht die Rede. Der Werkstattbesitzer habe ihn ans Auto geschubst und bedroht, sagt dagegen der Kunde als Zeuge, sprich gar von „Freiheitsberaubung“. 45 Minuten habe die Auseinandersetzung gedauert. Wegen der Rechnung streitet man auch noch vor einem Zivilgericht. Bezahlt hat er die Rechnung nach nunmehr fast zwei Jahren bis heute nicht, obwohl das Auto repariert ist und seitdem problemlos läuft.

Das ist auch ein Grund für Gericht und Staatsanwaltschaft, das Verfahren wegen „geringer Schuld“ einzustellen. „Auch der Angeklagte ist ja in diesem Fall Geschädigter“, sagt Richterin Ute Wehner. Solche Fälle seien ein Grund, warum manche Firmen insolvent gingen. Für einen Freispruch reiche es nicht, dazu müssten weitere Zeugen gehört werden. Dann käme aber auch durchaus eine Verurteilung in Betracht, so Staatsanwältin Yvonne Birke.

Ganz trocken kommt der Werkstattbetreiber jedoch nicht durch den Regen. Seine eigenen Auslagen muss er selbst zahlen, also auch die Anwaltskosten. Und da er mit zwei Verteidigern angerückt ist, muss er auch beide löhnen.