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Den ganzen Tag warten

Die Anhörung ist für jeden Asylbewerber der wichtigste Termin – und wohl auch der chaotischste. Ein Report.

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© Dominique Bielmeier

Von Dominique Bielmeier

Meißen/Dresden. Ein Schnitt und das grüne Papierband an Malias* Handgelenk ist durchtrennt. Ein zweiter Schnitt und auch Zwillingsschwester Rana* ist befreit. Sofort gibt es neue Bändchen für die 17-Jährigen, nun in orange. Der Mann vom Wachschutz, der das Umdeklarieren übernimmt, entschuldigt sich, da sei wohl etwas schiefgelaufen am Empfang; die beiden Afghaninnen seien ja für ihre Anhörung hier und müssten nicht erst als Flüchtlinge erfasst werden. Es wird nicht der einzige Fehler an diesem Tag bleiben.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) stellte im Dezember 2015 den neuen Flüchtlingsausweis vor. Der „Ankunftsnachweis“, den auch die Zwillinge Rana und Malia aus diesem Text besitzen, sollte die Organisation erleichtern.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) stellte im Dezember 2015 den neuen Flüchtlingsausweis vor. Der „Ankunftsnachweis“, den auch die Zwillinge Rana und Malia aus diesem Text besitzen, sollte die Organisation erleichtern. © Michael Kappeler/dpa
Der Standort für die Anhörung der Asylbewerber durch die Behörde wird gleich doppelt genutzt: In dem Bürogebäude nahe des Dresdner Hauptbahnhofes werden auch Integrationskurse für die Flüchtlinge angeboten.
Der Standort für die Anhörung der Asylbewerber durch die Behörde wird gleich doppelt genutzt: In dem Bürogebäude nahe des Dresdner Hauptbahnhofes werden auch Integrationskurse für die Flüchtlinge angeboten. © Dominique Bielmeier

Der Wachmann ist besonders höflich, er kennt die Frau, die die Mädchen heute ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) begleitet, noch aus der Zeit in einer Meißner Erstaufnahme. Alle vier waren sie damals in dem Camp – Flüchtlingshelferin und Wachschutz auf der einen, die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden auf der anderen Seite. Heute ist Anita Winkler* der amtlich bestellte Vormund der zweieiigen Zwillinge, die ihr in der Camp-Zeit ans Herz gewachsen sind; der Mann arbeitet statt im Asylheim nun in der Bamf-Außenstelle in Dresden. Nur für die Mädchen hat sich wenig geändert. Sie leben zwar nun gemeinsam mit ihren älteren Geschwistern in einer Wohnung in Dresden und besuchen dort auch eine Oberschule – aber ob sie in Deutschland bleiben dürfen, ist weiter ungewiss.

Deshalb die Armbänder, deshalb das Warten und deshalb auch die spürbare Nervosität. Die Anhörung ist der wichtigste Termin für jeden Asylsuchenden, von dem Gespräch mit einem „Entscheider“ hängt seine weitere Zukunft ab. Warum hat der Flüchtling nicht schon in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt? Wovor ist er geflohen? Besteht in seiner Heimat wirklich Gefahr für Leib und Leben? Solche Fragen sollen in einem Gespräch mit dem Asylbewerber und einem Dolmetscher beantwortet werden. Und weil Malia und Rana noch minderjährig sind, darf Anita Winkler sie zu diesem Termin begleiten. Ein Glück – nicht nur für die Jugendlichen, wie sich bald zeigen wird. „Ihre Akte liegt ganz oben“, verspricht der Wachmann noch, bevor er den Raum verlässt. Es sollte also schnell gehen. Anita Winkler zieht skeptisch die Augenbrauen hoch. Dass hier etwas schnell geht, wäre ihr neu.

Alle Asylbewerber werden auf dieselbe Zeit bestellt, erklärte Winkler in ihrer E-Mail an die SZ: 7.30 Uhr morgens. Niemand wisse, wann er aufgerufen werde, deshalb traue sich keiner, den Raum zu verlassen, um sich ein Getränk oder Essen zu holen. In der Außenstelle des Bamf, die erst im Dezember in einem Bürogebäude in der Nähe des Hauptbahnhofes eingerichtet wurde, gibt es keine Möglichkeit, etwas zu kaufen. Die Reporterin könne sich gerne – als zweite Begleiterin von Malia und Rana – ein eigenes Bild machen, schlug Winkler vor. Eine offizielle Reportage-Anfrage wurde wenig überraschend vom Bamf abgelehnt.

Während der Anhörung werde den Antragstellern Wasser angeboten, erklärt dafür eine Bamf-Sprecherin. Die Versorgung liege in der Zuständigkeit der Bundesländer. Asylbewerber in Unterkünften, die von außerhalb zum Termin gebracht werden, würden informiert, dass sie Lebensmittel sowie Spielzeug für die Kinder mitbringen sollten. Für individuell geladene Antragsteller gebe es in der Nähe der Außenstelle außerdem verschiedene Möglichkeiten, sich etwas zu kaufen.

Das ist wahr, doch das macht niemand, auch nicht der Schwager der Mädchen, der in der Woche zuvor seine Anhörung hatte. Bis 14 Uhr hielt er die Anspannung und Ungewissheit aus, dann begann er plötzlich stark zu zittern und war nicht mehr ansprechbar – er hatte einen Nervenzusammenbruch und musste das Bamf verlassen. Einen Psychologen vor Ort gibt es nicht, sollte einer der Asylsuchenden einmal die Fassung verlieren, hole man eben die Polizei, wird Winkler auf Nachfrage erklärt. Nicht selten sitzen Asylbewerber hier bis 16 Uhr, um dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt zu werden. Das wollte sich die Reporterin schließlich selbst anschauen.

Nach einer Stunde des Wartens in einem fast menschenleeren, aber mit völlig verdrecktem Teppichboden ausgelegten Raum beginnt das Prozedere für die Mädchen harmlos genug: mit der erkennungsdienstlichen Erfassung. Die „ED“ beinhaltet das Messen der Körpergröße, das Abnehmen von Fingerabdrücken mit einem Scanner und ein Foto, das ein Zollbeamter einzeln von den Mädchen schießt.

Der Abgleich mit dem Ankunftsnachweis mit Passfoto: Bei ihrer Ankunft trug Rana aber keine Brille. Nein, ihre damalige Brille hat sie verloren, als sie sich acht Stunden lang an ein gekentertes Boot im Mittelmeer klammern musste, bevor sie von einem griechischen Schiff gerettet wurde. Von ihrer Mutter und 18-jährigen Schwester waren die Zwillinge im Iran durch Soldaten getrennt worden; der Vater und ein älterer Bruder starben bei einem Raketenangriff in Kundus, wo die Familie lebte. Also ja, als sie sich vor ziemlich genau einem Jahr auf den Weg machte, hatte sie noch eine Brille.

Nächster Halt bis zur Anhörung: ein Raum, in dem rund 50 Menschen sitzen. Nur jeder Zehnte hier ist eine Frau. Dem Kindergeschrei aus dem Nebenraum nach zu urteilen, warten dort die Familien; hier sitzen Paare und Alleinreisende.

Und eine Frau mit Kopftuch, die jämmerlich weint. Anita Winkler setzt sich nach ein paar Minuten zu ihr, fragt, ob sie helfen könne. Ihr Bruder ist heute in Syrien getötet worden, erfährt sie; aber nein, das Interview verschieben will sie auf keinen Fall. Winkler spricht mit ein paar Leuten, erreicht schließlich, dass die Frau früher gehört werden kann.

Als sie ein paar Minuten später vom Dolmetscher abgeholt wird, ist sie so erleichtert, dass ihr gleich wieder die Tränen kommen. „Ich finde, dass man helfen muss, wenn jemand so traurig ist“, sagt Winkler und es klingt so einfach, dass man sich fragt, warum zuvor niemand auf diese Idee gekommen ist.

So vergehen die Stunden im Bamf. Die Menschen sprechen leise miteinander oder lehnen den Kopf an die Wand und schließen die Augen, alle haben sich so schick gekleidet wie ihnen möglich. Für einen Mann ist es ein Nadelstreifen-Anzug, für eine Frau ein schwarzes Oberteil mit Glitzer. Ein junger Afghane blättert in seinem Vokabelheft, lernt Sätze wie „es hat Verletzte gegeben“ und „hier ist mein Führerschein“.

Ein anderer Mann zieht sich die Halskrause etwas fester, ein Dritter zeigt einem wieder Fotos seines zerstörten Hauses in Afghanistan. Fotos bringen nichts, weiß Winkler, weil sie theoretisch manipuliert sein könnten. Mit ihren Mädchen ist sie die Fragen durchgegangen, die gestellt werden können. Einstudiert haben sie aber nichts – es kann negative Konsequenzen haben, wenn man beim Lügen erwischt wird.

Für 7.30 Uhr würden nur die Antragsteller mit Wohnort Dresden bestellt, wer aus einem weiter entfernten Kreis komme, erhalte einen Termin um 11, so die Bamf-Sprecherin. Die langen Wartezeiten erklärt sie mit der Dauer der Anhörungen, die man nicht genau berechnen könne. Auch kurzfristige Ausfälle von Mitarbeitern oder Dolmetschern könnten zu Terminverschiebungen führen. „Im Extremfall können am Tag unter Umständen weniger Anhörungen durchgeführt werden als geplant.“

Malia beugt sich nach einem Gespräch mit einem anderen Afghanen aufgeregt herüber: Schon fünfmal sei der Mann hier gewesen. Jedes Mal wurde er erst um 16 Uhr wieder nach Hause geschickt. Bei seinem Nebenmann ist es heute das vierte Mal.

Rana wirkt in sich versunken, streicht immer wieder über das Foto ihrer Mutter auf ihrem Handybildschirm. „Ihre Familie wollte nicht, dass sie mit aussagen muss“, erklärt Winkler. Das Mädchen sei traumatisiert, in Stresssituationen könne es epileptische Anfälle bekommen. Die Ärzte sahen das nicht so wild und stellten deshalb keine Bescheinigung aus.

Malia zeigt auf ihrem Telefon ein paar Bilder aus Deutschland: von ihren Freundinnen in der Schule und von ihren älteren Geschwistern, die mit ihnen geflohen sind, ihre 25-jährige Schwester und der 24-jährige Bruder. Stolz zeigt Malia auf ihre Neffen; die Söhne ihrer Schwester sind 8 und 10 Jahre alt. Moment, 10 Jahre? Aber dann war die Mutter bei der Geburt ja ... Oh. „Ja“, sagt Anita Winkler. „Oh.“ Mit 14 wurde sie in Afghanistan verheiratet, ein Schicksal, das wohl auch Malia und Rana treffen würde, müssten sie zurück in die Heimat. Die Taliban hätten beim großen Bruder schon einmal wegen der Mädchen angefragt.

Plötzlich, nach vier Stunden Warten, geht es ganz schnell. Die Geschwister werden aufgerufen, nun ist der Moment da, der alles entscheiden wird; die paar Sätze, die man in der Aufregung und in Anwesenheit eines Dolmetschers im Alter von 17 zu einem völlig Fremden sagen wird, werden die eigene Zukunft bestimmen.

Doch soweit kommt es nicht, denn wieder ist der Behörde ein Fehler passiert. Ja, man habe ja nicht gewusst, dass das eine Mädchen traumatisiert sei, da brauche man doch einen speziellen Entscheider, der heute aber nicht da sei, wird Anita Winkler erklärt. Die kann trotz Protest – die Traumatisierung sei sehr wohl bekannt gewesen – nicht bewirken, dass ihre Zwillinge noch heute gehört werden, denn ohne den Spezialentscheider ist die ganze Anhörung nichtig. Neuer Termin: Anfang Dezember, immerhin zu einer festen Zeit.

Für heute müssen sie dem Raum mit noch immer rund 50 Asylsuchenden den Rücken kehren, dem Raum, neben dessen Tür ein buntes Poster hängt, das eine neue Bamf-App für Flüchtlinge bewirbt. „Gut ankommen in Deutschland“ steht darauf.

*Die Namen der Protagonistinnen wurden zum Schutz vor Anfeindungen geändert.