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Der Advent nach der Flut

Bei Familie Bracklow ist diese Woche der letzte Handwerker im Haus fertig geworden. Davon träumen andere Flut-Opfer.

© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Die Schneemänner in der Pyramide wetzen eilig im Kreis, als Elke Bracklow die Windlichter anzündet. Weihnachtlich geschmückt hat sie das Häuschen in Altserkowitz. Besonders den Wintergarten. „Wir hoffen, dass wir im Advent mal zur Ruhe kommen“, sagt die Rentnerin. Wie vielen anderen in Radebeul hat ihr und ihrem Mann das Hochwasser im Juni schwer zugesetzt. Über den Wintergarten als dem tiefsten Wohnraum des Hauses bahnte sich das Wasser – wie 2002 schon – den Weg ins gesamte Erdgeschoss.

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Bus-Kalender der DVB versüßt den Advent
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Eine tolle Geschenkidee für die Kleinen: Hinter dem originellen Motiv verstecken sich Überraschungen aus feinster Lindt-Schokolade.

Monatelang campte das Paar in diesem kleinen Anbau auf dem blanken Beton. Durch die großen Fenster konnte der Raum gut trocknen. „Wir haben im Durchzug gelebt“, erzählt das Paar.

Ein kleiner Lichtblick in dieser turbulenten Zeit: die Spende der SZ-Initiative „Lichtblick“. „Was wir allein an Wasser zum Kärchern verbraucht haben“, erinnert sich Elke Bracklow. Sie benötigten neue Heizkörper, neue Küchenelektrik, neue Türen, Fliesen, Holz … „Alles ist nicht billig. Jede Schraube kostet. Das Geld war uns eine Hilfe.“

Seit Ende September nutzen sie und ihr Mann den Wintergarten wieder in wohnlicher Anmutung. Auf der Hut sind sie trotzdem. „Ich gucke ständig in die kritischen Ecken“, sagt Rainer Bracklow und schaut hinters Sofa. „Bis jetzt gibt es nirgends aufblühende Ecken.“ Am Mittwoch erst ist der letzte Hochwasserschaden im Haus von Handwerkerhand behoben worden. Der Fliesenleger setzte die Schwelle vom Korridor zur Küche ein. Ein Etappenziel.

Doch ein Ende der hochwasserbedingten Kosten ist noch nicht in Sicht. In Garage, Heizhaus, Schuppen und Hühnerstall stehen noch Abkratzen und Malern an. Und drinnen vollzieht das Paar nach wie vor einen Dauer-Wechsel aus Lüften und Heizen. „Die Heizung läuft Tag und Nacht“, so Rainer Bracklow.

Das gesamte Erdgeschoss hat nun geputzte Wände, keine Tapete mehr. Der Flurboden ist komplett gefliest. Manche eingebüßten Möbel ersetzten Bracklows lediglich durch preiswerte Alternativen, die zur Not auch im Wasser stehen können. Der Gedanke an die nahe Gefahr schwingt permanent mit. Zumal sie bislang vergebens auf den Baubeginn des erhofften Damms hinter ihrem Haus warten. Betrübt registrieren sie: „Es passiert nichts.“ Rainer Bracklow formuliert es mit Galgenhumor: „Wir warten aufs nächste Hochwasser.“ Ihre Reaktion: ein energisches Nein. „Dann geh ich ins Altenheim.“ Elke Bracklow schaut ständig Richtung Elbe. Steigt der Pegel, wird sie unruhig. Die Angst ist sie bisher nicht wieder losgeworden. Aber wenn das Paar zum ersten Advent mit der Nachbarin zusammensitzt und vielleicht ein Glas Sekt trinkt, dann wollen sie über andere Dinge reden. Sich ein wenig ablenken.

Kaum möglich ist das bei Familie Poller in Fürstenhain. Ihr gesamtes Erdgeschoss steht noch immer leer und muss trocknen. Jeweils auf die Mitte von Stube, Küche und Arbeitszimmer verteilt sind große technische Geräte wie Kühlschrank, Waschmaschine und Bautrockner. An dieser Stelle sollen sie die ein- und ausgehenden Handwerker am wenigsten behindern.

Das Paar lebt in zwei Zimmern im ersten Stock, auf knapp 30 Quadratmetern. Voraussichtlich bis Ostern bleibt das so. Als gebürtiger Erzgebirger hat Michael Poller zum ersten Advent sonst immer ausgiebig Haus und Garten geschmückt. Nicht dieses Jahr. Innen fehlt der Platz. Und für außen hat er im Hochwasser sämtliche Sterne, Lichterketten und Figuren eingebüßt.

Was dem Paar gerade jetzt aufs Gemüt schlägt, ist die Angst, dass der geplante Hochwasserdamm doch wieder nicht gebaut werden könnte. Der Vorstand der Friedenskirchgemeinde sprach sich in einer offiziellen Anhörung jüngst dagegen aus. „Mir ist unverständlich, dass einige zusehen wollen, wie anderen ihr Hab und Gut genommen wird“, sagt Michael Poller. „Der Deich war unser Hoffnungsschimmer“, klagt seine Frau. „Nächstes Jahr sitzen wir vielleicht wieder so hier.“

In etwas weihnachtliche Stimmung hofft das Paar auf den Weihnachtsmärkten in Radebeul und Dresden zu kommen. Dort will es sich auch nach einigen neuen Weihnachtssachen umsehen. Einen Rest der Lichtblick-Spende hat es dafür zurückgelegt. „Das Geld hat uns geholfen, wieder Fuß zu fassen“, sagt Michael Poller. Der Außenbereich ums Haus musste ausgeschachtet werden. Die Helfer wollten verpflegt werden. „Und auch die ganzen Nebenkosten interessieren die Versicherung nicht.“

Beide Radebeuler Familien spüren jedoch, dass ihnen mit jedem Schritt des Vorankommens auch Neid begegnet. Elke Bracklow aus Altserkowitz meint: „Was wir an Arbeit, Kosten und Nerven hinein gesteckt haben, das wird nicht gesehen.“