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Den Herzenswunsch erfüllt

Bärbel Grommisch ist ans Bett gefesselt. Vier Menschen nahmen Urlaub, fuhren sie zum Grab ihres Freundes.

Die Malteser Henry Scholze (r.) und Björn Ziegler (2. v. l.) haben Bärbel Grommisch mit Begleitern Maria Eichler und Ronny Loch an das Grab ihres Freundes in Bayern gefahren.
Die Malteser Henry Scholze (r.) und Björn Ziegler (2. v. l.) haben Bärbel Grommisch mit Begleitern Maria Eichler und Ronny Loch an das Grab ihres Freundes in Bayern gefahren. © Claudia Nerrlich

Meißen. Ein selbstbestimmtes Leben – für die meisten Menschen selbstverständlich. Aber nicht für Bärbel Grommisch. Sie ist spastisch gelähmt, ständig auf Hilfe angewiesen. Sie ist so stark körperlich behindert, dass sie Zeit ihres Lebens an ihren kleinen Wagen „gefesselt“ ist. Hände und Füße kann sie nicht einsetzen, ihre Sprache ist beeinträchtigt, Außenstehende verstehen sie kaum. Man möchte meinen, die 68-Jährige kann wenig am Leben teilhaben. Doch ganz im Gegenteil. Sie hat Wünsche und Träume. Ein Herzenswunsch ging kürzlich dank vieler Helfer in Erfüllung.

Die Meißnerin wohnt in der Wohnstätte „Im Wiesengrund“, einer Einrichtung der Lebenshilfe Meißen. Wichtige Entscheidungen ihres Lebens kann die Spastikerin nicht alleine treffen. Deshalb hat sie eine gesetzliche Betreuerin vom Betreuungsverein Meißen. Trotzdem hat Bärbel Grommisch klare Vorstellungen. So wünschte sie sich schon immer einen Partner. Mitarbeiter der Wohnstätte halfen ihr, über ein Partnerportal für Behinderte einen Mann kennenzulernen. 2002 klappte es: Günther Holzapfel, ebenfalls Spastiker. Allerdings lebte er in Bayern. Deshalb konnten sich die beiden nur selten sehen. Anfangs einmal im Jahr, später noch weniger. Sie telefonierten oder schrieben sich Briefe. Briefe, die Bärbel Grommisch ihren Pflegern diktierte.

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Anfang dieses Jahres verstarb Günther überraschend. Der Tod ihres Freundes ist umso schmerzlicher, weil sie ihn vier Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, erklärt Ronny Loch, Mitarbeiter im Wiesengrund. Bärbel nickt zustimmend, es kommen ihr fast die Tränen. Bei der Beerdigung dabei zu sein, undenkbar für die Schwerbehinderte. Aber sie wollte sich unbedingt verabschieden – am Grab ihres Freundes. 

Es war ein Herzenswunsch von ihr, den sie im April gegenüber Maria Eichler, einer Praktikantin im Wiesengrund, äußerte. Doch wie sollte die schwerbehinderte Frau nach Steinburg in Bayern gelangen? Mit der Deutschen Bahn war es unmöglich, alle Bemühungen vergebens. Bärbel Grommisch war enttäuscht. Ein Taxi für 1 800 Euro zu teuer. „Sie hätte es bezahlt, so wichtig war ihr das“, sagt Loch. Auch Walfriede Holzapfel, die Schwester des Verstorbenen, wollte helfen. Sie fragte die Malteser in München, die Herzenswünsche – letzte Wünsche schwer kranker Menschen – erfüllen. Schließlich kam der Kontakt der Münchner mit den Maltesern in Dresden zustande. 

Björn Ziegler und Henry Scholze erklärten sich bereit, Bärbel Grommisch gemeinsam mit ihren beiden Begleitern 400 Kilometer hin und wieder zurückzufahren – ehrenamtlich. Beide nahmen dafür zwei Tage Urlaub, genauso wie Maria Eichler und Ronny Loch. „Es war eine richtige Abenteuerfahrt“, sagen Ronny Loch und Bärbel Grommisch. Neun Uhr in Meißen losgefahren, trafen sie etwa 15.30 Uhr auf dem Friedhof ein. 

„Die Begrüßung, das Wiedersehen mit der Familie von Günther Holzapfel war so emotional, das kann man gar nicht beschreiben“, erzählt Ronny Loch. „Dann haben wir Bärbel eine halbe Stunde allein am Grab ihres Freundes gelassen“, sagt er, „damit sie sich verabschieden kann.“ Als sie gefragt wird, ob sie sich verabschieden und ein wenig abschließen konnte, kommen all die Gefühle der 68-Jährigen wieder hoch. Sie bricht fast zusammen, kann nicht antworten.

Fotos von der Fahrt hängen jetzt im Eingangsbereich der Wohnstätte, dem Lieblingsplatz von Bärbel Grommisch. Die Idee, der SZ von ihrem Erlebten zu erzählen und allen Helfern noch einmal zu danken, kam von ihr. Jetzt kann sie abschließen, meint sie bewegt und erleichtert.

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