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Der Aufschrei nach Köln

Feministinnen starten eine neue Kampagne gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus.

© dpa

Von Elisa Makowski und Julia Naue

Widerwärtig! Abscheulich! – diese Worte haben seit Jahresbeginn viele gewählt, um die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof zu beschreiben. Die sexualisierte Gewalt empört die Menschen in Deutschland. Aber einigen ist das nicht genug: „Massive sexuelle Nötigungen in Köln – aber der #aufschrei schweigt“, schreibt die Publizistin Birgit Kelle auf Twitter. Auch andere sagen: Wo bleibt der erneute Aufschrei? Der Vorwurf: Das feministische Netz bleibe stumm – weil viele der Tatverdächtigen nach Zeugenangaben einen Migrationshintergrund haben.

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„Der Vorwurf ist natürlich völlig unhaltbar, weil sexualisierte Gewalt letztendlich das ganze Jahr über von Feministinnen kritisiert wird“, hält die Netzfeministin Anne Wizorek den Kritikern entgegen. Gemeinsam mit 22 weiteren Feministinnen hat sie unter dem Hashtag #ausnahmslos den Aufruf „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos“, verfasst. Hunderte Menschen solidarisierten sich damit. Wizorek hatte vor drei Jahren die Twitter-Kampagne #aufschrei angestoßen. Frauen berichteten dort über Sexismus-Erfahrungen, Belästigungen und sexualisierte Gewalt im Alltag.

Damals hätten gerade diejenigen, die jetzt behaupten, es gebe keine feministische Kritik nach den Vorfällen in Köln, die Erfahrungen der Frauen heruntergespielt, kritisiert Wizorek. Birgit Kelles Antwort auf die Aufschrei-Debatte war ihr Buch mit dem Titel „Dann mach doch die Bluse zu“.

Auch die Münchner Geschlechterforscherin Paula-Irene Villa findet den Vorwurf von Kelle und Co. scheinheilig. Es sei Quatsch, zu behaupten, es hätte keine Kommentare von jungen Netzfeministinnen gegeben. Sie warnt vor etwas ganz anderem: „Ich sehe die Gefahr, dass ein Pseudo-Feminismus für Rassismus missbraucht wird.“ Das Leid der Opfer werde so für eine politische Agenda instrumentalisiert.

Die Initiatoren und Unterstützer der #ausnahmslos-Kampagne sprechen sich gegen eben diese Instrumentalisierung aus. In der Erklärung heißt es: „Es ist für alle schädlich, wenn feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen, wie das aktuell in der Debatte um die Silvesternacht getan wird.“ Zu den Unterzeichnern gehören Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), Linken-Chefin Katja Kipping, Grünen-Politikerin Claudia Roth und Musikerin Inga Humpe.

Tatsächlich verknüpften nach Köln einige Frauenrechte mit der Asyldebatte: „Aha, Verhaltensrechte für Frauen. Wie wärs mit Burka“, twitterte die konservative CDU-Politikerin Erika Steinbach. Und die frühere Familienministerin Kristina Schröder findet: „Sie wurden lang tabuisiert, aber wir müssen uns mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur auseinandersetzen.“ Sie schrieb als Antwort auf den Feminismus vor knapp vier Jahren ein Buch. Es heißt: „Danke, emanzipiert sind wir selber.“

Die Verfasserinnen und Unterzeichner des Hashtags #ausnahmslos fordern, sexualisierte Gewalt nicht pauschal einer Religion oder Ethnie zuzuschreiben. „Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich ,Anderen‘ sind: die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer“, heißt es.

Grundwerte besser vermitteln

Auch der Islamexperte und Psychologe Ahmad Mansour vermisst eine differenzierte Debatte über den Hintergrund der Täter von Köln. „Ich möchte nicht, dass alle arabisch aussehenden Männer in eine Schublade gesteckt werden, wir müssen uns aber fragen, wie so ein Frauenbild entstehen kann“, sagte Mansour dem Evangelischen Pressedienst. „Alle Diskussionen um das Thema verlaufen sehr polemisch“, beklagte der Autor des Buches „Generation Allah“. Er forderte, Gleichberechtigung und demokratische Grundrechte zu thematisieren. „Wir müssen differenziert über Probleme sprechen, sonst überlassen wir das Feld Anhängern von Pegida und Rechtsradikalen.“

Es sei nicht davon auszugehen, dass die Übergriffe von Köln von gläubigen und konservativen Muslimen verübt worden seien, sagte Mansour, denn diese verzichteten konsequent auf Alkohol und vermieden körperlichen Kontakt zu Frauen. Dennoch könne ein bestimmtes Islamverständnis, das einen entspannten Umgang der Geschlechter verteufele, zu einer unterdrückten Sexualität führen und in Frust umschlagen. Eine Gegenstrategie sei, pädagogische Konzepte zu entwickeln, um mit Muslimen ins Gespräch zu kommen und klare Botschaften über unsere Grundwerte zu kommunizieren. „Eine Lösung ist sicher nicht, jedes Mal mit Abschiebung zu drohen, wenn es Probleme gibt.“

Laut Kriminalstatistik werden pro Jahr ungefähr 8 000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Die Dunkelziffer liege mindestens zehnmal so hoch, sagt Maja Wegener von der Frauenrechtsorganisation Terre des femmes. Meistens spiele sich sexuelle Gewalt zu Hause und unter Bekannten ab. Das zeige, wie verankert Sexismus und patriarchale Frauenbilder in der deutschen Gesellschaft seien, so Wegener. Die aktuelle Diskussion über die Herkunft der Täter bringe den Opfern nichts. „Frauen müssen von der Gesellschaft vor sexueller Gewalt geschützt werden – unabhängig davon, von wem sie ausgeht.“

Auch Rita Steffes-enn vom Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung im rheinland-pfälzischen Kaisersesch hält nichts von einer Debatte über den Einwanderungshintergrund der Silvester-Täter. „Obwohl die Täter noch ermittelt werden müssen, werden schon Schlussfolgerungen aus ihrem möglichen Aufenthaltsstatus gezogen“, sagt die Kriminologin. Der überwiegende Teil von Sexualstraftätern in Deutschland sei deutsch. (dpa/epd)