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Der Barock-Papst ist im Kasten

Der Dresdner Kammerchor vollendet derzeit die Gesamtaufnahme der Werke von Heinrich Schütz. Eine Pioniertat.

© Robert Michael

Von Bernd Klempnow

Und wieder unterbricht Dirigent Hans-Christoph Rademann seine Sänger: „Bitte deklamiert deutlich, jedes Wort hat Gewicht – auch wenn nicht alle Zuhörer Latein verstehen dürften.“ Wieder stimmen die Frauen und Männer „Da pacem, domine – Verleih uns Frieden genädiglich“ an. Ihr klarer Gesang steigt in der Radeberger Stadtkirche nach oben, getragen vom Klang historischer Instrumente. Die Musik ist eindringlich und klangprächtig, sie umschließt förmlich den Hörer von allen Seiten. Doch es sitzen nur zwei Zaungäste im Kirchenschiff. Wichtiger ist, dass der Tonmeister in einem Nebenraum zufrieden ist: Denn der Dresdner Kammerchor nimmt derzeit die Fest- und Friedensmusiken von Heinrich Schütz (1585–1672) auf.

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Die Stücke sind nahezu unbekannt, dabei sind es Meisterwerke. Schütz, der musikalische Chronist des Dreißigjährigen Krieges, bot alle Kunst des mehrchörigen Komponierens auf, um dem Wunsch nach Frieden und einer neuen Weltordnung Gewicht zu verleihen. „Überraschend prachtvoll ist die Ausgestaltung der Musik, raffinierte Satzstrukturen tun sich auf, die man nicht erwartet“, sagt Chorleiter Rademann. Solisten- und Chorgruppen würden im Wechselspiel mit Streichern, Posaunen, Zinken und Gamben ein farbenreiches Klangerlebnis in Surround schaffen.

Mit den Huldigungs- und Friedensmusiken widmen sich Rademann und sein Dresdner Kammerchor in diesen Tagen dem Schlusspunkt eines ungewöhnlichen Projektes. Sie nehmen seit 2010 als Erste das Gesamtwerk von Heinrich Schütz auf, dem Musik-Papst des Frühbarock. Bis 2017 sollte das Vorhaben mit vielen Erstaufnahmen auf 25 CDs im Carus-Verlag vorliegen. Finanzielle Engpässe sorgten dafür, dass die „Friedensmusiken“-CD als letzte Folge der Gesamteinspielung nun erst im Sommer 2019 erscheint.

„Hauptsache, der bahnbrechende Komponist seiner Zeit, der 55 Jahre als kurfürstlicher Kapellmeister in Dresden wirkte, wird von Dresdner Künstlern aufs Tableau gehoben“, sagt der viel beschäftigte Chorprofessor. Er und seine Mannen haben unglaublich viel Kraft und Zeit investiert, haben mitunter die Kosten der Aufnahmen vorgestreckt und bislang auch nie ganz reinbekommen. Die Förderung durch die Stadt Dresden ist minimal. Sondermittel gab es von Stiftungen und Sponsoren. Viele Mittel akquirierte Rademann in Stuttgart und Umgebung, wo er die renommierte Bach-Akademie leitet. „Doch das Projekt wirklich gerettet haben die Privatleute Michaela und Michael Wirtz aus Aachen.“

Zwischendurch aufgeben kam nie infrage! „Diese Kompositionen spenden eine enorme Lebensenergie. Ohne esoterisch zu werden, die Musik reinigt, der Körper spürt den akustischen Reiz“, so der 52-Jährige. Das erstaune ihn umso mehr, weil er doch als Kruzianer schon viel Schütz eingesaugt habe – natürlich nur die bekannten Hauptwerke. „Mich überrascht immer wieder, wie unerhört hoch auch das Durchschnittsniveau ist.“ Habe es anfangs noch Misstrauen bei seinen Sängern und Musikern gegen manche Stücke gegeben, so sei das seit drei, vier Jahren nicht mehr der Fall. Zunächst spröde Stücke würden sich in der Beschäftigung als schön und wahrhaftig erweisen. „Wir haben gelernt, dass diese Weisen als Bildermusik der Bibel funktionieren. Gerade deshalb ist auch das Ausleuchten der Worte so entscheidend.“

Referenzaufnahmen sind entstanden, wie die „Symphoniae Sacrae“ – 20 Konzerte in lateinischer Sprache, die ungemein vielfältig an Farben und Besetzungsvarianten sind. Oder die der A-cappella-Johannespassion. „Aus fein ausgestalteten Details heraus entsteht eine Klangwelt, die auch ohne aufgesetzten pathetisch-nachromantischen Zierrat eine starke Wirkung hat“, so die Jury über ihre Vergabe des Jahrespreises der Deutschen Schallplattenkritik 2016 an Rademann & Co. Dieser Preis ist besonders, weil er für maximal die 14 besten Produktionen verschiedener Genres verliehen wird. Er kann nicht gekauft werden.

Mehrfach wurden der Dirigent und sein Team für diese und andere Pioniertaten geehrt. Der Kirchenmusikpreis ist eine solche Auszeichnung, der Dresdner Kunstpreis eine andere. Ein Grund für die Anerkennungen: „Wir widerlegen krasse Fehlurteile. Schütz konnte noch subtilere Dinge umsetzen als Bach.“ Zu lange hätte der Dresdner als emotionslos gegolten. „Dabei schuf er eine höchst sinnliche Musik von einer tiefen Menschlichkeit. Seine Werke sind wie ein klingendes Grünes Gewölbe.“

Die Schütz-CDs erscheinen im Carus-Verlag, es gibt sie auch im Chorbüro (Tel. 0351 8044100). Die „Friedensmusiken“ erklingen am 12.9. in St. Nicolai in Grünhain-Beierfeld sowie am 14.10. in der Annenkirche Dresden.