Merken

Der andere Landesvater

Warum Andreas Hellner so wichtig für Eltern in Sachsen ist.

Teilen
Folgen

Von Carola Lauterbach

Wenn Stanislaw Tillich Landesvater ist, was ist dann bitte Andreas Hellner? Vorsitzender des Landeselternrates. Ein sperriger Begriff für einen dem Anschein nach so unkonventionellen Mann.

Der fast 46-jährige Vater von drei Söhnen ist Unternehmer in der Musiktechnik-Branche in Leipzig. Ab 17Uhr und am Wochenende, so sagt sein Anrufbeantworter, ist er in Sachsens Landeselternrat ansprechbar. Seit er im Mai 2011 in das Amt gewählt wurde, ist sein Freizeitbudget deutlich schmaler geworden. Jammert der Biker und Hobbymusiker deshalb? Mitnichten. „Wenn man sich auf so etwas einlässt, weiß man, dass da viel dranhängt“, sagt Hellner. Und warum lässt man sich auf Elternarbeit ein? Bindet sich unzählige Gespräche, auch viel Ungemach, ans Bein? Ehrenamtlich. Abends. An Wochenenden. Andreas Hellner lacht. Diese Frage, gesteht er, habe er sich auch schon manches Mal gestellt.

Gleiches Stimmrecht für alle

„Schule muss transparent sein, Eltern müssen wissen, was da läuft, wo ihre Kinder den Großteil des Tages verbringen“, das ist eine der Kernüberzeugungen von Hellner, dafür engagiert er sich. In den 20Jahren des Bestehens des Landeselternrates, dessen Jubiläum heute in Dresden mit rund 150 Gästen gefeiert wird, hat sich in dieser Hinsicht manches getan. Vieles konnte die gesetzlich verankerte Interessenvertretung der Eltern bewirken. Etwa die Durchsetzung der paritätischen Besetzung der Schulkonferenzen – gleiches Stimmrecht für Schüler, Lehrer, Eltern. Oder, dass Elternvertreter hinsichtlich ihrer Rechte geschult werden.

Über 20000 Mütter und Väter kümmern sich sachsenweit als Klassen- oder Schulelternsprecher um eine optimale Lernatmosphäre der Schüler – deutlich über das Wohl des eigenen Kindes hinaus. Andreas Hellner selbst ist in dieser Mission unterwegs, seit sein Sohn Till zur Schule kam. Till besucht heute die zehnte Klasse. Eine „naive Euphorie“ habe ihn seinerzeit beschlichen, erinnert sich Hellner. „Super Klassenlehrerin, super Schulleitung. Das Klima hat mir gefallen. Da mitzumachen, macht bestimmt Spaß“, beschreibt er seinen Einstieg ins Ehrenamt, von dem er seitdem nicht loskam. Für drei Jahre war er auch sächsischer Vertreter im Bundeselternrat.

Die Euphorie ging im Alltag immer wieder mal verloren, der studierte Musiker Hellner macht daraus kein Hehl. „Etwa ein Drittel der Eltern erreicht man nie“, sagt er. Das könnte einen zornig werden lassen. Doch er ist ein Positiv-Seher: „Ein Drittel ist nämlich immer da, und ein Drittel kann man mit Geschick mit ranziehen.“

Auch im Zusammenwirken mit den Schulen sieht der Vorsitzende des Landeselternrates die ganze Spannbreite – von aktivem Zugehen auf die Eltern über Akzeptanz bis Ablehnung. Worüber er sich wirklich ärgern kann, ist so eine Haltung der Selbstverständlichkeit, gepaart mit Herablassung. Deutlich macht er das am „Klassiker schlechthin“: dem vielfach unmöglichen Zustand von Schulräumen. Für Renovierung, hören die Eltern immer, sei kein Geld da. Er spüre regelrecht die Erwartung „auf der anderen Seite“ – das werden die Mütter und Väter im Interesse ihrer Kinder schon nicht hinnehmen. Meist kommt es dann ja auch so: Die Eltern rücken an und pinseln. „Das ist ja in Ordnung“, sagt Vater Hellner. Nur, wenn es dann vom Schulverwaltungsamt gönnerhaft heißt, „das Material stellen wir Ihnen mal“, kann selbst bei einem wie Hellner schon ein wenig der Kamm anschwellen. Oder wenn der Schulleiter nicht einmal Danke sagt, weil er ja den Hausmeister verdonnert hatte, mitzumachen.

Die Hoheit der Lehrerzimmer

Der Landes-Vater wünscht sich eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Er akzeptiert die „Hoheit der Lehrerzimmer“. Auch werde die pädagogische Kompetenz der Lehrer nicht infrage gestellt. Nur müssten sich Eltern gerade darauf auch verlassen können. „Wenn Kinder von Lehrern bloßgestellt werden“, so Hellner, „sind Eltern in der Pflicht, etwas dagegen zu tun.“ Andereseits könnten Mütter und Väter Lehrer durchaus auch nerven.

Ob Hellner all das heute auf der Festveranstaltung im Beisein der Kultusministerin anspricht, weiß er noch nicht. Nicht, dass er sich nicht trauen würde. Nur, er hat keine Rede ausgearbeitet. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Inklusion, Lernmittel – solche Stichworte hat er sich aufgeschrieben. Das sind Dinge, die bewegen den Elternvertreter. Dazu hat er viel zu sagen.