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Der Baustopp-Lurch

In Königstein wird derzeit ein Bach saniert. Der aber gehört den Feuersalamandern.

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© Marko Förster

Von Carina Brestrich

Königstein. Torsten Hartig hat immer eine Maurerkelle im Auto. Die braucht der Königsteiner manchmal, um auf sein Grundstück am Pfaffenberg zu kommen, ohne jemanden zu überfahren. Bei warmem Wetter, wenn es noch ein bisschen feucht vom Regen ist, ist das mitunter gar nicht so einfach. Dann nämlich kommen sie aus ihren Verstecken: Feuersalamander. Die schwarzen Lurche mit den gelben Flecken fühlen sich am Pfaffenberg pudelwohl. Dort tummeln sich die kleinen Kerlchen nicht nur gern in den Gärten der Anwohner, sondern halten jetzt auch die Bauleute auf Trab. Zuhause sind die streng geschützten Salamander an der Potatschke, einem kleinen Bach, der den Pfaffenberg hinunterfließt und in die Biela mündet. Beim Hochwasser 2013 verwandelte sich das Flüsschen in einen reißenden Strom, muss deshalb nun instand gesetzt werden. Im Juni sollten die Bauarbeiten starten – wären da nicht die Salamander gewesen.

Zeitweise hatten die possierlichen Lurche sogar für einen Baustopp gesorgt.
Zeitweise hatten die possierlichen Lurche sogar für einen Baustopp gesorgt. © Kristin Richter

Was die Anwohner schon lange wissen, hatten die Bauplaner zunächst nicht auf dem Schirm. „Kurz nachdem die Bagger anrollten, informierte uns ein Anwohner per Telefon über das Laichgebiet des Feuersalamanders“, bestätigt Hanspeter Mayr, Sprecher der Nationalparkverwaltung. Prompt rückte die Landesdirektion am Pfaffenberg an – und verhängte einen Baustopp. Denn wo Feuersalamander sind, ist Vorsicht geboten. Die Amphibien tragen gemäß Bundesartenschutzverordnung den Status „besonders geschützt“, dürfen nicht eingefangen, verletzt oder getötet werden. Feuersalamander lieben Ritzen und Hohlräume, um sich zu verstecken. Die bietet die Potatschke zur Genüge. Der Bach ist teils bis zum Ufer bebaut und größtenteils mit Mauern aus Sandsteinblöcken begrenzt. Im Osten grenzt ein Waldgebiet an, in dem kleine Quellbäche entspringen, die in die Potatschke fließen – für die Salamander ein Paradies. „Die Population scheint dort schon lange zu bestehen und heimisch zu sein“, sagt Hanspeter Mayr.

Nun drohte sie den Bauarbeiten zum Opfer zu fallen. So wurde nach dem Baustopp tatsächlich ein toter Salamander gefunden. Auch hatten die Artenschützer vier tote Larven zu beklagen. Ob sie durch die Bauarbeiten umgekommen sind, lässt sich derzeit nicht sagen. Denn zwei der toten Larven sind direkt nach starken Regenfällen gefunden worden. Dabei sei der Salamander-Nachwuchs äußerlich unversehrt gewesen. „Wir haben die Larven eingefroren, um eine Untersuchung vornehmen zu lassen“, sagt Hanspeter Mayr.

Ab sofort wird streng auf die kleinen Lurche geachtet. Anfang September konnte der Baustopp wieder aufgehoben werden. Allerdings nur unter Auflagen. Entfernen die Bauarbeiter etwa einen Steinblock aus der Mauer, muss jeder Hohlraum kontrolliert werden. Außerdem müssen beim Bau genügend neue Verstecke geschaffen werden, Spritzbeton ist tabu. Damit kein Salamander zu Schaden kommt, werden die gefundenen Exemplare per Eimer umgesetzt. Außerdem hat die Landesdirektion den Bauarbeitern einen Bauüberwacher zur Seite gestellt. Der Artenschützer kontrolliert die Arbeiten, berät die Bauleute.

Wie den Salamandern die sanierte Potatschke gefallen wird, wird sich zeigen. Die Naturschützer aber gehen von einer Verbesserung der Lebensbedingung aus, heißt es von der Nationalparkverwaltung. Dass die dreimonatige Unterbrechung unterdessen das Bauende in Gefahr bringt, davon geht Königsteins Stadtverwaltung derzeit noch nicht aus. Bis Ende des Jahres soll die Sanierung des Bachlaufs abgeschlossen sein. „Die Bauleute konnten während des Baustopps schon an anderen Stellen weiterbauen“, erklärt der Königsteiner Bauamtschef Ulf Gröger. Mehr Gedanken macht sich die Verwaltung unterdessen um die Kosten. Laut der ursprünglichen Planung liegen die bei 1,16 Millionen Euro. Aufgrund der Auflagen aber rechnet die Stadt mit einer höheren Summe: „Wir hoffen, dass wir zusätzliche Fördermittel bekommen“, sagt Ulf Gröger.